Posts Tagged ‘Guantanamo’

Wikileaks-Afghanistan

Mai 20, 2011

Als vor 10 Monaten die fast 92 000 geheimen Dokumente über den Krieg in Afghanistan durch die Internetseite Wikileaks an die Öffentlichkeit gelangten, bestand die Hoffnung, dass durch die bloßstellende Beschreibung der alltäglichen Brutalität dieses Krieges eine größere Aussicht besteht, diesen Konflikt möglicherweise schneller zu beenden. Vor allem Julian Assange und seine Mitstreiter äußerten sich in diese Richtung, dass sich durch jenes schonungslose Kriegstagebuch mit seinen schockierenden Einzelheiten die öffentliche Meinung dahingehend verändern würde.
Doch das war leider ein gewaltiger Irrtum, es änderte sich gar nichts. Außer einem kurzen medialen Aufschrei, ging der mörderische Schrecken weiter in einem Land, welches in der Geschichte noch nie besiegt werden konnte.
Nicht der Ruf nach Gerechtigkeit, sondern die Logik der Gewalt brachte die Westmächte dazu, nach der erlittenen Demütigung durch den größten Terroranschlag in New York und Washington, sich mit aller militärischer Wucht auf Afghanistan zu stürzen und speziell auf die Terrorlegende Osama bin Laden, seinem al-Qaida-Netzwerk und die Taliban.
Lange hatten die USA gezielte Tötungen geheim gehalten, diese Drecksarbeit gehörte zu den dunklen Geheimnissen der Task Force 373, eine Truppe von Elitesoldaten, ein Teil davon sind auch die nun zu Weltruhm gekommenen Navy Seals. In den internen Papieren konnte man nachlesen, wie die Jagd auf Aufständische und die sogenannten Top-Tabilban funktionierte, die Anweisung für das Eliminieren der Feinde kam direkt aus dem Pentagon, manchmal traf es allerdings auch Unschuldige.
Aber spätestens mit der Tötung Osama bin Ladens wurde die gezielte Tötung als legitim angesehen, auch wenn sich der Westen mit dieser fragwürdigen Vorgehensweise im Wild-West-Stil auf die gleiche Stufe stellt wie die Terroristen. Ein anständiger Prozess, der dem Verhalten eines Rechtsstaates auch entspricht, wäre die angemessene Lösung gewesen.
Dass Osama bin Laden in Pakistan untergetaucht war, sollte niemanden wundern, schließlich würde es auch die Taliban ohne die Unterstützung der pakistanischen Sicherheitskräfte gar nicht geben. Der ISI hatte die Taliban einst aufgebaut, um nach dem Abzug der Sowjets ein Machtvakuum zu füllen und um den Einfluss des Erzrivalen Indien auf dortigem Boden zu verhindern. Und die westliche Welt stieg auf den Feindbild-Lückenfüller namens Islamismus nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums blindlings ein.
Doch Pakistan hat eine zweischneidige Rolle, einerseits ist es ein Hort des Terrors, anderseits ein Verbündeter im Kampf gegen den Terror. Das Land blieb nicht nur das Rückzugsgebiet der Taliban, von dort aus wurden die Kriegsstrategien entworfen, Waffen und Fahrzeuge geliefert, Selbstmordattentäter ausgebildet und Anschläge auf strategische Ziele in Kabul und Umgebung geplant.
Die Zahl der getöteten Zivilisten wuchs dadurch beständig, nicht nur durch die vielen Einsätze der ISAF-Truppen und die Bombenangriffe, von denen es hunderte mit mehr zivilen Opfern gab, als offiziell bekundet wurde. Auch deshalb wuchs der Hass der Bevölkerung auf die Ausländer, schon allein der Fakt genügte, dass bewaffnete Fremde auf den Straßen patroullieren, die als Besatzer empfunden werden und nicht als Helfer.
Der Wille zum Wiederaufbau durch die Nato wandelte sich zur Notwendigkeit des permanenten Schutzes vor den Einheimischen, die Taliban waren nicht zu erkennen, jeder konnte ein Feind sein, der aus dem Hinterhalt agiert.
Durch die ständigen Anschläge der al-Qaida sollte auch die Bevölkerung eingeschüchtert werden, jede Zusammenarbeit mit den ISAF-Truppen gilt als Verrat, Polizei-Checkpoints werden beschossen, explodierende Straßenbomben an jeder Ecke sind der Alltag, die Lage droht zu eskalieren und wird immer brenzliger, keiner kann sich den kriegerischen Handlungen entziehen. Das Land bewegt sich am Rande des Bürgerkriegs, der Frieden lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen, schon gar nicht mit der heutigen technisch überdosierten Kriegsmaschinerie der Westmächte, abgesehen davon steigen die enormen Kosten ins Uferlose.
Die Absichten Afghanistan anzugreifen, mögen anfangs große Unterstützung hervorgerufen haben, es ist jedoch wie jeder Waffengang ein schmutziger Krieg geworden mit all seinen Blutspuren und der erbarmungslosen Vernichtung von Existenzen. Außerdem ist gegen die Absolutheit der Dschihad-Kämpfer mit ihrer Todesliebe und der Selbstopferung, so irrational dies auch scheinen mag, kein Kampf zu gewinnen. Die Zeiten werden Jahr um Jahr tödlicher, Tausende sind bereits gestorben, ob durch Anschläge, Gefechte oder Bombenabwürfe, von Fortschritt kann keine Rede sein.
Die Situation ist verfahren und extrem schwierig und der Westen hat am Hindukusch eigentlich nichts verloren, seine Hilflosigkeit offenbaren die Dokumente über die Verstrickungen der Aufständischen mit dem pakistanischen Geheimdienst, auch der von den USA eingesetzte Hamid Karzai verfügt über keinerlei Macht außerhalb der Hauptstadt Kabul, zudem gibt es Mordkomplotte gegen Karzai und seinen Clan und die Bevölkerung will die Besetzung des Landes und die täglichen Opfer der Kämpfe nicht mehr hinnehmen.
Präsident Obama hat durch die angeordnete Tötung Osama bin Ladens zumindest ein erklärtes Ziel erreicht, wenn auch ein rachsüchtiges, doch seine Glaubwürdigkeit hat arg gelitten, das Gefangenenlager Guantanamo gibt es immer noch und seine Rhetorik ähnelt immer mehr derjenigen seines Vorgängers, von seinen echten Freundschaftsangeboten an die muslimische Welt ist nur noch wenig zu hören.
Auch wenn es plötzlich geheime Verhandlungen zwischen Vertretern der US-Regierung und Vertretern der Taliban für eine politische Lösung gibt, um einen Termin für den Abzug der ISAF-Truppen zu benennen, was auch bitter nötig ist, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, so bleibt Afghanistan eine offene Wunde, die Entwicklung in eine Demokratie ist gründlich misslungen. Niemand weiß, ob sich das Land jemals wieder stabilisieren kann, bedrohlich ist außerdem, dass sich auch die Atommacht Pakistan zunehmend in einen gescheiterten Staat verwandelt.
Die Folgen des nun schon so lange andauernden Krieges sind verheerend, wie die Dokumente von Wikileaks belegen und vermutlich wird diese Möglichkeit, genaue Informationen im Internet zu recherchieren, meist nur für Historiker von großer Bedeutung sein.
Ob Wikileaks wirklich einen ausschlaggebenden Einfluss auf die Weltpolitik hat, ist leider zu bezweifeln, aber die Pflicht der Bürger, Politik nicht nur den Politikern zu überlassen, hat dadurch eine großartige Chance bekommen. Hoffentlich wird sie auch genutzt.

