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Requiem für Aisha aus Kismayo

November 15, 2008

Die Welt ist dunkler geworden, seit Du im Grabe liegst, Aisha.
Von Deinen sanften braunen Augen ist nichts geblieben,
noch nicht einmal ein gebrochener Blick.

Deine gellenden Schreie zerfurchten fast den Himmel,
als drei Männer Dich verschleppten nachts,
Dich, Du Kind, gerade dreizehn geworden.
Wie sie Dich nahmen, ihr Fleisch in Dich stachen,
der brennende Schmerz zwischen Deinen Schenkeln,
deren rauchiger Atem auf Deinen wimmernden Lippen,
ihr Keuchen und Stöhnen, ihr beißender Geruch
und ihr pulsierendes Gewicht drohten Dir den Luftstrom zu nehmen.
Sie drangen in Deine Öffnungen, von vorn, von hinten,
Du hattest den Geschmack von Sand und Sperma im Mund.
Der Abgrund schoss durch Deine Gedanken, sterben, sterben, sterben.
Nach Ewigkeiten ließen sie endlich ab,
verschwanden gröhlend im Schattenreich der Nacht.
Da lagst Du zu Blei geworden reglos wie der Boden selbst.
Mattherzig wandelte ein Dreiviertelmond
an den trostlos funkelnden Sternen vorbei.
Ein Lichtschimmer am Horizont gab Dir den Schlaf des Vergessens,
bis Dir die Sonne die Lider öffnete, alles an Dir war blutig, verdreckt,
gnadenlos der Alptraum, der sich von den nächtlichen Ahnungen
in den nackten Tag mit wachsendem Grausen gedrängt hatte.
Kleine Schritte durch den warmen Sand gaben etwas Halt,
als von weitem Deine Mutter verzweifelt nach Dir rief.
Das blanke Entsetzen ließ Dein Anblick in ihren Augen flackern.

Dein Name war wie Deine geschwungene Braue, Aisha.
So oft hatten Deine vollen Lippen den Propheten gepriesen,
nach dessen Lieblingsfrau sie Dich nannten.

In den Armen Deiner Mutter warst Du vorerst sicher,
weinend mit einer Dir fremden eigenen und wortlosen Stimme
aus gequälten Lauten, als hätten sie Dir die Haut abgezogen.
Die Blicke Deiner Geschwister waren von Trauer so seltsam.
Dein Vater bedeckte mit den Händen sein Gesicht,
hilflos murmelte er immer wieder Gebete in die Ecken.
Wofür diese Strafe, diese schöne Tochter Gottes, geschändet,
was würde nun werden aus den geschmiedeten Plänen.
Deine Mutter wusch Dich vorsichtig wie ein Kleinkind,
ihren tiefen Kummer konnte sie nicht verbergen,
auch erklären konnte sie Dir nicht, was geschehen war.
Vergewaltigung, zu furchtbar war diese Schande für die ganze Familie,
in ihren Adern begann allmählich die Wut zu kochen.
Sie beschlossen, für diese Schmach Gerechtigkeit einzufordern,
dieses grausame Verbrechen anzuzeigen, das Dein Leben zerstört hat.
Recht sprechen würde darüber die islamistische Al-Shabab-Miliz,
so dachten sie, im vollen Vertrauen auf die Richtigkeit ihres Glaubens
und der Urteilskraft des Imams und der Miliz, die die Stadt kontrollierte.
Du aber wolltest das Haus auf gar keinen Fall verlassen,
die Angst lauerte überall außerhalb der vertrauten vier Wände.
Lodernde Schmerzen im schwachen Leib versagten Dir das Laufen.

Deine Anmut entblößte die Schuld Deiner Brüder, Aisha.
Das Salz der Tränen verwüstete durch die tägliche Mühsal ihre Herzen,
Deinen Mördern blieben nur Augen und Zungen aus Stein.

