Wikileaks-Afghanistan

Mai 20, 2011

Als vor 10 Monaten die fast 92 000 geheimen Dokumente über den Krieg in Afghanistan durch die Internetseite Wikileaks an die Öffentlichkeit gelangten, bestand die Hoffnung, dass durch die bloßstellende Beschreibung der alltäglichen Brutalität dieses Krieges eine größere Aussicht besteht, diesen Konflikt möglicherweise schneller zu beenden. Vor allem Julian Assange und seine Mitstreiter äußerten sich in diese Richtung, dass sich durch jenes schonungslose Kriegstagebuch mit seinen schockierenden Einzelheiten die öffentliche Meinung dahingehend verändern würde.
Doch das war leider ein gewaltiger Irrtum, es änderte sich gar nichts. Außer einem kurzen medialen Aufschrei, ging der mörderische Schrecken weiter in einem Land, welches in der Geschichte noch nie besiegt werden konnte.
Nicht der Ruf nach Gerechtigkeit, sondern die Logik der Gewalt brachte die Westmächte dazu, nach der erlittenen Demütigung durch den größten Terroranschlag in New York und Washington, sich mit aller militärischer Wucht auf Afghanistan zu stürzen und speziell auf die Terrorlegende Osama bin Laden, seinem al-Qaida-Netzwerk und die Taliban.
Lange hatten die USA gezielte Tötungen geheim gehalten, diese Drecksarbeit gehörte zu den dunklen Geheimnissen der Task Force 373, eine Truppe von Elitesoldaten, ein Teil davon sind auch die nun zu Weltruhm gekommenen Navy Seals. In den internen Papieren konnte man nachlesen, wie die Jagd auf Aufständische und die sogenannten Top-Tabilban funktionierte, die Anweisung für das Eliminieren der Feinde kam direkt aus dem Pentagon, manchmal traf es allerdings auch Unschuldige.
Aber spätestens mit der Tötung Osama bin Ladens wurde die gezielte Tötung als legitim angesehen, auch wenn sich der Westen mit dieser fragwürdigen Vorgehensweise im Wild-West-Stil auf die gleiche Stufe stellt wie die Terroristen. Ein anständiger Prozess, der dem Verhalten eines Rechtsstaates auch entspricht, wäre die angemessene Lösung gewesen.
Dass Osama bin Laden in Pakistan untergetaucht war, sollte niemanden wundern, schließlich würde es auch die Taliban ohne die Unterstützung der pakistanischen Sicherheitskräfte gar nicht geben. Der ISI hatte die Taliban einst aufgebaut, um nach dem Abzug der Sowjets ein Machtvakuum zu füllen und um den Einfluss des Erzrivalen Indien auf dortigem Boden zu verhindern. Und die westliche Welt stieg auf den Feindbild-Lückenfüller namens Islamismus nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums blindlings ein.
Doch Pakistan hat eine zweischneidige Rolle, einerseits ist es ein Hort des Terrors, anderseits ein Verbündeter im Kampf gegen den Terror. Das Land blieb nicht nur das Rückzugsgebiet der Taliban, von dort aus wurden die Kriegsstrategien entworfen, Waffen und Fahrzeuge geliefert, Selbstmordattentäter ausgebildet und Anschläge auf strategische Ziele in Kabul und Umgebung geplant.
Die Zahl der getöteten Zivilisten wuchs dadurch beständig, nicht nur durch die vielen Einsätze der ISAF-Truppen und die Bombenangriffe, von denen es hunderte mit mehr zivilen Opfern gab, als offiziell bekundet wurde. Auch deshalb wuchs der Hass der Bevölkerung auf die Ausländer, schon allein der Fakt genügte, dass bewaffnete Fremde auf den Straßen patroullieren, die als Besatzer empfunden werden und nicht als Helfer.