Schrei, wenn Du nicht kannst

Februar 13, 2009

Wie wäre es, wenn Dir jemand von hinten eine Decke über den Kopf wirft, Dich schnell fesselt und Dich in einer fremden Sprache anschreit und Dich in einen dunklen LKW verfrachtet, in dem Du dann ganz allein sitzt und nur spürst, dass gerade etwas Schreckliches passiert, nur Du hast keine Erklärung dafür. Du kniest auf dem staubigen Boden des fahrenden Autos, es ist absolut dunkel und Du begreifst nicht, welchen Sinn das Ganze hat und Du hoffst, dass es nur ein böser Alptraum ist. Und während Du Dich andauernd fragst, was jetzt mit Dir geschieht, merkst Du, wie in Dir die Angst hochkriecht, ganz langsam und bedrohlich. Du versuchst Dich zu beruhigen und denkst, dass es sich nur um eine Verwechslung handeln kann. Dann hält der Wagen, jemand öffnet die Tür und gleißendes Sonnenlicht fällt herein. Zwei maskierte Männer zerren Dich heraus und wieder bedecken sie Dich sehr schnell, dass Du nichts sehen kannst, aber Du hörst ihre aggressiven Stimmen. Sie packen Dich so derb an den Armen, dass Du aufschreien musst, in dem Moment schlägt Dir jemand auf den Hinterkopf und vor Deinen Augen wird es noch schwärzer, nur ein paar Lichtpunkte tanzen herum, dann sackst Du zusammen.

Wie viel Zeit vergangen ist, weißt Du nicht, als Du wieder zu Dir kommst, Du versuchst Dich zu bewegen, aber Dein Körper will Dir nicht gehorchen, jeder Knochen tut Dir weh. Deine Augen wagst Du kaum zu öffnen, nur langsam schaust Du durch einen Schlitz, ein grelles weißes Neonlicht an der Decke blendet Dich und Du liegst zusammengerollt auf einer dreckigen Matratze, um Dich herum kahle dumpfe Wände. Es ist ein kleiner Raum, kein Fenster, in einer Ecke steht ein Eimer und Du bist völlig allein. Es ist still, doch Du kannst Dein Herz pochen hören, sogar wie Dein Blut durch Deine Adern fließt, Du hast noch nie so schwer geatmet und Dein Atem wird immer schneller, je länger Du Dir vorstellst, dass Du vielleicht verloren bist, weil niemand weiß, was mit Dir geschieht. Einen klaren Gedanken kannst Du nicht fassen, Deine innere Stimme scheint sich andauernd selbst zu wiederholen mit der Frage nach dem Warum, es hämmert in Deinem Kopf, dass Du glaubst, er würde fast zerspringen. Du bist unendlich müde, doch so sehr Du Dir auch wünschst einschlafen zu können und die Augen schließt, Dein Hirn ist hellwach, nur Dein Körper liegt bleiern da, als würde er nicht zu Dir gehören, die Stunden scheinen aus unendlichen Sekunden zu bestehen.

