Posts Tagged ‘Pakistan’

Wikileaks-Afghanistan

Mai 20, 2011

Als vor 10 Monaten die fast 92 000 geheimen Dokumente über den Krieg in Afghanistan durch die Internetseite Wikileaks an die Öffentlichkeit gelangten, bestand die Hoffnung, dass durch die bloßstellende Beschreibung der alltäglichen Brutalität dieses Krieges eine größere Aussicht besteht, diesen Konflikt möglicherweise schneller zu beenden. Vor allem Julian Assange und seine Mitstreiter äußerten sich in diese Richtung, dass sich durch jenes schonungslose Kriegstagebuch mit seinen schockierenden Einzelheiten die öffentliche Meinung dahingehend verändern würde.
Doch das war leider ein gewaltiger Irrtum, es änderte sich gar nichts. Außer einem kurzen medialen Aufschrei, ging der mörderische Schrecken weiter in einem Land, welches in der Geschichte noch nie besiegt werden konnte.
Nicht der Ruf nach Gerechtigkeit, sondern die Logik der Gewalt brachte die Westmächte dazu, nach der erlittenen Demütigung durch den größten Terroranschlag in New York und Washington, sich mit aller militärischer Wucht auf Afghanistan zu stürzen und speziell auf die Terrorlegende Osama bin Laden, seinem al-Qaida-Netzwerk und die Taliban.
Lange hatten die USA gezielte Tötungen geheim gehalten, diese Drecksarbeit gehörte zu den dunklen Geheimnissen der Task Force 373, eine Truppe von Elitesoldaten, ein Teil davon sind auch die nun zu Weltruhm gekommenen Navy Seals. In den internen Papieren konnte man nachlesen, wie die Jagd auf Aufständische und die sogenannten Top-Tabilban funktionierte, die Anweisung für das Eliminieren der Feinde kam direkt aus dem Pentagon, manchmal traf es allerdings auch Unschuldige.
Aber spätestens mit der Tötung Osama bin Ladens wurde die gezielte Tötung als legitim angesehen, auch wenn sich der Westen mit dieser fragwürdigen Vorgehensweise im Wild-West-Stil auf die gleiche Stufe stellt wie die Terroristen. Ein anständiger Prozess, der dem Verhalten eines Rechtsstaates auch entspricht, wäre die angemessene Lösung gewesen.
Dass Osama bin Laden in Pakistan untergetaucht war, sollte niemanden wundern, schließlich würde es auch die Taliban ohne die Unterstützung der pakistanischen Sicherheitskräfte gar nicht geben. Der ISI hatte die Taliban einst aufgebaut, um nach dem Abzug der Sowjets ein Machtvakuum zu füllen und um den Einfluss des Erzrivalen Indien auf dortigem Boden zu verhindern. Und die westliche Welt stieg auf den Feindbild-Lückenfüller namens Islamismus nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums blindlings ein.
Doch Pakistan hat eine zweischneidige Rolle, einerseits ist es ein Hort des Terrors, anderseits ein Verbündeter im Kampf gegen den Terror. Das Land blieb nicht nur das Rückzugsgebiet der Taliban, von dort aus wurden die Kriegsstrategien entworfen, Waffen und Fahrzeuge geliefert, Selbstmordattentäter ausgebildet und Anschläge auf strategische Ziele in Kabul und Umgebung geplant.
Die Zahl der getöteten Zivilisten wuchs dadurch beständig, nicht nur durch die vielen Einsätze der ISAF-Truppen und die Bombenangriffe, von denen es hunderte mit mehr zivilen Opfern gab, als offiziell bekundet wurde. Auch deshalb wuchs der Hass der Bevölkerung auf die Ausländer, schon allein der Fakt genügte, dass bewaffnete Fremde auf den Straßen patroullieren, die als Besatzer empfunden werden und nicht als Helfer.
