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Wikileaks-Depeschen

Mai 25, 2011

Es ist schon ein halbes Jahr her, als Wikileaks in Zusammenarbeit mit dem Spiegel, der New York Times, dem Guardian, Le Monde und El País durch die Veröffentlichung vertraulicher und geheimer Botschaftsberichte aus aller Welt eine scheinbare Zerreißprobe auf dem politischen Parkett hervorrief, von einem Super-GAU der Diplomatie und einer Bedrohung der internationalen Sicherheit war die Rede.
Die Reaktionen, vor allem die der USA, waren extrem ungemütlich, die Methoden von Wikileaks wurden als kriminell eingestuft, speziell Julian Assange wurde mit einem Terroristen gleichgesetzt. Auf deren wahrscheinlichen Druck wurde auch die Kooperation von Wikileaks mit Matercard, Pay Pal und Amazon kurzfristig gekündigt. Plötzlich war vergessen, dass gerade Demokratien die Publikationsfreiheit als ein Menschenrecht zu schützen haben und Journalismus die Aufgabe hat, den Staat zu kontrollieren, um dadurch eine Öffentlichkeit herstellen, die für eine Demokratie zwingend notwendig ist.
Doch nun stellte sich heraus, dass der Staat versuchte, sich über seine Bürger zu stellen und der Schutz dieser Dokumente und Zeugnisse über staatliches Handeln wichtiger zu sein schien als das Anrecht der Bürger auf freie Information. Die US-Administration hatte sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in eine Geheimniskrämerzentrale gewandelt, die Prioritäten lagen eindeutig auf den militärisch-geheimdienstlichen Kapazitäten, zur Zeit der Regierung von George W. Bush schrumpfte die Diplomatie auf ein Mindestmaß und die Diplomaten erfüllten eher Hilfsdienste als Laien-Spione. Erst mit der Präsidentschaft von Barack Obama änderte sich dieser Zustand, Diplomatie war wieder gefragt.
Aber es gibt immer noch viele Geheimnisträger, immerhin hatten 2,5 Millionen Beamte Zugriff auf diese ca. 250 000 nun veröffentlichten Dokumente und es gibt allein 854 000 Geheimnisträger in den USA, so dass es nicht verwundert, wenn jemand auf die Idee kommt, dieses Herrschaftswissen den Bürgern preiszugeben. Zumal dadurch erst klar wird, wie sehr jenes Wissen dem Halb- und Unwissen ähnelt, abgesehen von einigen wirklich wichtigen und auch skandalösen Offenbarungen. Oft ist es der üblich etwas bösartige Klatsch und Tratsch, von dem man amüsiert zur Kenntnis nehmen kann, was man eh schon ahnte.
Zum Beispiel, dass Angela Merkel, die Teflon-Kanzlerin, das Risiko scheut und eher nicht kreativ ist, ihr Mitstreiter Guido Westerwelle inkompetent und eitel ist, Nicolas Sarkozy einem Kaiser ohne Kleider gleicht, Wladimir Putin der Alpha-Rüde im Gespann mit dem eher blassen Dmitri Medwedew ist, ein aufgeblasener Silvio Berlusconi wilde Party veranstaltet, Recep Erdogan eigentlich ein korrupter Islamist ist, der schwache Hamid Karzai sich mit Paranoia und Verschwörungstheorien herumplagt und sich ebenfalls mit Korruption tröstet, Kim Jong-il nur noch ein schlaffer alter Kerl ist und Mahmud Ahmadinedschad sogar das Böse in Form eines neuen Hitlers verkörpert. Der Geisteszustand mancher Politiker wird doch mitunter arg in Frage gestellt, so zweifelte auch Hillary Clinton an der Zurechnungsfähigkeit der argentinischen Präsidentin Cristina Kirchner und die europäischen Staatsoberhäupter buhlten wie die Kinder um die Gunst und ein Treffen mit Präsident Barack Obama.
Eine Blamage für die US-Regierung dürfte die Anordnung des Außenministeriums zum Ausspionieren der Mitarbeiter der UNO sein. So wollte man alles über die interne Kommunikation und die Sicherheitsmaßnahmen wissen. Sogar Passwörter, Kreditkarten- und private Telefonnummern, persönliche Codes für Verschlüsselungen und biometrische Daten waren von großem Interesse. Außerdem versuchte die US-Regierung ihre Guantanamo-Häftlinge gegen ein Kopfgeld und anderweitige Versprechen ins Ausland zu verfrachten. Saudi-Arabien machte sogar den Vorschlag, diese ehemaligen Häftlinge dann mit einem Mikrochip zu versehen, um sie weiterhin kontrollieren zu können.