So legten Deine Eltern Dich auf einen morschen Holzkarren,
wie ein Beweisstück, damit der Imam die Schandtat erkennen könne.
Aber kaum waren sie dort angekommen,
kaum hatten sie das Unaussprechliche geäußert,
stürzten sich schon die Milizionäre auf Dich,
sie zerrten Dich in einen feuchten düsteren Raum.
Du hörtest das Klagen Deiner Eltern, ihre verzweifelten Bitten.
Fassungslos mussten Deine Eltern erfahren,
dass Du ganz allein die Schuld zu tragen hast,
den außerehelichen Geschlechtsverkehr vollzogen zu haben.
Die Sharia gebietet es, dass eine Frau den Tod verdient,
wenn sie genau das tut, und die Frau ist immer schuldig.
Niemand machte sich die Mühe, die Täter zu suchen oder zu verhaften.
Die Beweislage war für sie klar, Du hattest die Männer verführt,
dabei hattest Du noch nicht einmal das heiratsfähige Alter erreicht.
Dass Du erst dreizehn warst und somit nicht zu verurteilen,
lösten sie so, indem sie Dein Alter auf dreiundzwanzig festlegten.
Die Zelle war schmierig von Kot, auf dem Boden lag eine alte Matratze.
Wie ein Embryo lagst Du zusammengerollt, schlotternd vor Angst
im Halbdunkel, bedrohlich die schweren Schritte, dann wieder Ruhe.
Ganz fest hast Du an die Tage vor dem Schrecken gedacht,
an das so wunderbar gleißende Sonnenlicht,
das vergnügliche Versteckspiel mit Deinen Schwestern,
das Lachen Deiner Mutter, nachdem sie geschimpft hatte,
die unverhoffte Freude, den heimischen Duft von Brot am Morgen,
die staubige Straße, Streit mit den Nachbarn, Wind in den Haaren.

Dein Sehnen war erloschen vor Deiner Zeit, Aisha.
Wie Deine Schwestern sollte auch Dich Dein Schicksal beschenken,
mit einem seelenvollen Mann und zauberhaften Kindern.

Für einen Moment huschte ein Lächeln durch Dich,
dann brach unerbittlich die Wirklichkeit in Deine Innenwelt,
Deine Augen wolltest Du nicht öffnen, nicht sehen,
was Dich umgab, nicht begreifen, was mit Dir geschah,
es darf nicht wahr gewesen sein, es darf nicht sein, nein.
Die Erschöpfung brachte kurz den willkommenen Schlaf.
Früh am Morgen weckten Dich harte Männerstimmen,
sie brüllten Dich an, wie Du so niederträchtig sein konntest,
die Ehre Deiner Familie und den Glauben zu beschmutzen.
Einer der Männer griff Dir zwischen die Beine und höhnte,
dass das Dir sicher gefallen würde, aber nun sei es zu spät.
Die Miliz war in einem Lautsprecherwagen durch die Stadt gefahren,
um Deine bevorstehende Steinigung anzukündigen, ein Spektakel.
An die tausend Einwohner versammelten sich bis zum Nachmittag
im Fußballstadion, um Steine zu werfen und alles genau zu verfolgen.
Eine ganze LKW-Ladung Steine wurde dorthin geliefert,
und in die Mitte wurde ein Loch in die Erde gegraben.
Dann holten sie Dich, johlende Männer spuckten nach Dir.
Dein Wimmern, Dein Klagen, Dein Jammern half nichts,
auch Dein flehendes Bitten um Gnade beim Herrn schien töricht.
Es blieben Dir nur Deine panischen Rufe, nicht getötet zu werden.

Deine Gebete waren wie Anker in der Lüften, Aisha.
Wie die Wolken verblassten sie und verloren sich ohne Sinn,
wie auch Dein Leben verging, ganz ohne Sinn.

Nicht hergeben wolltest Du Dein einziges Leben, nicht lassen,
konntest es nicht lassen, so viel Kraft und Willen waren in Dir,
vier Männer mussten Dich bändigen, um Dich ins Loch zu stoßen.
Sie gruben Dich dort bis zum Hals ein, bis Dein Leib feststeckte.
Die irrsinnige Angst ließ Deinen Atem Schreie wie Sirenen ausstoßen,
während sich fünfzig geifernde Männer im Kreis aufstellten,
jeder einen Haufen mit faustgroßen Steinen vor sich.
Sie begannen mit dem gezielten Werfen auf Dein kreischendes Haupt.
Wie Elektroschocks trafen Dich die ersten Geschosse.
In Zeitlupe kamen sie geflogen, mal schneidend, mal dumpf,
ein stechender Schmerz, als würde Dein Gehirn zersieden,
als würde Dein Gesicht zerfließen und Dein Schädel Risse bekommen.
Kein Gedanke mehr, nur noch einen Augenblick die Sonne sehen,
das Licht in sich speichern, den Lärm ringsumher vergessen,
nur das Zwitschern der Vögel und die Musik festhalten,
sich wehren mit aller Macht, sich dann hingeben, ohnmächtig.
Plötzlich eisige Stille und ein seltsames Zwielicht,
von außen das Sonnengold des Sandes, innen sterniges Geflimmer.
Nach zehn Minuten waren die Steine aufgebraucht,
die Männer ließen ab, und sie gruben Deinen Körper aus.
Noch atmete etwas in Dir, zwei Krankenschwestern nickten,
die Männer sammelten die Steine zusammen.
Vereinzelt regte sich Widerstand im Publikum, Rufe nach Erbarmen,
daraufhin feuerten die Milizen mit ihren Waffen auf die Zuschauer.