Plötzlich kommen Schritte näher, es keimt ein bisschen Hoffnung in Dir auf, dass man Dich hier herausholen würde. Zwei Männer kommen herein, sie sagen nichts, sie heben Dich hoch, der eine brüllt Dich an, dass Du gefälligst laufen solltest. Also läufst Du in ihrer Mitte durch einen schmalen dunklen Gang an vielen Türen vorbei, aus denen Du unverständlich Laute wahrnimmst. Dir wird klar, dass Du in einem Gefängnis bist und hinter diesen Türen auch andere Menschen eingesperrt sind. Du wirst in einen grell beleuchteten Raum geführt, in dem nichts als ein unbequemer Stuhl steht. Du sollst Dich setzen, die beiden Männer stehen neben Dir, sie fragen Dich in einem Befehlston abwechselnd nach Namen, die Du noch nie gehört hast, immer und immer wieder. Sie wollen weder wissen, wie Du heißt, noch irgendetwas anderes über Dich und Du versuchst, ihnen zu erklären, dass das alles nur ein Irrtum sei. Sie wiederholen diese fremden Namen ohne Pause, es will kein Ende nehmen. Du kannst nur sagen, dass Du diese Personen nicht kennst, Du rutschst fast vom Stuhl vor Erschöpfung. Dann führen sie Dich wieder in die Zelle, die Du jetzt aufmerksam betrachtest. Aber es gibt nur diese Matratze und den Eimer, der das Klo ersetzen soll, kein Wasser. Deine Kleidung ist dreckig, Du möchtest eine warme Dusche nehmen oder Dir wenigstens die Hände waschen, Du fühlst Dich schmutzig wie ein Tier und hast einen unbeschreiblichen Durst und Hunger. Du versuchst Dich zu erinnern, was Du gemacht hast, bevor sie Dich verschleppt haben, es war ein ganz normaler Tag, wie die Tage zuvor. Dein Leben war bisher in einfachen Bahnen verlaufen, Du kannst eine Schuld nicht finden und noch glaubst Du, dass die anderen das auch erkennen werden. Dieser Gedanke beruhigt Dich und Du beginnst Dich nach dem Sonnenlicht zu sehnen, nach Straßen und Wiesen, nach Deiner Familie und nach dem Geruch von Benzin.

Deine Tagträumerei wird unterbrochen, jemand bringt Dir wortlos Brot und Wasser. Du überlegst, ob Du es trinken oder Dich damit waschen sollst, aber es ist zu wenig und Du entscheidest Dich, es lieber zu trinken, das Brot ist nicht frisch, aber es schmeckt. Du sitzt auf der Matratze und beobachtest die rissigen Wände, die Zelle ist klein, nur sechs Schritte lang und vier Schritte breit. Also wartest Du, nichts passiert, Ewigkeiten lang, dann legst Du Dich wieder hin, für einen Moment schläfst Du ein, dann kommen wieder die beiden Männer und die selbe Prozedur beginnt von vorn, der gleiche Raum, die gleichen Namen, die Du nicht kennst, die Männer werden ungeduldiger und brüllen Dich an, aber sie schlagen Dich nicht. Nach Stunden bringen sie Dich zurück, Du bist innerlich so aufgeputscht, dass Du ein paar Schritte hin und her läufst, Du wirst wütend, im nächsten Moment aber wieder gleichgültig. Du verlierst jedes Zeitgefühl, die Männer holen Dich immer wieder, reißen Dich aus dem Schlaf oder aus Deinem Dämmerzustand. Wie viele Tage oder Wochen Du schon hier bist, weißt Du nicht, nur eines weißt Du, Du kannst Dir niemals sicher sein, wann sie kommen und ob es Tag oder Nacht ist. Deine Furcht kannst Du nicht bändigen und Du verstehst nicht, warum diese Männer Dir nicht zuhören wollen, wenn Du ihnen erzählst, was Du in Deinem Leben bisher gemacht hast. Immer wieder grübelst Du vor Dich hin, denkst an Deine Kindheit, an Deine Eltern und Geschwister, den Fehler, den Du gemacht hast, als Du Dein Heimatdorf verlassen hast. Und Du fühlst Dich schuldig, Du hättest nicht gehen sollen, dann wäre das alles hier nicht passiert. Deine Einsamkeit bringt Dich langsam an den Rand. Wenn Du schläfst, träumst nicht mehr, die Welt da draußen scheint ohne Dich einfach weiterzugehen.

Dann geschieht etwas Unerwartetes, ein freundlicher Mann besucht Dich, gibt Dir endlich saubere neue Kleidung, lässt Dich duschen gehen und erwartet Dich in seinem Büro. Du spürst das erste Mal ein Art von Erleichterung, da ist einer, der Dich ernst nimmt, sein Büro ist ordentlich, dieser Mann hat ein sicheres und ruhiges Auftreten. Er sitzt an einem einfachen Tisch, eine Akte vor sich liegend, an den Wänden hängen zwei unauffällige Bilder, alles ist in Grau gehalten, das Licht ist warm und der Sessel, auf den Du Dich setzen sollst, ist außerordentlich bequem. Du bist allein mit ihm und er sagt in einem väterlichen Ton, dass ihm die Unannehmlichkeiten Leid tun, aber er müsse jetzt wirklich genau wissen, welche der schon genannten Personen Du kennst, deren Namen Du inzwischen auswendig weißt. Du verneinst erneut, dieser Mann wird strenger und stellt Dir die selbe Frage noch einmal. Plötzlich fängst Du an zu weinen, hemmungslos wie ein Kind und bittest ihn um Gnade und dass Du nichts getan hättest und gar nicht wüsstest, warum Du hier bist. Seine Antwort ist eindeutig, er wisse die Wahrheit, wolle sie aber von Dir hören. Du hattest gehofft, er würde den Irrtum einsehen, aber nun begreifst Du, dass niemand Dich für den hält, der Du bist. Der Mann schaut in die Akte und erklärt, dass Du aus Deinem Dorf gegangen bist, weil Du Dich einer terroristischen Organisation angeschlossen hättest, Du schüttelst nur mit dem Kopf, sprechen kannst Du nicht mehr, nur noch schluchzen, zusammengekauert klebst Du in dem Sessel. Der Mann schweigt bis Du Dich beruhigt hast und meint, er gäbe Dir eine zweite Chance, Du sollst ihm nochmal genau erklären, was Du in den letzten Monaten gemacht hast. Du fängst an zu erzählen, er notiert sich alles, ohne Dich dabei anzuschauen. Als Du fertig bist, will er wieder wissen, ob Du die besagten Personen kennst. Dir fällt nichts mehr ein, es ist eine absolute Leere in Dir, der Mann weist Dich darauf hin, dass er noch viel Zeit für Dich haben würde, bis Du Dich endlich erinnerst. Aber, so fügt er hinzu, gäbe es noch ganz andere Wege dafür, bis die ganze Wahrheit ans Licht kommt, schließlich habe man Dich bisher noch gut behandelt, das würde ich nun ändern.