Sehr kritisch gesehen wurden die Türkei, mit ihrem ausgeprägten Hang zum Islamismus und dem osmanischen Minderwertigkeitskomplex, Russland, mit seinen mafiös kleptokratischen Strukturen, seinen dubiosen Waffenlieferungen und dem Kalter-Krieg-Gehabe und vor allem China, die undurchsichtige gefährlich erstarkende Macht, die Nordkorea erstaunlicherweise weniger unterstützt als gedacht und eine Wiedervereinigung mit Südkorea nicht ausschließt.
Besonderes Augenmerk gilt dem Nahen und Mittleren Osten, Jemen, wo sich al-Qaida immer mehr ausbreitet und die Anti-Terror-Hilfe für den mörderischen Kampf gegen Aufständische missbraucht wird, deren Regierung auch schon mal US-Angriffe als eigene Attacken ausgibt, Irak, wo die Amerikaner komplett gescheitert sind und sich zwischen den Machtkämpfen von Sunniten und Schiiten verheddert haben, so auch im Nahost-Konflikt, in dem die USA hilflos zusehen, wie alle Seiten tricksen und sich die Lage trotz erheblicher finanzieller Spritzen nicht ändert, Pakistan, das als ein atomar bewaffneter Staat äußerst labil agiert, weil die Militärs und die Geheimdienste ihre eigene Politik auch gegen amerikanische Interessen betreiben und die Sorge um das nukleare Material und eine mögliche schmutzige Bombe immer größer wird. Und dann insbesondere Iran, um dessen vermutlich weit entwickeltes Atomprogramm, was vor allem die arabischen Staaten in regelrechte Panik versetzt.
Diese haben eine so alptraumhafte Angst, ein atomar bewaffneter Iran könnte ihre Scheichtümer und Königshäuser politisch und militärisch kontrollieren, dass sich die Staaten dieser Region mit amerikanischen Waffen und Abwehrraketen regelrecht zuschütten. Auch die Israelis entwerfen regelmäßig Horrorszenarien, ab wann der Iran in der Lage wäre, die Bombe wirklich zu bauen, um sich dann ihrerseits alle Optionen für einen militärischen Einsatz offen zu halten. Von diesem Konflikt profitieren besonders Russland und China, die sich das Unterlassen von Geschäften mit dem Iran, sei es in nukleartechnischer oder in ölunternehmerischer Hinsicht, teuer bezahlen lassen.
Aber auch die Amerikaner wissen ihre dortige Stellung durch die regionale Instabilität zu nutzen. Massive Schutzvereinbarungen auf militärischer und infrastruktureller Basis, zementieren die amerikanische Weltmachtsäule, auch wenn die US-Regierung durch ihre zwanghafte Energiesicherungsfixierung auf das Öl mitunter zum Spielball unterschiedlicher Interessen und Feindschaften zwischen Arabern und Israelis, Islamisten und Säkularen wird.
Schließlich müssen auch die US-Diplomaten so manchen zwielichtigen Despoten umgarnen, um an das Schwarze Gold zu gelangen und das ohne nur irgendeine Rücksicht zu nehmen auf die klimaschädliche Wirkung dieses Rohstoffes. Denn allen verheerenden Witterungsprognosen zum Trotz wurden die Europäer auf dem Klimagipfel in Kopenhagen von den USA und China gründlich über den Tisch gezogen, um einen nur unwesentlich funktionierenden Minimalkonsens über die Beschränkung von Treibhausgasemissionen auszuhandeln.
Angesichts dieser Datenfülle aus den Depeschen wird wieder deutlich, was sowieso kein Geheimnis ist, das Geschachere und Gerangel unter den Politikern und Diplomaten wirkt mitunter kleingeistig und auch lächerlich, wenn es nicht so ernste Folgen hätte. Man darf durchaus spekulieren, ob es eine Koalition der Willigen für den Irak-Krieg gegeben hätte, wenn genaue Informationen über die nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen rechtzeitig publik gemacht worden wären.
Auch mittels Wikileaks könnte eine größere Hoffnung bestehen, dass durch Transparenz und Wahrheit ein friedliches Miteinander eine reale Möglichkeit erhält, in einer Welt, in der die Mächtigen nicht mehr tun können, was sie wollen. Wahrheit bedeutet aber auch Verantwortung für jeden Einzelnen, weshalb sie so gefürchtet wird, jedoch sich dieser Furcht zu stellen, lohnt sich.