Dein Leichentuch wollte nicht weiß bleiben, Aisha.
Nur die Konturen Deines jungen Körpers schienen hindurch,
Dein Schädel war ein kalter zerborstener Scheiterhaufen.

Wie eine Puppe wurdest Du wieder in das Loch gesteckt.
Erneut flogen die Steine auf Deinen nun lautlosen Kopf,
der wie ein festgefrorener Ball hin und her schwankte, bis er zerbarst.
Die kleinen Trümmer lagen zerschmettert da, getunkt in hellem Blut,
beklebt mit der Mischung aus gelblicher Gehirnmasse und Staub.
Manche Fleischstücke deuteten noch ihren Ursprung an,
ein Augapfel war rund geblieben, im Kiefer steckten noch Zähne.
Dein zerfetztes Antlitz war keine furchtverbreitende Fratze des Todes,
es war nur ein Ding, eine Sache, von der die meisten dachten,
überzeugt waren, dass sie gemacht werden musste.
Die Sharia ist das Maß aller Dinge, der Imam hatte in deren Namen
Recht gesprochen, Steinigung blieb die gerechte Strafe.
Doch die Schüsse der Milizen trafen auch einen kleinen Jungen,
sein Vater hatte ihn zur Anschauung der Gebräuche mitgenommen.
Erst acht Jahre alt, wurde er verletzt und verblutete an Ort und Stelle.
Gleichzeitig mit Dir hatte er diese Welt verlassen müssen.
Für seinen Tod fanden die Islamisten große Worte der Reue,
ein wirklich unbeabsichtigtes und bedauerliches Versehen,
das passieren könne bei so einem bewegenden Ereignis.
Für Dich hatten sie kein einziges Wort übrig.

Dein Tod lässt die Säulen des Islam einstürzen, Aisha.
Kein Glaube ist beständig bedeutsam mit Händen voll von Blut,
Wozu kam der Prophet, wenn weiterhin getötet wird.

42.Geburtstag

Juli 2, 2008

Ich merke nicht, dass es schon 0.00 Uhr ist, weil ich so mit einer Mail beschäftigt bin mit der Frage, warum es Stalin schaffen konnte, eines natürlichen Todes zu sterben. Es erscheint mir unglaublich, einen solchen Terror zu verbreiten und dennoch oder gerade deswegen, mit der Hörigkeit seiner Mitmenschen bis zu deren Selbstaufgabe zu rechnen. Eine Loyalität bis zur Leichenstarre.

Nun schleicht sich mein Geburtstag in mein Denken und auch die Tatsache, dass ich diese Mail an jemanden schreibe, in den ich mich vor guten fünf Jahren sehr verliebt hatte.

Vor fünf Jahren war mein Geburtstag auch ein Mittwoch, als ich diesen Mann vor einem gemeinsamen Seminar auf dem Weg dorthin traf. Und ich bat ihn, auf meinen kurz vorher geschriebenen Brief, in dem ich ihm meine Gefühle offenbarte, zu reagieren. Er wich mir damals uninteressiert mit Nebensächlichkeiten aus. Das war der Beginn einer der vielen Katastrophen meines Lebens.

Aber ich schreibe jetzt eine ganz sachliche Frage an ihn und so ist sie auch gemeint. Mich interessiert Stalin und die Magie eines Menschenfeindes, dessen Schicksal es war, alles Erdenkliche herauszufordern und Gott nur als seinen Gehilfen anzusehen. Rache war die Essenz seines Lebens und er hatte die Macht und Gewalt, dies ausgiebig tun zu können und wahrscheinlich auch tun zu müssen.