Du wirst in Deine Zelle geführt, man befiehlt Dir, stehen zu bleiben, Du tust es. Nach einer Weile hältst Du das nicht mehr aus und setzt Dich, in dem Moment geht die Tür auf, jemand tritt Dir gegen Deine Beine, Du stellst Dich wieder hin. Irgendwann verlassen Dich Deine Kräfte, Du fällst zu Boden, dann ertönt laute Musik, immer das selbe grauenvolle Lied, stundenlang. Du schreist und schlägst um Dich, hämmerst an die Wände, schlägst mit Deinem Kopf auf die Matratze, doch es hört nicht auf. Es ist das erste Mal, dass Du daran denkst, sterben zu wollen. Dann wieder Stille, jemand kommt in Deine Zelle, nimmt den vollen Eimer aus der Ecke und gießt Dir den Inhalt über Dich und die Matratze. Diesen Geruch wirst Du fortan ertragen müssen, Dir ist übel, aber übergeben kannst Du Dich nicht, zu wenig hast Du in der letzten Zeit gegessen. Als die Tür sich wieder öffnet, flehst Du den Mann an, Dich waschen zu dürfen, er lacht und erwidert, dass Du das haben kannst. Du wirst in einen Raum mit weißen Kacheln gebracht, eiskaltes Wasser kommt aus einer Brause von oben, das den Boden bald knietief bedeckt. Du zitterst und heulst, von draußen schreit der Mann, dass Du wie ein Schwein stinkst und ein Schwein muss wie ein Schwein behandelt werden. Deine Lippen sind blau, Deine Hände und Dein Gesicht rot angelaufen, erst dann lassen sie Dich heraus, Du darfst in Deine Zelle gehen, in der es immer noch voll von Kot und Urin ist. Du hast keine Kraft, Dich aufzulehnen, Du lässt es einfach geschehen und betest für Deinen Tod.

Wieder kommt der Mann und befiehlt, dass Du Dich ausziehen sollst, Du tust es widerstandslos. Nackt führt man Dich durch die Gänge, Du siehst nach der langen Isolationshaft andere Häftlinge, die auffällige Anzüge tragen. Einige starren Dich mit resignierenden Augen an, Du fühlst Dich gedemütigt, weil Du nackt bist, kalter Schweiß rinnt an Dir herunter, noch nie hast Du Dich so ausgeliefert gefühlt, lieber sollen sie Dich schlagen, denkst Du und Du weichst den Blicken aus. Sie bringen Dich wieder in das Büro mit dem bequemen Sessel, aber Du musst so wie Du bist stehen bleiben. Der Mann, der freundlich und streng sein konnte, mustert Dich von oben bin unten, was Dir absolut unangenehm ist. Er sagt zu einem anderen, dass man Dir einen neuen Anzug bringen soll, Du ziehst ihn schnell an, dann darfst Du Dich setzen. Wieder fragt der gut gekleidete Mann nach den Personen oder nach Freunden, die mit ihnen arbeiten. Diesmal musst Du unwillkürlich lachen, es ist nicht komisch, aber Du kannst nicht anders und Du erwiderst, dass das absurd sei. Der Mann antwortet, dass er entscheide, was absurd ist und Du solltest endlich kooperieren, jede Böswilligkeit lässt sich kurieren und jede Lüge entlarven, er wolle Dir doch nur helfen, es sei das Beste für Dich, wenn Du zugibst, was Du vorhattest. Ein Fremder kommt herein, er ist aufgebracht und schreit, dass Du bald fällig bist, Dein Tod würde sowieso niemand bemerken. Dein Mund wird trocken, Deine Hände klammern sich aneinander, angsterfüllt und bittend schaust Du herum. Freundlich und bestimmt schickt der Mann den Fremden heraus und fragt Dich noch einmal sehr ernst, ob Du nun die Wahrheit preisgeben würdest, sonst könne er nicht mehr für Dich garantieren. In Deinem Gehirn rasen die Gedanken, was das wohl heißen könne, nicht mehr garantieren. Du hattest immer an eine höhere Gerechtigkeit geglaubt, an einen Gott, der schützende seine Hand über Dein Schicksal hält und nun bist Du verlassen worden. Auch der freundliche Mann würde Dich verlassen, er war eine Art Anker geworden, aber er meinte nun, dass er nichts mehr für Dich tun könnte.