Tschetschenisierung

April 2, 2011

Das Schicksal Tschetscheniens ist bitter, zwei Kriege und ein nicht endender Terror haben das Land und seine Bewohner mürbe gemacht. Durch die Kämpfe und Bombenangriffe wurde alles zerstört, eine Infrastruktur gab es nicht mehr, die Wirtschaft lag am Boden und jede Familie hatte Verluste zu beklagen. Entführungen, Folter und Mord waren an der Tagesordnung, die Grausamkeiten, die man sich gegenseitig antat, waren unvorstellbar brutal.
Beide Seiten, Russen wie Tschetschenen, waren in einen Strudel der rohen Gewalt und der Barbarei geraten. Weil die russische Armee schlecht bezahlt wurde und viele für ihren Alkoholkonsum Geld brauchten, verkauften sie sogar ihre eigenen Waffen an ihre tschetschenischen Gegner, zudem wurden die Rebellen von wahhabitischen Strömungen aus dem Ausland unterstützt, sodass sich das gegenseitige Abschlachten jahrelang hinzog, ein sinnloses Gemetzel und ein tägliches Blutbad.
Ob die Wunden dieser menschenverachtenden Geschichte je heilen werden, ist zu bezweifeln, zumal der jetzige tschetschenische Präsident die Verkörperung des Krieges und des Terrors in Reinform darstellt. Ramsan Kadyrow ist ein ungebildeter, skrupelloser und selbstherrlicher Despot, der sich gern als „Vater des Volkes“ bezeichnen lässt.
Der Sohn des früheren Präsidenten wurde vom Kreml protegiert und sollte das kleine aufsässige Land wieder gefügig machen. Die von Moskau verordnete Normalisierung wurde sinnigerweise „Tschetschenisierung“ genannt. Es floss viel Geld in diese Region, der Aufbau der Häuser und Straßen wurde vehement vorangetrieben, in kürzester Zeit war aus dem zerbombten Ort Grosny wieder eine funktionierende Stadt geworden.
Doch der Preis dafür ist ein totalitäres, tyrannisches Regime, das weiterhin auf Gewalt und Unterdrückung setzt, wer widerspricht, lebt gefährlich, denn nach wie vor werden unliebsame Kritiker verfolgt, bedroht und ermordet. Durch die willkürliche Machtausübung von oben regieren Angst, Spitzelwesen und Rechtlosigkeit das kleine Land, die Bevölkerung wird von der Miliz kontrolliert, den Kadyrowski, die berüchtigt sind für ihr erbarmungsloses Vorgehen, es wird nach wie vor gefoltert und es verschwinden immer wieder Menschen spurlos.
Kadyrow hat ein System der Schutzgelderpressung eingeführt, um seine Herrschaft zu finanzieren und um seine Leute und den Bau von Moscheen zu bezahlen. Es findet eine Art Re-Islamisierung statt, Frauen werden immer rechtloser und Kadyrow sieht sich als ein religiöser Führer, als „Imam“.
Er liebt schnelle Pferde und schnelle Autos, dutzende davon besitzt er, er lässt sich feiern und bewundern, verteilt gern schon mal Geschenke in Form von Hundert-Dollar-Noten und tanzt mit vergoldeter Pistole auf diversen Partys.
Es wird erzählt, dass er einen privaten Folterkeller besitzt und auch selbst Hand anlegt, wenn es ihm in den Sinn kommt, seine Brutalität ist gefürchtet, aufgrund von mangelndem Gehorsam hat er schon ein paar seiner Leibwächter töten lassen. Sein verbrecherischer Arm reicht bis ins westliche Ausland, wer im Wege steht und es wagt Kadyrow anzuklagen, der muss mit einem Todesurteil rechnen, wo auch immer er sich befindet.
Im fernen Moskau toleriert man sein kriminelles Benehmen, denn es bedeutet in erster Linie Stabilität im Kaukasus, auch wenn das möglicherweise nicht von Dauer sein wird, weil die eigene Bevölkerung ihn zutiefst hasst, außerdem wird es in den Nachbarregionen zunehmend unruhiger, ständige Anschläge sind der traurige Alltag.
Für den Kreml erfüllt Kadyrow eine doppelte Funktion, einerseits scheint er ein nützlicher Gehilfe für das Regierungstandem Putin-Medwedew zu sein, andererseits ist er verrückt und wild genug, dass er den Fremdenhass gegen alles Kaukasische exzellent bedient. Denn es gilt eine alte Formel, dass der Kaukasus zu Russland gehört, aber eben nicht seine Bewohner, die Kaukasier.