Eine erste Geburtstagsglückwunsch-Mail erreicht mich, ausgerechnet von dem Support eines Politik-Forums, aus dem man mich hinausgeworfen hatte, weil ich darin auf einen Text von mir über Putin hingewiesen habe, den die meisten der dortigen Community heillos zerrissen hatten.

Fast könnte man meinen, Putin hätte überall seine Agenten. Mein Text heißt Anti Putin und genau so war er auch gemeint, keine freundliche Analyse seines Daseins, wozu auch.

Heute amüsiert mich diese Mail doch etwas.

Die Tage vor meinem Geburtstag haben mich wieder mal an den Rand gebracht, Zahnschmerzen und Trübsinn, meine Nerven sind sowieso nicht strapazierfähig.

Dann lese ich zwei gestern angekommene Glückwunschkarten. Das wollte ich eigentlich zuerst tun, um mich aufzuheitern. Ich hole mir noch drei Zigaretten. Ich will wie immer aufhören, deshalb kaufe ich sie einzeln, aber mit dem gestrigen Verbot macht das Rauchen leider wieder Spaß.

Ich sehe mir den Film „Knallhart“ noch einmal an, ein düster gefährliches Requiem auf unsere verlorene jugendliche Welt, deprimierend und ausweglos. Ein gelungener Film mit einer hohen Musikalität und Stringenz, wirklich faszinierend.

Beim Schließen der Balkontür sehe ich das beruhigende goldene Licht des Jupiters.

Ich gehe ins Bett, da liege ich hellwach und verstehe nicht, warum. Meine allabendlichen Medikamente, die mich psychisch stabil halten sollen, habe ich schon vor Stunden genommen, eigentlich machen sie mich nach einer Stunde müde. Mein Körper will keinen Schlaf, gar nicht, also denke ich nüchtern über mein bisheriges Leben nach.

Anfangs sind meine Denkschleifen harmlos. Meine Mutter kommt mir in den Sinn, mit der ich nicht reden will, weil sie mich mit ihrer Lieblosigkeit zerstört. Mit meinem Vater verhält es sich genauso, mit ihm kann ich auch nicht reden, seine Gefühlskälte halte ich überhaupt nicht aus. Meine Schwester finde ich unangenehm, zu ihr möchte ich ebenfalls keinen Kontakt, ebenso zu ihrem Vater, weil beide mich im Grunde ihres Herzens verachten.

Aber die Schlinge zieht sich wieder zu, wenn ich an die Männer denke, die ich geliebt habe, aber die mich nicht wollten und die anderen, mit denen ich geschlafen habe, die ich aber nicht wollte, grauenhafter Sex.

Dazwischen gab es nichts und das Vakuum tut sich auf, diese pechschwarze Leere.

Solche Löcher sind meine ständigen Begleiter, riesige Mäuler, die keine Zähne nötig haben, weil sie jede Hoffnung verschlingen und der Selbstmordgedanke hämmert mal wieder an meine Schädeldecke.

Mir wird wieder bewusst, dass ich für meine Familie und für fast alle Menschen, die mir begegnet sind, nicht wirklich wichtig war. Es machte ihnen nichts aus, mich zu ignorieren, mich auszutauschen oder zu verraten. Meine letzte Verliebtheit kriecht in mir hoch. Nachdem ich ihm einen schüchternen Zettel schrieb, hatte er mich nicht einmal mehr gegrüßt. Immer diese Strafe, sich zu verlieben.

Nun wird es brenzlig für mich, ich empfinde einen solchen stechenden Schmerz, dass ich fast schreien muss. Ich hätte das Denken sein lassen sollen oder mir klar machen, dass ich fast meine gesamte Lebenszeit im Kopf verbringe und dort sicher eines der besten Leben habe. Aber mein Körper lässt sich nicht täuschen. Ich benutze ihn nur, er wehrt sich und macht sich krank.

Dann frage ich mich, warum ich mich nicht schon längst umgebracht habe. Mir fällt natürlich meine Oma ein. Als sie noch lebte, habe ich es ihretwegen nicht fertig gebracht, sie hätte es nicht verstanden, sie hätte maßlos gelitten. Seit mehr als drei Jahren ist sie tot und mir wird klar, sie war der einzige Mensch, der mich unerschütterlich und bedingungslos geliebt hat.