Man führt Dich eine neue Zelle mit einem kleinen Fenster, kettet Dich aber an, das Neonlicht an der Decke flackert ununterbrochen, die Wände sind so dünn, dass Du Deinen Nachbarn hören kannst. Er fragt Dich, wie lange Du schon hier bist, aber das weißt Du nicht, Monate vielleicht, es könnte Sommer oder Herbst sein, Du hast Deine Orientierung verloren. Du erfährst, dass es viele wie Dich hier gibt, dass einige schon gestorben sind oder sie haben sich umgebracht. Auch für Dich ist Selbstmord eine Alternative geworden, nie hättest Du gedacht, dass es soweit mit Dir kommen könnte, Deinem Leben ein Ende setzen zu wollen. Noch aber atmest Du und die Frage ist auch, wie stellt man das am besten an, Du hast nichts außer Deinem Anzug, einer Isomatte und einen Eimer gibt es auch nicht mehr, dafür ein Loch mit einer Spüle. Das Essen ist etwas besser geworden, aber was Du von Deinem Nachbarn erfährst, übersteigt jede Vorstellungskraft. Er erzählt, dass man hier auf jede erdenkliche Weise versucht, den Willen der Gefangenen zu brechen, dass sie Dich foltern werden, Dich mit Stromstößen behandeln, Dich stundenlang in Ketten von der Decke hängen lassen, Dir Drogen verabreichen, Dir die Finger brechen oder sogar amputieren. Manchen wurden Infusionen und Einläufe verabreicht, andere vergewaltigt, besonders oft kommt es vor, dass sie gesunde Zähne ausziehen oder einen in die berüchtigte Blackbox sperren, wo Du nichts siehst, hörst, schmeckst, riechst und nichts berührst, weil sie Dich in einen festen Käfig stecken, in dem Du Dich nicht mehr bewegen kannst. Einige seien daraufhin verrückt geworden, sie würden sich einbilden, bald zu Gott zu kommen oder Gott zu sein. Manche singen nur noch Lieder aus der Kindheit, aber die würden dann auch bald verschwinden und niemand weiß, wohin.

Du bist so schockiert, dass Du Dir wünschst, dies alles nie erfahren zu haben und fragst, wieso sie das tun können und ob es hier keine Ärzte gibt. Dein Nachbar findet Dich naiv und belehrt Dich, dass es etliche Ärzte gibt, die hier arbeiten und die Folter überwachen, damit Du nicht stirbst, schließlich wollen Dich lebendig haben, um an Informationen heranzukommen. Du sagst, dass Du keine hättest, Dein Mitgefangener meint nur, dass es letztendlich egal sei, sie würden aus jedem das herauskriegen, was sie hören wollen. Das Licht flackert weiter und Deine angeketteten Füße schmerzen, Du bist entsetzt und schweigst, da tönt es von nebenan, dass das hier die Hölle sei, man kann sich nur daran gewöhnen oder sterben. Das kalte Grausen holt Dich nun in den Nächten ein, Du bist in endlosen Gedankenschleifen aus blankem Horror gefangen.

Am nächsten Tag wirst Du abgekettet und darfst Du das erste Mal einen Rundgang machen, das blendende Sonnenlicht verträgst Du kaum, Dir wird so schwindelig, dass Du wieder in Deine Zelle möchtest, doch sie lassen Dich nicht. Nach einer Weile nimmt Deine Blindheit ab und Du siehst hagere Gestalten, manche haben schiefe Arme und Beine, jemand flüstert Dir ins Ohr, dass sie gebrochen und nicht behandelt wurden und nun humpeln sie armselig über den Beton. Manchen hätten sie auch Beine abgenommen unter dem Vorwand, dass diese nicht gesund sind. Du hältst diesen Anblick kaum aus und denkst, wenn Du so tust, als ob Du verrückt wärst, vielleicht würden sie Dich gehen lassen und Du ersinnst einen Plan, schlimmer kann es nicht werden, es muss einen Ausweg geben. Du fängst an zu singen und zu lachen, ein Aufseher ist irritiert und sperrt Dich ein. Auf die Frage, was das soll, jubelst Du, dass es Dir so gut gehe und dass alle Menschen Deine Brüder sind und Du versuchst, den wütenden Aufseher zu umarmen. Der wirft Dich in die Ecke und prügelt Dich solange, bis Deine Zähne wackeln und das Blut aus Deinem Mund strömt. Bald darauf kommt ein Fremder, der sich als Arzt vorstellt, er hat eine Akte in der Hand und zeigt sich besorgt über Deinen Zustand. Er möchte von Dir wissen, ob Du einverstanden bist, wenn Du Dich wirklich psychisch krank fühlst, dass er eine Elektroschocktherapie oder auch einen gehirnchirurgischen Eingriff bei Dir vornehmen kann. Du bist plötzlich hellwach und beteuerst, dass das nur ein Spiel war, Du wolltest nur einen Test machen, aber Du seist vollkommen in Ordnung. Der Arzt nickt und sagt, dass es ja dann gut sei und geht. Du bist total aufgewühlt und Deine Nerven liegen so blank, dass Du die Schmerzen von den Schlägen nicht mehr spürst und Du versprichst Dir selbst, Dich fortan wieder zu benehmen.