42.Geburtstag

Juli 2, 2008

Ich merke nicht, dass es schon 0.00 Uhr ist, weil ich so mit einer Mail beschäftigt bin mit der Frage, warum es Stalin schaffen konnte, eines natürlichen Todes zu sterben. Es erscheint mir unglaublich, einen solchen Terror zu verbreiten und dennoch oder gerade deswegen, mit der Hörigkeit seiner Mitmenschen bis zu deren Selbstaufgabe zu rechnen. Eine Loyalität bis zur Leichenstarre.

Nun schleicht sich mein Geburtstag in mein Denken und auch die Tatsache, dass ich diese Mail an jemanden schreibe, in den ich mich vor guten fünf Jahren sehr verliebt hatte.

Vor fünf Jahren war mein Geburtstag auch ein Mittwoch, als ich diesen Mann vor einem gemeinsamen Seminar auf dem Weg dorthin traf. Und ich bat ihn, auf meinen kurz vorher geschriebenen Brief, in dem ich ihm meine Gefühle offenbarte, zu reagieren. Er wich mir damals uninteressiert mit Nebensächlichkeiten aus. Das war der Beginn einer der vielen Katastrophen meines Lebens.

Aber ich schreibe jetzt eine ganz sachliche Frage an ihn und so ist sie auch gemeint. Mich interessiert Stalin und die Magie eines Menschenfeindes, dessen Schicksal es war, alles Erdenkliche herauszufordern und Gott nur als seinen Gehilfen anzusehen. Rache war die Essenz seines Lebens und er hatte die Macht und Gewalt, dies ausgiebig tun zu können und wahrscheinlich auch tun zu müssen.

Eine erste Geburtstagsglückwunsch-Mail erreicht mich, ausgerechnet von dem Support eines Politik-Forums, aus dem man mich hinausgeworfen hatte, weil ich darin auf einen Text von mir über Putin hingewiesen habe, den die meisten der dortigen Community heillos zerrissen hatten.

Fast könnte man meinen, Putin hätte überall seine Agenten. Mein Text heißt Anti Putin und genau so war er auch gemeint, keine freundliche Analyse seines Daseins, wozu auch.

Heute amüsiert mich diese Mail doch etwas.

Die Tage vor meinem Geburtstag haben mich wieder mal an den Rand gebracht, Zahnschmerzen und Trübsinn, meine Nerven sind sowieso nicht strapazierfähig.