Der Wille zum Wiederaufbau durch die Nato wandelte sich zur Notwendigkeit des permanenten Schutzes vor den Einheimischen, die Taliban waren nicht zu erkennen, jeder konnte ein Feind sein, der aus dem Hinterhalt agiert.
Durch die ständigen Anschläge der al-Qaida sollte auch die Bevölkerung eingeschüchtert werden, jede Zusammenarbeit mit den ISAF-Truppen gilt als Verrat, Polizei-Checkpoints werden beschossen, explodierende Straßenbomben an jeder Ecke sind der Alltag, die Lage droht zu eskalieren und wird immer brenzliger, keiner kann sich den kriegerischen Handlungen entziehen. Das Land bewegt sich am Rande des Bürgerkriegs, der Frieden lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen, schon gar nicht mit der heutigen technisch überdosierten Kriegsmaschinerie der Westmächte, abgesehen davon steigen die enormen Kosten ins Uferlose.
Die Absichten Afghanistan anzugreifen, mögen anfangs große Unterstützung hervorgerufen haben, es ist jedoch wie jeder Waffengang ein schmutziger Krieg geworden mit all seinen Blutspuren und der erbarmungslosen Vernichtung von Existenzen. Außerdem ist gegen die Absolutheit der Dschihad-Kämpfer mit ihrer Todesliebe und der Selbstopferung, so irrational dies auch scheinen mag, kein Kampf zu gewinnen. Die Zeiten werden Jahr um Jahr tödlicher, Tausende sind bereits gestorben, ob durch Anschläge, Gefechte oder Bombenabwürfe, von Fortschritt kann keine Rede sein.
Die Situation ist verfahren und extrem schwierig und der Westen hat am Hindukusch eigentlich nichts verloren, seine Hilflosigkeit offenbaren die Dokumente über die Verstrickungen der Aufständischen mit dem pakistanischen Geheimdienst, auch der von den USA eingesetzte Hamid Karzai verfügt über keinerlei Macht außerhalb der Hauptstadt Kabul, zudem gibt es Mordkomplotte gegen Karzai und seinen Clan und die Bevölkerung will die Besetzung des Landes und die täglichen Opfer der Kämpfe nicht mehr hinnehmen.
Präsident Obama hat durch die angeordnete Tötung Osama bin Ladens zumindest ein erklärtes Ziel erreicht, wenn auch ein rachsüchtiges, doch seine Glaubwürdigkeit hat arg gelitten, das Gefangenenlager Guantanamo gibt es immer noch und seine Rhetorik ähnelt immer mehr derjenigen seines Vorgängers, von seinen echten Freundschaftsangeboten an die muslimische Welt ist nur noch wenig zu hören.
Auch wenn es plötzlich geheime Verhandlungen zwischen Vertretern der US-Regierung und Vertretern der Taliban für eine politische Lösung gibt, um einen Termin für den Abzug der ISAF-Truppen zu benennen, was auch bitter nötig ist, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, so bleibt Afghanistan eine offene Wunde, die Entwicklung in eine Demokratie ist gründlich misslungen. Niemand weiß, ob sich das Land jemals wieder stabilisieren kann, bedrohlich ist außerdem, dass sich auch die Atommacht Pakistan zunehmend in einen gescheiterten Staat verwandelt.
Die Folgen des nun schon so lange andauernden Krieges sind verheerend, wie die Dokumente von Wikileaks belegen und vermutlich wird diese Möglichkeit, genaue Informationen im Internet zu recherchieren, meist nur für Historiker von großer Bedeutung sein.
Ob Wikileaks wirklich einen ausschlaggebenden Einfluss auf die Weltpolitik hat, ist leider zu bezweifeln, aber die Pflicht der Bürger, Politik nicht nur den Politikern zu überlassen, hat dadurch eine großartige Chance bekommen. Hoffentlich wird sie auch genutzt.