Dein Zellennachbar macht sich bemerkbar und meint nur, dass Du Dich sehr dumm angestellt hättest, dass die genau wissen, wie man Menschen einschätzt und sie in Typen kategorisiert, dass es genug psychologische Studien darüber gibt und die dafür ausgebildet sind, Häftlinge auszuhorchen, zu misshandeln und sie dahin zu bringen, wo sie sie haben wollen. Du fragst ihn, woher er das weiß und er sagt, dass er früher Psychologie studiert hat, außerdem sei er in einem Camp ausgebildet worden, dort hätte er gelernt, was man von einem Feind zu erwarten hat. Du hakst nach, ob er denn ein Terrorist sei, er verneint es nicht, Du unterbrichst ihn und versuchst ihm zu erklären, dass Du unschuldig bist, aber er meint lapidar, dass hier jeder ein Terrorist wird. Das macht Dich sprachlos, Du willst immer noch auf Dein Recht pochen, aber an dem Ort, wo Du bist, gibt es kein Recht mehr, doch das kannst Du nicht wahrhaben wollen, weil Du Angst hättest, Deinen Verstand zu verlieren. Ohnmacht und Hilflosigkeit bestimmen Dein Denken, Du überlegst, ob es nicht klüger ist, einfach zuzugeben, dass Du die Namen, die sie Dir ständig gesagt haben, kennst, vielleicht würden sie Dich dann besser behandeln. Mit Deinem Nachbarn willst Du vorerst nicht mehr reden, er ist Dir unheimlich, aber mit irgendjemandem musst Du sprechen, er ist durch diese Situation ein Verbündeter geworden.

Ein paar Tage hast Du Ruhe, nur Deine Zähne tun Dir unbeschreiblich weh. Dann wirst Du abgeführt, diesmal in einen neuen Raum, in dem eine Liege steht, dort schnallt man Dich fest. Sie legen Dir ein Tuch über das Gesicht, dann gießen sie Dir Wasser über den Mund, Du bekommst keine Luft mehr und Dein Atem stockt, die blanke Panik macht sich in Dir breit, es ist, als würdest Du ertrinken. Dann eine Pause und wieder das Wasser, Dein Körper krampft sich zusammen, Du spürst, wie sich die Riemen in Deinen Leib schnüren. Sie wiederholen dies mehrere Male, dann nimmt Dir ein Mann das Tuch weg. Atemlos und ermattet blickst Du ihn an, er guckt nur, wie Du Dich windest, seinen scharfen Tonfall hörst Du wie von weitem, in Deinen Ohren ist noch Wasser, aber Du verstehst, dass Du ihm Namen von Hintermännern geben sollst, also nennst Du die, die sie Dir die ganzen Monate eingbleut haben, damit sie zufrieden sind und das Ertrinken aufhört. Doch der neue Vernehmer unterstellt Dir zu lügen, Du nickst und wieder legen sie Dir das Tuch auf Dein Gesicht. Du kreischst verzweifelt, dass Du alles sagen würdest, was sie wollen und sie nennen Dir neue Namen, Du hörst Dich immer nur Ja sagen. Sie glauben Dir nicht, aber sie sind fertig für heute und Du darfst zurück in Deine Zelle. Völlig erschöpft liegst Du auf der Matte, wimmernd und zusammengeringelt wie ein kleines Kind. Du kannst nicht mehr, Du willst nicht mehr, Du fragst Dich, was sie noch wollen, das nächste Mal wirst Du sie bitten, Dich zu töten.

Dein Nachbar klopft an die Wand, er ruft nach Dir, aber Du schweigst. Du bist nicht mehr in der Lage, Dir einen Baum oder eine Blume vorzustellen, in Dir ist es dumpf geworden, Du weißt nicht mehr wie Deine Eltern aussehen und Deine Geschwister, Du weißt nicht mehr, wie Du selbst aussiehst. In den folgenden Wochen holen sie Dich immer wieder zum Wasserschlucken, seitdem kannst Du überhaupt nicht mehr schlafen, Du schreckt jede halbe Stunde auf, weil Du glaubst ertrinken zu müssen, das Wasser ist ein Feind geworden, noch nicht einmal die Spülung am Klo willst Du benutzen, weil Du das Geräusch nicht mehr erträgst. Und Du willst Deine kleine Zelle nicht mehr verlassen, auch nicht mit Deinem Nachbarn sprechen und immer wenn die Tür aufgeht, fängst Du unwillkürlich an zu zittern.

Doch dann beginnt die nächste Etappe, ein anderer Raum mit einem Tisch und einem Stuhl in der Mitte, sie setzen Dich auf den Stuhl. Auf dem Tisch sind Lederbänder festgenagelt, in die Deine Finger passen. Deine linke Hand wird befestigt, dann holt ein Mann einen Hammer aus seiner Tasche und schlägt damit, ohne Dich etwas zu fragen, erst auf Deinen Zeigefinger, dann auf den Ringfinger, Du schreist auf vor Schmerzen. Der Mann mit dem Hammer höhnt, Du hättest Deinem Nachbarn erzählt, dass Du unschuldig bist und hält den Hammer wieder hoch, Du bettelst um Gnade und keuchst, dass Du ein Terrorist bist und alles erzählen wirst. Der Mann schnallt Deine blutende Hand ab, Du hältst sie mit der anderen fest und schaffst es gerade so zu laufen, ein Aufseher stützt Dich und bringt Dich auf Deine Matte. Wie betäubt bist Du hingestreckt, den Schmerz spürst Du vorerst nicht, nur langsam schleicht er sich in Deinen Körper, Deine Finger kannst Du nicht mehr bewegen, sie sind unförmig geworden. Dir geht durch den Kopf, ob sie wohl noch die andere Hand verstümmeln werden, es ist nur noch düster in Deinem Kopf.