Dann lese ich zwei gestern angekommene Glückwunschkarten. Das wollte ich eigentlich zuerst tun, um mich aufzuheitern. Ich hole mir noch drei Zigaretten. Ich will wie immer aufhören, deshalb kaufe ich sie einzeln, aber mit dem gestrigen Verbot macht das Rauchen leider wieder Spaß.

Ich sehe mir den Film „Knallhart“ noch einmal an, ein düster gefährliches Requiem auf unsere verlorene jugendliche Welt, deprimierend und ausweglos. Ein gelungener Film mit einer hohen Musikalität und Stringenz, wirklich faszinierend.

Beim Schließen der Balkontür sehe ich das beruhigende goldene Licht des Jupiters.

Ich gehe ins Bett, da liege ich hellwach und verstehe nicht, warum. Meine allabendlichen Medikamente, die mich psychisch stabil halten sollen, habe ich schon vor Stunden genommen, eigentlich machen sie mich nach einer Stunde müde. Mein Körper will keinen Schlaf, gar nicht, also denke ich nüchtern über mein bisheriges Leben nach.

Anfangs sind meine Denkschleifen harmlos. Meine Mutter kommt mir in den Sinn, mit der ich nicht reden will, weil sie mich mit ihrer Lieblosigkeit zerstört. Mit meinem Vater verhält es sich genauso, mit ihm kann ich auch nicht reden, seine Gefühlskälte halte ich überhaupt nicht aus. Meine Schwester finde ich unangenehm, zu ihr möchte ich ebenfalls keinen Kontakt, ebenso zu ihrem Vater, weil beide mich im Grunde ihres Herzens verachten.

Aber die Schlinge zieht sich wieder zu, wenn ich an die Männer denke, die ich geliebt habe, aber die mich nicht wollten und die anderen, mit denen ich geschlafen habe, die ich aber nicht wollte, grauenhafter Sex.

Dazwischen gab es nichts und das Vakuum tut sich auf, diese pechschwarze Leere.

Solche Löcher sind meine ständigen Begleiter, riesige Mäuler, die keine Zähne nötig haben, weil sie jede Hoffnung verschlingen und der Selbstmordgedanke hämmert mal wieder an meine Schädeldecke.

Mir wird wieder bewusst, dass ich für meine Familie und für fast alle Menschen, die mir begegnet sind, nicht wirklich wichtig war. Es machte ihnen nichts aus, mich zu ignorieren, mich auszutauschen oder zu verraten. Meine letzte Verliebtheit kriecht in mir hoch. Nachdem ich ihm einen schüchternen Zettel schrieb, hatte er mich nicht einmal mehr gegrüßt. Immer diese Strafe, sich zu verlieben.

Nun wird es brenzlig für mich, ich empfinde einen solchen stechenden Schmerz, dass ich fast schreien muss. Ich hätte das Denken sein lassen sollen oder mir klar machen, dass ich fast meine gesamte Lebenszeit im Kopf verbringe und dort sicher eines der besten Leben habe. Aber mein Körper lässt sich nicht täuschen. Ich benutze ihn nur, er wehrt sich und macht sich krank.

Dann frage ich mich, warum ich mich nicht schon längst umgebracht habe. Mir fällt natürlich meine Oma ein. Als sie noch lebte, habe ich es ihretwegen nicht fertig gebracht, sie hätte es nicht verstanden, sie hätte maßlos gelitten. Seit mehr als drei Jahren ist sie tot und mir wird klar, sie war der einzige Mensch, der mich unerschütterlich und bedingungslos geliebt hat.

Ich bin nicht verloren. Meine Oma bleibt der Verschluss der bösen Flasche, in der meine endgültige Selbstzerstörung wartet. Es hätte schlimmer sein können, wenn es niemanden gegeben hätte, mir wäre jeder Boden entzogen, das begreife ich heute. Meine Liebe ist nicht umsonst gewesen und wird es nicht sein.