Ich bin nicht verloren. Meine Oma bleibt der Verschluss der bösen Flasche, in der meine endgültige Selbstzerstörung wartet. Es hätte schlimmer sein können, wenn es niemanden gegeben hätte, mir wäre jeder Boden entzogen, das begreife ich heute. Meine Liebe ist nicht umsonst gewesen und wird es nicht sein.

Trotzdem werde ich todtraurig, weil ich meine Oma nicht mehr sehen kann, nicht mehr riechen, sie nicht aufmuntern kann. Die ersten Tränen um sie bringen mir eine Flutwelle von Tränen und ich weine auch den unerfüllten Lieben wieder hinterher, als wäre alles erst gestern gewesen.

Dann wandert mein Gehirn ist eine andere, längst vergangene düstere Ecke, die des Wahns, der mich einige Jahre innehatte. Mein Selbst war zerbrochen, ich war bis zur Unkenntlichkeit entstellt und unfähig, irgendetwas zu tun. Meinen eigenen Tod hatte ich vor Augen und dachte, ich hätte zu Ende gelebt. Und ich wollte mich rächen an denen, die mich so tief verletzt hatten. Rache und Hass hatten mich in der Gewalt, sie alle schlagen, sie treten, sie vernichten, nur tun konnte ich nichts, außer ununterbrochen zu rauchen.

Meine Brücke zur Welt war zerbrochen in dem Moment, als ich das Theater verließ, das ich nie verlassen wollte. Theater zu spielen war nicht nur mein Traum, es war meine Notwendigkeit, meine Unentbehrlichkeit. Der Verlust des Theaterbodens entzog mir jeglichen Überlebenssinn, auch die Fähigkeit nach vorn zu schauen und überhaupt eine Zukunft haben zu können.

Diese Tür schlug zu, als ich mit Anfang zwanzig meine unerfüllte große Liebe traf, den ich nie hassen konnte, auch nicht die anderen, die ich einst liebte, obwohl danach alles nur bergab ging, meine Urkatastrophe. Dazu kam die Wende, ich hatte die DDR vorher verlassen und viel zu schnell holte mich mein früheres Leben wieder ein, vor allem der Gedanke an eine entsetzlich schlimme Beziehung, wegen der ich damals in den Westen ging.

Auf Straßen übernachtete ich damals und in Kellern, betrunken oder nüchtern. Wie ein Köter schlich ich kraftlos und erniedrigt umher, landete in Kliniken, ohne Schlaf. Ganze Monate verbrachte ich im Bett, war nicht einmal imstande, mich zu ernähren. Ich wollte von überall flüchten, weg aus dieser feindlichen Umgebung, die sich gegen mich verschworen zu haben schien.

Oder wenigstens die ganze Menschheit retten und dafür sterben dürfen, mich wahnsinnig opfern.

Aber auch mein Leben wollte ich retten, in ein Kloster gehen oder vielleicht ins Gefängnis, nur aufgehoben sein. Vielleicht dafür töten, einen Fremden vor den Zug stoßen, aber überleben.

Es wird wieder kalt in meinem Kopf und ich fühle mich schuldig und unverstanden. Weit, sehr weit wäre ich gegangen, hätte ich gehen können, aber ich hing in meinem Kopf fest und hänge immer noch fest. Ich wusste nicht, wie zerbrechlich ich bin und ich musste mich aus dieser Panik heraus fast völlig in meine Gedankenwelt zurückziehen.

Es ist hell geworden, die Vögel machen Krach, schlafen werde ich heute nicht mehr.

Und umbringen könnte ich mich immer noch, diese Option bleibt. Ich verschiebe es ständig, das habe ich von einem Arzt gelernt, einfach aufschieben und abwarten, bis es besser wird.

Ich will unbedingt eine Zigarette rauchen, ich gehe um die Ecke zu dem Laden, in dem ich sie einzeln kaufen kann, aber der ist noch zu. Ich finde einen Bäcker mit einem Automaten, aber der will nicht. Natürlich sollte ich nicht rauchen, aber ich lasse mich nicht davon abbringen. Mir fällt ein, dass es gegenüber eine Kneipe namens „Gun Club“ gibt, die hat nur nachts auf.