Aber es kommen ruhige Wochen, niemand fragt Dich etwas, keiner holt Dich ab, bis zu dem Tag als ein Arzt und ein Vernehmer gemeinsam Deine Zelle betreten. Sie sagen, heute sei Deine letzte Chance, Du befürchtest das Schlimmste und Du solltest Recht behalten. Du betrittst einen Raum, in dem einige Aufseher mit Peitschen stehen und schon andere Gefangene nackt übereinander auf dem Boden liegen, umringt von kläffenden Hunden. Du wirst gefragt, ob Du Dich dazulegen willst, aber Du schüttelst den Kopf. Einer lacht Dich aus und stellt Dich auf eine Kiste, zieht Dir eine Kapuze über den Kopf und befestigt Drähte an Deinen Armen und zwischen Deine Beine. Dann sagen sie Dir, dass Du stehen bleiben sollst, sie würden Dir kleine Stromstöße verpassen, falls Du aber von der Kiste fällst, wird es für Dich tödlich ausgehen. Du spürst ruckartige dumpfe Schmerzen durch Deinen Körper fließen, die Stellen, an denen die Drähte befestigt sind, stechen wie heiße Nadeln, bis sich Dein ganzer Leib anfühlt, als würden heiße scharfe Gegenstände blitzschnell durch ihn hindurch gezogen. Schon nach wenigen endlosen Sekunden bist Du für den Tod bereit und lässt Dich kopfüber fallen. Die Stromstöße hören auf, Du lebst noch und die Aufseher amüsieren sich darüber. Einer nimmt Dir die Kapuze vom Kopf, Du siehst die anderen Häftlinge immer noch nackt übereinander liegen, mit den Blicken schamhaft auf den Boden gerichtet. Dir ist alles egal, auch wenn sie Dich mit dazulegten, Du würdest es klaglos geschehen lassen, aber Du wirst in Deine Zelle gebracht. In Dir ist kein Lebenswille mehr, in Dir ist kein Hass, keine Sehnsucht, keine Wut, keine Liebe, gar nichts. Du dämmerst nur noch vor Dich hin, isst und trinkst, wenn sie Dir etwas bringen, gehst auf Dein Klo und auch eine Runde auf den Betonhof, Du sprichst nicht mehr, Du wüsstest auch nicht worüber, Deine Sprache vergisst Dich.

Nach einer Weile besucht Dich der freundlich strenge Mann von damals, als Du hier ankamst. Er fragt Dich, ob Du noch verstehen kannst, was er jetzt zu sagen hätte, Du gibst ein leises Ja von Dir. Und er fährt fort, dass er zu der Überzeugung gekommen sei, dass Du unschuldig bist, man Dich aber nicht entlassen kann, weil Du eine Gefahr für andere darstellen könntest, es wäre wohl auch kein Land bereit, jemanden wie Dich aufzunehmen und es täte ihm unendlich Leid. Er ergänzte, dass Menschen Fehler begehen, das läge in ihrer Natur und schließlich ist die Sicherheit seines Heimatlandes bedroht, so dass man lieber einen zu viel verhaftet, als einen zu wenig, denn dieser könnte ein Mörder sein. Die gegenwärtigen Zeiten sind schwer für alle und auch die Arbeit hier im Gefängnis ist für alle Beteiligten nicht einfach. Dann geht er und Du bleibst.

„Change“

November 5, 2008

Von ständigen Wiederholungen halte ich nicht viel, das erinnert mich zu sehr an Gehirnwäsche. Doch es wurde langsam Zeit, dass die inzwischen nervenden Parolen: „Yes, we can“ und „Change“ endlich den Zielpunkt erreicht haben. Natürlich war ich für Barack Obama, gar keine Frage, sein Herz scheint links zu schlagen, seine Worte richten sich ehrlich an wirklich jeden. Und was für ein faszinierend besonnener Hoffnungsträger, der rhetorisch äußerst brillant ist, der den Traum von Gerechtigkeit und Gleichstellung verkörpert.

Einen Wandel hat das Land auch bitter nötig, tiefer kann man ja politisch kaum sinken.

Und ich erinnere mich noch gut an die beiden letzten Wahlen, die Bush gewonnen hat, und die mich noch Wochen danach depressiv gemacht hatten. Völlig erschüttert und fassungslos über das geistesschwache Verhalten der Amerikaner saß ich damals in meiner dunklen Wohnung und habe nur noch heulen können.

Gestern nun hatte ich gewisse Bedenken, ob Obama es überhaupt schafft, meine Skepsis war zu stark von Misstrauen geprägt. Als nachts dann die ersten Bundesstaaten wählten und die Ergebnisse gesendet wurden, ging ich überstürzt ins Bett. Ich konnte es einerseits nicht aushalten, andererseits wollte ich früh aufstehen und zu einem amerikanischen Frühstück gehen und die Auszählung und das Endergebnis dann live sehen. Ich hatte mir fest vorgenommen, vor sechs Uhr aufzustehen, schließlich war es eine besondere Situation und die Wahl Obamas durchaus möglich. Aber ich wollte auf gar keinen Fall gehen, wenn McCain gewonnen hätte. So stellte ich meinen Radiowecker und machte mein Vorhaben von den Informationen abhängig.

Ich schlief schnell ein, sehr bald ging der Wecker an, der Sender war verstellt, ich hörte Unerwartetes, Musik und dann den Satz: „Obama hat die Wahl gewonnen“, wieder Musik, einen Song: „Stop me! Stop this change, I still love you!“. Ich merkte, dass es sich nicht um den Deutschlandfunk handeln kann, und ich suchte nach diesem Sender. Dort wurde bestätigt, dass Obama die Wahl wirklich gewonnen hat. Ich sollte doch mich freuen, dachte ich, aber ich war zu müde und etwas hinderte mich, überhaupt aufzustehen. Nebenbei hörte ich Beiträge über Obama und Ausschnitte aus seinen Reden. Ich konnte einfach nicht aufstehen, und ich war irgendwie nicht fröhlich, was ich überhaupt nicht verstand. Und so blieb ich liegen, solange bis es draußen wieder dunkel wurde, es war nun schon vier Uhr nachmittags.