Trotzdem werde ich todtraurig, weil ich meine Oma nicht mehr sehen kann, nicht mehr riechen, sie nicht aufmuntern kann. Die ersten Tränen um sie bringen mir eine Flutwelle von Tränen und ich weine auch den unerfüllten Lieben wieder hinterher, als wäre alles erst gestern gewesen.

Dann wandert mein Gehirn ist eine andere, längst vergangene düstere Ecke, die des Wahns, der mich einige Jahre innehatte. Mein Selbst war zerbrochen, ich war bis zur Unkenntlichkeit entstellt und unfähig, irgendetwas zu tun. Meinen eigenen Tod hatte ich vor Augen und dachte, ich hätte zu Ende gelebt. Und ich wollte mich rächen an denen, die mich so tief verletzt hatten. Rache und Hass hatten mich in der Gewalt, sie alle schlagen, sie treten, sie vernichten, nur tun konnte ich nichts, außer ununterbrochen zu rauchen.

Meine Brücke zur Welt war zerbrochen in dem Moment, als ich das Theater verließ, das ich nie verlassen wollte. Theater zu spielen war nicht nur mein Traum, es war meine Notwendigkeit, meine Unentbehrlichkeit. Der Verlust des Theaterbodens entzog mir jeglichen Überlebenssinn, auch die Fähigkeit nach vorn zu schauen und überhaupt eine Zukunft haben zu können.

Diese Tür schlug zu, als ich mit Anfang zwanzig meine unerfüllte große Liebe traf, den ich nie hassen konnte, auch nicht die anderen, die ich einst liebte, obwohl danach alles nur bergab ging, meine Urkatastrophe. Dazu kam die Wende, ich hatte die DDR vorher verlassen und viel zu schnell holte mich mein früheres Leben wieder ein, vor allem der Gedanke an eine entsetzlich schlimme Beziehung, wegen der ich damals in den Westen ging.

Auf Straßen übernachtete ich damals und in Kellern, betrunken oder nüchtern. Wie ein Köter schlich ich kraftlos und erniedrigt umher, landete in Kliniken, ohne Schlaf. Ganze Monate verbrachte ich im Bett, war nicht einmal imstande, mich zu ernähren. Ich wollte von überall flüchten, weg aus dieser feindlichen Umgebung, die sich gegen mich verschworen zu haben schien.

Oder wenigstens die ganze Menschheit retten und dafür sterben dürfen, mich wahnsinnig opfern.

Aber auch mein Leben wollte ich retten, in ein Kloster gehen oder vielleicht ins Gefängnis, nur aufgehoben sein. Vielleicht dafür töten, einen Fremden vor den Zug stoßen, aber überleben.

Es wird wieder kalt in meinem Kopf und ich fühle mich schuldig und unverstanden. Weit, sehr weit wäre ich gegangen, hätte ich gehen können, aber ich hing in meinem Kopf fest und hänge immer noch fest. Ich wusste nicht, wie zerbrechlich ich bin und ich musste mich aus dieser Panik heraus fast völlig in meine Gedankenwelt zurückziehen.

Es ist hell geworden, die Vögel machen Krach, schlafen werde ich heute nicht mehr.

Und umbringen könnte ich mich immer noch, diese Option bleibt. Ich verschiebe es ständig, das habe ich von einem Arzt gelernt, einfach aufschieben und abwarten, bis es besser wird.

Ich will unbedingt eine Zigarette rauchen, ich gehe um die Ecke zu dem Laden, in dem ich sie einzeln kaufen kann, aber der ist noch zu. Ich finde einen Bäcker mit einem Automaten, aber der will nicht. Natürlich sollte ich nicht rauchen, aber ich lasse mich nicht davon abbringen. Mir fällt ein, dass es gegenüber eine Kneipe namens „Gun Club“ gibt, die hat nur nachts auf.

Von außen sieht sie dunkel aus und als ich eintrete, ist es auch dunkel, verraucht und verdreckt. Dumpfe ältere Männer sitzen am Tresen, einer auf einem ranzigen Sofa. Ich bitte um eine Karte für den Automaten und kann endlich Zigaretten kaufen. Mit viel Kaffee schmecken sie auch um diese Uhrzeit, ich beruhige mich ein wenig.