Der Wille zum Wiederaufbau durch die Nato wandelte sich zur Notwendigkeit des permanenten Schutzes vor den Einheimischen, die Taliban waren nicht zu erkennen, jeder konnte ein Feind sein, der aus dem Hinterhalt agiert.
Durch die ständigen Anschläge der al-Qaida sollte auch die Bevölkerung eingeschüchtert werden, jede Zusammenarbeit mit den ISAF-Truppen gilt als Verrat, Polizei-Checkpoints werden beschossen, explodierende Straßenbomben an jeder Ecke sind der Alltag, die Lage droht zu eskalieren und wird immer brenzliger, keiner kann sich den kriegerischen Handlungen entziehen. Das Land bewegt sich am Rande des Bürgerkriegs, der Frieden lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen, schon gar nicht mit der heutigen technisch überdosierten Kriegsmaschinerie der Westmächte, abgesehen davon steigen die enormen Kosten ins Uferlose.
Die Absichten Afghanistan anzugreifen, mögen anfangs große Unterstützung hervorgerufen haben, es ist jedoch wie jeder Waffengang ein schmutziger Krieg geworden mit all seinen Blutspuren und der erbarmungslosen Vernichtung von Existenzen. Außerdem ist gegen die Absolutheit der Dschihad-Kämpfer mit ihrer Todesliebe und der Selbstopferung, so irrational dies auch scheinen mag, kein Kampf zu gewinnen. Die Zeiten werden Jahr um Jahr tödlicher, Tausende sind bereits gestorben, ob durch Anschläge, Gefechte oder Bombenabwürfe, von Fortschritt kann keine Rede sein.
Die Situation ist verfahren und extrem schwierig und der Westen hat am Hindukusch eigentlich nichts verloren, seine Hilflosigkeit offenbaren die Dokumente über die Verstrickungen der Aufständischen mit dem pakistanischen Geheimdienst, auch der von den USA eingesetzte Hamid Karzai verfügt über keinerlei Macht außerhalb der Hauptstadt Kabul, zudem gibt es Mordkomplotte gegen Karzai und seinen Clan und die Bevölkerung will die Besetzung des Landes und die täglichen Opfer der Kämpfe nicht mehr hinnehmen.
Präsident Obama hat durch die angeordnete Tötung Osama bin Ladens zumindest ein erklärtes Ziel erreicht, wenn auch ein rachsüchtiges, doch seine Glaubwürdigkeit hat arg gelitten, das Gefangenenlager Guantanamo gibt es immer noch und seine Rhetorik ähnelt immer mehr derjenigen seines Vorgängers, von seinen echten Freundschaftsangeboten an die muslimische Welt ist nur noch wenig zu hören.
Auch wenn es plötzlich geheime Verhandlungen zwischen Vertretern der US-Regierung und Vertretern der Taliban für eine politische Lösung gibt, um einen Termin für den Abzug der ISAF-Truppen zu benennen, was auch bitter nötig ist, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, so bleibt Afghanistan eine offene Wunde, die Entwicklung in eine Demokratie ist gründlich misslungen. Niemand weiß, ob sich das Land jemals wieder stabilisieren kann, bedrohlich ist außerdem, dass sich auch die Atommacht Pakistan zunehmend in einen gescheiterten Staat verwandelt.
Die Folgen des nun schon so lange andauernden Krieges sind verheerend, wie die Dokumente von Wikileaks belegen und vermutlich wird diese Möglichkeit, genaue Informationen im Internet zu recherchieren, meist nur für Historiker von großer Bedeutung sein.
Ob Wikileaks wirklich einen ausschlaggebenden Einfluss auf die Weltpolitik hat, ist leider zu bezweifeln, aber die Pflicht der Bürger, Politik nicht nur den Politikern zu überlassen, hat dadurch eine großartige Chance bekommen. Hoffentlich wird sie auch genutzt.