Von außen sieht sie dunkel aus und als ich eintrete, ist es auch dunkel, verraucht und verdreckt. Dumpfe ältere Männer sitzen am Tresen, einer auf einem ranzigen Sofa. Ich bitte um eine Karte für den Automaten und kann endlich Zigaretten kaufen. Mit viel Kaffee schmecken sie auch um diese Uhrzeit, ich beruhige mich ein wenig.

Das Morgenlicht tut mir gut, es sind mir die liebsten Stunden, bevor die Stadt anfängt zu pulsieren. Leider erlebe ich das selten, nur wenn ich die Nacht lang schreibe, ansonsten stehe ich spät auf.

Nie wollte ich schreiben müssen, eine seltsame Furcht vor dem Schreiben befällt mich regelmäßig. Nun ist das Schreiben meine einzige Stütze und Krücke geworden, um durchzuhalten. Und in den Geschichten kann man umbringen, wen und was man will. Albert, mein zuverlässiges Notebook, ist mein treuer und stummer Diener.

Mir geht das Bild dieser abgelebten Männer in der Kneipe nicht mehr aus dem Kopf. Ich glaube, es reflektiert meinen Seelenzustand. Verbraucht, kaputt und unerlöst, eingesperrt in eine Düsternis aus verlorenen Träumen. Das Warten auf das Ende, mehr bleibt nicht, nur das Hirn martert jeden Einzelnen auf einer täglichen Streckbank, meine vielen Ichs, die alle gescheitert sind.

Eine Melodie im Hirn spielt mir den Satz „Mama, help me to live“ im Staccato vor.

Ich sehe im Spiegel wieder mal ein Gespenst. Mein Gesicht ist nie dasselbe, diese vielen Facetten machen mir immer noch Angst. Die kleinen Narben zeigen sich heute sehr deutlich. Bleich ist mein Antlitz und meine Augen schauen mich das Schicksal hinnehmend an.

Ich will es aber nicht hinnehmen, ich will nicht ewig in diese Einsamkeit eingesperrt sein.

Also schminke ich mir eine erträgliche Maske, das geht relativ schnell.

Eine Spam-Mail ist eingetroffen, „Man lebt nur einmal, probier´s aus“. Ich bin vielleicht froh, dass ich nur einmal lebe, der Geschmack ist jedenfalls bitter. Und ich rauche zu viel.

Heute nehme ich keine Anrufe entgegen, ich möchte keine Glückwünsche hören, ich werde außerdem nicht da sein. Gleich gehe ich in die Sauna, aus Vernunftsgründen natürlich. Danach treffe ich einen Freund, eine exzentrische Pizza essen. Er ist leider auch immer unglücklich.

Im Anschluss widme ich mich wieder den Dingen, auch aus Vernunftsgründen, die mich zu einem nützlichen Menschen umfunktionieren sollen. Ein Vortrag „Die Umsetzung internationaler Menschenrechtsnormen“. Ich lerne unentwegt, bin nachrichtensüchtig und kann und muss mich mit dem Elend der Welt beschäftigen. Helfen und Briefe schreiben für Leute in Gefängnissen, die gefoltert werden, denen es also noch schlechter geht, das halte ich unbedingt für sinnvoll.

Später gibt es noch einen Vortrag „Zum transgenerationellen Gedächtnis im heutigen Russland“. Es geht um die Verdrängung von Schuld- und Verantwortungsfragen. Danach werde ich nach Hause gehen, der Tag wird fast vorüber sein.

Ich bin wieder alltagstauglich geworden, die Sonne scheint gleißend in mein Zimmer.

Das Telefon klinget, sehr früh, mein Vater ist am Apperat, ich nehme doch ab, er sagt mir Glückwünsche und betont, dass er extra aus Polen anruft. Sein Geiz lässt aber nur eine halbe Minute zu, dann legt er auf.

Wie jeden Tag schaue ich nach dem „Astronomy Picture of the Day“ der NASA. Heute gibt es meinen Lieblingsmond zu sehen, wenn ein Teil hell, der andere dunkle jedoch noch zu erahnen ist. Dazu schweben Geisterwolken den Himmel entlang. Alles in betörendem Blau, wie bezaubernd.

Einen Satz habe ich gestern Nacht mit auf den Weg bekommen, er stammt von Kafka.

„Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg.“

Ich wünsche mir Glück.