Das Morgenlicht tut mir gut, es sind mir die liebsten Stunden, bevor die Stadt anfängt zu pulsieren. Leider erlebe ich das selten, nur wenn ich die Nacht lang schreibe, ansonsten stehe ich spät auf.

Nie wollte ich schreiben müssen, eine seltsame Furcht vor dem Schreiben befällt mich regelmäßig. Nun ist das Schreiben meine einzige Stütze und Krücke geworden, um durchzuhalten. Und in den Geschichten kann man umbringen, wen und was man will. Albert, mein zuverlässiges Notebook, ist mein treuer und stummer Diener.

Mir geht das Bild dieser abgelebten Männer in der Kneipe nicht mehr aus dem Kopf. Ich glaube, es reflektiert meinen Seelenzustand. Verbraucht, kaputt und unerlöst, eingesperrt in eine Düsternis aus verlorenen Träumen. Das Warten auf das Ende, mehr bleibt nicht, nur das Hirn martert jeden Einzelnen auf einer täglichen Streckbank, meine vielen Ichs, die alle gescheitert sind.

Eine Melodie im Hirn spielt mir den Satz „Mama, help me to live“ im Staccato vor.

Ich sehe im Spiegel wieder mal ein Gespenst. Mein Gesicht ist nie dasselbe, diese vielen Facetten machen mir immer noch Angst. Die kleinen Narben zeigen sich heute sehr deutlich. Bleich ist mein Antlitz und meine Augen schauen mich das Schicksal hinnehmend an.

Ich will es aber nicht hinnehmen, ich will nicht ewig in diese Einsamkeit eingesperrt sein.

Also schminke ich mir eine erträgliche Maske, das geht relativ schnell.

Eine Spam-Mail ist eingetroffen, „Man lebt nur einmal, probier´s aus“. Ich bin vielleicht froh, dass ich nur einmal lebe, der Geschmack ist jedenfalls bitter. Und ich rauche zu viel.

Heute nehme ich keine Anrufe entgegen, ich möchte keine Glückwünsche hören, ich werde außerdem nicht da sein. Gleich gehe ich in die Sauna, aus Vernunftsgründen natürlich. Danach treffe ich einen Freund, eine exzentrische Pizza essen. Er ist leider auch immer unglücklich.

Im Anschluss widme ich mich wieder den Dingen, auch aus Vernunftsgründen, die mich zu einem nützlichen Menschen umfunktionieren sollen. Ein Vortrag „Die Umsetzung internationaler Menschenrechtsnormen“. Ich lerne unentwegt, bin nachrichtensüchtig und kann und muss mich mit dem Elend der Welt beschäftigen. Helfen und Briefe schreiben für Leute in Gefängnissen, die gefoltert werden, denen es also noch schlechter geht, das halte ich unbedingt für sinnvoll.

Später gibt es noch einen Vortrag „Zum transgenerationellen Gedächtnis im heutigen Russland“. Es geht um die Verdrängung von Schuld- und Verantwortungsfragen. Danach werde ich nach Hause gehen, der Tag wird fast vorüber sein.

Ich bin wieder alltagstauglich geworden, die Sonne scheint gleißend in mein Zimmer.

Das Telefon klinget, sehr früh, mein Vater ist am Apperat, ich nehme doch ab, er sagt mir Glückwünsche und betont, dass er extra aus Polen anruft. Sein Geiz lässt aber nur eine halbe Minute zu, dann legt er auf.

Wie jeden Tag schaue ich nach dem „Astronomy Picture of the Day“ der NASA. Heute gibt es meinen Lieblingsmond zu sehen, wenn ein Teil hell, der andere dunkle jedoch noch zu erahnen ist. Dazu schweben Geisterwolken den Himmel entlang. Alles in betörendem Blau, wie bezaubernd.

Einen Satz habe ich gestern Nacht mit auf den Weg bekommen, er stammt von Kafka.

„Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg.“

Ich wünsche mir Glück.