Gute Miene zu bösem Spiel

Juni 29, 2008

Wenn ein Spaziergang durch dichtes Gras auf einer Mine endet, fehlt einem etwas, ein oder zwei Beine, vielleicht ein Arm oder gleich der Rest des Lebens, von einem Moment auf den anderen.

Das passiert ständig in dieser Welt, vor allem trifft es Kinder beim Spielen. Sie werden in der Luft zerrissen und ihre kleinen Körper liegen in Stücken auf dem blutigen Boden.

Falls sie überleben, müssen sie ihr trauriges Dasein eher fristen als ein würdiges Leben zu führen. In ihren Augen stehen permanent die Tränen und die Frage nach dem Warum.

Jeder findet das schrecklich und schlimm, wenn er diese Fotos sieht. Die armen Menschen, so etwas will doch keiner und schon gar nicht die verstümmelten Kinder sehen müssen.

Es gibt Tausende davon und jedes Jahr kommen Tausende hinzu, auch wenn sie weit weg sind von unseren Wohnzimmern.

Aber auch wir haben diese Verstümmelung ihrer Körper und Seelen zu ihnen gebracht in Form von Landminen und Streubomben und das jahrzehntelang.

Es war doch Krieg, lautet das gängige Argument, der Feind muss mit allen Mitteln bekämpft werden. Und gerade Streubomben haben eine erwiesene militärische Nützlichkeit, meinen die dafür verantwortlichen Streitkräfte.

Nur merkwürdig, dass diese Streubomben die einzige Waffe ist, die eine Versagerrate von bis zu vierzig Prozent hat. Welcher Kriegsherr würde normalerweise so eine Ausschussquote dulden?

Wie ein schlimmer Regen stürzen die Teile hinab, wenn sich die Bombe in der Luft geöffnet hat. Einige von den Minisprengsätzen detonieren in der Luft, aber viele verteilen sich nicht detoniert über ein riesiges Gebiet. Da liegen sie dann und warten hinterhältig, bis sie jemand berührt.

Und gerade das ist es, was die Streubombe anscheinend so außerordentlich beliebt macht bei den Militärs. Es gefällt ihnen wohl zu wissen, dass die Bomben allein nicht ausreichen. Es müssen auch noch die kleinen Blindgänger auf den Wiesen liegen, die die Einwohner in Stücke reißen.

Sie sind nichts anderes als Minen, auch wenn man diese schon vor einigen Jahren mit der Ottawa-Konvention verboten hat. Allerdings galt das nur die Antipersonen-Minen.

Anti-Fahrzeugminen, Fernminen und Flächenverteidigungsminen sind immer noch erlaubt. Nur können diese Minen nicht zwischen einem Schulbus und einem Panzer unterscheiden. Und Anti-Panzerminen enthalten häufig auch weiterhin noch Anti-Personenminen zum Räumschutz.

Es liegen wahrscheinlich noch mehr als einhundert Millionen Minen in ca. vierzig Ländern in der Erde. Und täglich werden Menschen dadurch verletzt und getötet, meistens Frauen und Kinder.

Fleißig werden weiter neue Minen-Systeme produziert, miteinander kommunizierende und hüpfende, die nicht verboten sind. Der Einfallsreichtum der Waffenproduzenten ist immens. Vor allem sind diese Waffen ein sehr einträgliches Geschäft. Außerdem findet man immer einen Ausweg, um Verbote zu umgehen.

Doch nun soll es auch der Streubombe an den Kragen gehen. Diesmal hat man sich in Dublin einigen können, diese grausame Streumunition verbieten zu wollen.

Noch ist das Abkommen nicht rechtskräftig. Die jeweiligen Regierungen müssen noch grünes Licht geben, bevor es in Oslo unterzeichnet werden kann.

Aber man fragt sich doch, wieviel Menschenverachtung dahinter steht, dies nicht zu tun?

Nicht nur, dass Russland, was nicht überrascht, China, genauso, Pakistan und Indien, sehr traurig, Israel, auch nicht sehr sympathisch, sondern eben auch die USA, angeblich die große Stimme der Demokratie und Freiheit, überhaupt nicht an dieser Konferenz teilgenommen haben, sondern auch Deutschland windet sich, eine klare Position zu beziehen.

Eine Art deutscher Dreistufenplan wurde vorgelegt mit Übergangsphasen. Es gäbe nicht ausreichend andere Munition, heißt es, für Einsätze mit hoher Intensität und zur kollektiven Verteidigung.

Was haben die denn eigentlich vor?

Wie fühlen sich die Chefs von den Firmen Diehl, Rheinmetall und die von Daimler kontrollierte EADS, die solche Streubomben produzieren?

Deutsche Wertarbeit wird wohl immer noch weltweit geschätzt, auch tödliche.

Und deutsche Geschichte und die Verantwortung, die daraus erwächst, wird feierlich an Gedenktagen zu Markte getragen in den von der Macht zermürbten Gesichtern unserer Politiker. Sie wissen, was sie zu verbergen haben.

So verlogen ist dieses Spiel, das leider keines ist, weil es so bittere und ernste Folgen für so viele Menschen hat. Und wie nehmen das so hin, es betrifft uns nicht weiter.

Was würde sein, wenn wir hier nicht mehr unbeschwert über unsere Felder streifen könnten?

Wenn unsere Kinder nicht mehr spielen könnten, wo sie wollten?

Wenn sie blutüberströmt nach Hause kämen oder gar nicht mehr?

Würden wir immer noch die Hersteller von Minen und Streubomben gewähren lassen?

Würden wir weiterhin lächeln können?