Endlich quälte ich mich aus dem Bett, sofort machte ich den Fernseher an. Dort sah ich jubelnde, glückliche Menschen, und ich war sehr berührt von dieser Begeisterung. Obamas Siegerrede war ungewöhnlich ernst, ein enormer Druck lastete auf ihm. Mich nervte wie so oft das fortwährende Pochen auf den „Amerikanischen Traum“. Was bedeutet er, wenn man nur für sich selbst Reichtum und Erfolg hat, und nur darum ging es, jeder kann es schaffen, aber die anderen bleiben auf der Strecke, selbst Schuld, wenn die nicht hart genug arbeiten. Und dieser merkwürdige Patriotismus, dass Amerika so großartig sein soll, ist auch ziemlich dämlich, so einen Stolz auf ein Land kann ich nicht nachvollziehen, ebenso nicht die geglaubte singuläre Nabelschnur mit dem lieben Gott. Aber dieser messianische Anspruch auf alles hat leider immense Folgen. Wenn wenigstens nur der eigene Staat bankrott wäre, aber die Auswirkungen auf den Rest der Welt sind nun wirklich prekär. Schlimmer noch ist der Krieg gegen den Terror und die Verbreitung von Angst, die ganze Welt ist aus den Fugen geraten. Die Folgen der Bush-Regierung sind absolut verheerend, darüber herrscht ja auch allgemein Konsens. Ob nun Obama kam, sie wieder zu einzurichten, oder ob er an der Aufgabe verzweifeln muss, wenn er glaubwürdig und moralisch integer handeln will, wer weiß. Heikel jedoch ist die Irrationalität des Ganzen, er wird durch das Wunschdenken seiner Wähler zu einem Übermenschen konstruiert, er soll alles für sie lösen, dafür schenken sie ihm im Voraus ihre Bewunderung.

Es ist wohl unmöglich, einen Wandel auf die Schnelle zu erreichen. Die Staatskassen sind zu leer für die Erfüllung seiner innenpolitischen Versprechungen, und die globale Finanzkrise wiegt zu schwer. Auch die Todesstrafe wird er nicht abschaffen. Die Kriege wird er nicht beenden können, zu tief ist die Politik darin verstrickt, das Feindbild Osama bin Laden bestimmt weiterhin den Fokus, und zu welchen Konditionen wird Obama neue Bündnisse schmieden wollen. Ob Guantanamo geschlossen wird, ist auch so eine Frage. Was ist mit den beschädigten Bürgerrechten, dem Völkerrecht und dem Ansehen des Westens und Amerikas weltweit und mit der notwendigen Funktion der UNO und der sorgsamen Wahrung einer Balance der unterschiedlichen Kulturen. Und dann ist da noch der Klimaschutz, allesamt riesige Gebirge voll von Problemen.

Vereinen und Versöhnen ist Obamas Ziel, wie er sagt, die Gemeinsamkeiten suchen und finden, das klingt positiv, aber es bleibt wahrscheinlich begrenzt auf die Bedingungen der eigenen Gesellschaft, die Betonung liegt auf den Vereinigten Staaten. Für jeden Menschen ein würdevolles Leben in Freiheit mit einem Maß an Sicherheit und Wohlstand, ausnahmslos für jeden, eine so gute und einfache Idee von Gerechtigkeit, doch zu viele wollen sie aus eigennützigen Gründen nicht realisieren. Eine neue Ära der Geschichte wird sicher nicht eintreten, die Grenzen der Macht wird Obama bald spüren. Und er muss dann auch die schreckliche Verantwortung tragen, wenn seine Soldaten auf dem Schlachtfeld fallen, wenn in den Kämpfen Unschuldige ihr Leben verlieren, und genauso die Schuld, wenn er den Frieden nicht zu wahren versteht.

Heute jedoch überwiegt die Freude in vielen Regionen der Erde. Ich schaue gebannt auf den Fernseher. Obama berührt die Seelen, er hat ein wahrhaft ikonenhaftes Gesicht und fast die Ausstrahlung eines Erlösers. Die amerikanisch christliche Heilserwartung ist mir zutiefst suspekt, doch es bündeln sich nun mal alle Erwartungen und Projektionen in dieser einen Person, ein seltsames Zeichen der Zeit. Trotz meiner skeptischen Überlegungen möchte ich mich unbedingt freuen, der erste Schritt in eine bessere Welt scheint gemacht. Obama wird viel bewegen können, die Leute lieben ihn, sie setzen auf ihn, sie hängen an seinen Lippen. Er verkörpert die ganze Hoffnung, eine Lichtgestalt, die überallhin strahlt und Kraft und die Energie des Aufbruchs verströmt.

Die Zeit vergeht rasch, ich wollte heute eigentlich abends zu einem Vortrag gehen, der sich mit den US-Wahlen beschäftigt, aber ich werde merkwürdigerweise immer trauriger. Diese unermessliche Hoffnung, die sich durch einen einzigen Menschen ausdrückt, ist so zerbrechlich. Und was passiert, wenn sie zerbricht, die Träume und das Vertrauen der Menschen wären für eine lange Zeit zerstört. Es würde sich vieles zum Negativen ändern, wir wären womöglich beinahe verloren.

Ich bin nicht wirklich froh, obwohl ich mir so sehr gewünscht habe, dass Obama gewinnt. Meine Gedanken werden zunehmend düsterer. Ich will heute auch nirgendwo hingehen, ich bleibe vor dem Fernseher sitzen und weine den ganzen Abend, es sind keine Tränen der Erleichterung.

Weshalb genau ich weine, das will ich gar nicht wissen.