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Geisternetz

Mai 14, 2011

Die Flugzeuge ritzen das durchstoßene Herz in den klaren Himmel.
Bombennächte spiegeln sich vulkanisch hell auf dem Straßenasphalt.
Der Atem stockt eingesperrt in den dreißig Millisekunden Gegenwart.
Auf meiner dunklen Netzhaut brennen die abstürzenden Feuerbälle.
Ich starre wie Lot auf die Fremdheit meiner sehnsüchtigen Hoffnung.
Die Fortsetzung meiner Geburt zweifelt an meinen frühen Wünschen.
Mein Dasein hat sich eingerichtet im Sichwehren mit Selbstzerstörung.
Eine Totenwache der Raben hat sich um meinen Körper versammelt.
Belastendes Material schreibt sich in Zahlen auf die Haut der Vernunft.
Steinerne Schreckenshäupter verfolgen das Überall mit ihren Blicken.
Kniende Frauen kriechen höher auf der Treppe der Heilserwartung.
Der Name der Welt liest sich bis in die Unverständlichkeit hinein.

Verhängniskette

Mai 7, 2011

Wann beginnt das Verhängnis? Hat es überhaupt einen Anfang oder sucht es sich Stück für Stück die Puzzlesteine am Wegesrand des Lebens zusammen. Und welchen Sinn verfolgt es, vielleicht den, einen Menschen vernichten zu wollen oder ist es einfach nur eine Form von Gleichgültigkeit, die dem Menschen zustößt, die dieser aber nicht aushalten kann, weil er sich für verloren hält. Und ist er wirklich verloren oder darf er auf ein nächstes Leben hoffen, wenn schon das hiesige in Trümmern liegt, während sich im Leben der anderen eine Normalität eingenistet hat, die blind für den Gestürzten einen Lauf nimmt, die sich keine Fragen stellen will, solange es nur vorwärts geht. Aber was heißt es schon, vorwärts zu gehen, es ist doch das Altern, das eine willkommene Illusion von Zeit vorgaukelt. Möglich, dass nichts wirklich vergeht, sondern das Gesamte in uns unbekannte Räume verschwindet, die ein Mensch nie betreten kann, weil er sich sonst in sein Gegenteil verwandeln würde, sein Körper in eine Art Antimaterie und sein Geist in dunkle Energie, die der kalte Kosmos als Treibstoff benötigt. Regiert der Überfluss oder die Notwendigkeit das Universum und sind wir eigentlich in einem Sinngefüge verankert oder einfach nur eine Laune der mathematischen Gesetzmäßigkeiten? Vielleicht gibt es auch überhaupt keine wirklichen Antworten, solange wir im Diesseits gefangen sind, vielleicht eröffnen sich nie Zusammenhänge der Dinge, sondern nur zufällige Fragmente und die Gründe für alles sind nur eine Erfindung unseres Verstandes. Der Mensch aber braucht eine höhere Ordnung zum Überleben, obwohl er die Wahl hat, sich der gegebenen Struktur ganz und gar zu verweigern, seine Ohnmacht als Macht zu begreifen als letzten Ausweg, wenn ihn Krankheit und Lieblosigkeit zermürbt haben. Nur ein Hauch von Glück reicht, um ihn für eine lebendige Ewigkeit in das Elend stürzen, aus dem es trotz aller Mühe kein Entrinnen mehr gibt. So vom Schicksal in Haft genommen, fällt er tief ins Bodenlose, nur die Einsamkeit begleitet ihn durch die dunklen Jahrzehnte. Nichts kann er festhalten, es entgleitet ihm jedes Stück von Hoffnung, auch sein eigenes Ich verliert jegliche Kontur und zerfasert sich in Unbegreifliches. Mit abgrundtiefer Reue denkt er an das Verlorene und fragt sich, wäre ihm ein besseres Leben bestimmt gewesen oder stand sein Dasein von Anfang an im Schatten oder ist er nur ein zufällig tanzender Spielball des Schicksals? Waren es vielleicht auch seine Fehler und Fehltritte, die einsame Trauer seiner Kindheit und die vergeudete Jugend, die ihn genau dorthin brachten, wovor er sich am meisten gefürchtet hat? Ein falscher Schritt und eine unbedachte Entscheidung und schon kann das jahrelang erbaute Gerüst der existenziellen Selbstverständlichkeit zusammenstürzen, das eigene Leben ist von einem Moment auf den anderen zerstört, Trost ist nur ein Wort, dessen Bedeutung ein Trugbild bleibt. Der Schmerz über den endgültigen Verlust der Leichtigkeit und der freudigen Erwartung, eine erfüllte Zukunft zu haben, ist so übermächtig, dass die Seele ein gnadenloses Schlachtfeld aus dem Körper macht und dass dem Menschen die gesamte Welt abhanden kommt, das Licht nur noch einen wirklichkeitsfernen dunklen Schein hat. Die Qual der Ausweglosigkeit lenkt auf einen Weg, auf dem konsequent Unglück auf Unglück wartet und keine Weisheit auf die Verzweiflung folgt. Waren denn alle Liebe und Zärtlichkeit umsonst gewesen, wenn sie nun zertrümmert im Ort der inneren Verwüstung liegen? Wozu noch die Sehnsucht, wenn sie nur Kummer und Gram nach sich zieht und den marternden Hass gebiert. Und wie kann es sein, dass das Heilsversprechen ein magisches Vakuum bleibt, während die Hölle unmittelbar auf Erden erfahrbar ist? Oft schon hat ein menschengemachtes Inferno ganzen Völkern das Verderben gebracht und es wird unter einem anderen Namen immer wiederkehren mit all seiner negativen Zerstörungskraft. Kein Schöpfer hält seine schützende Hand über das so zerbrechliche Leben jedes Wesens, auch die Natur wütet grausam gegen alles Lebendige, nichts ist sicher, der Abgrund lauert in jeder Sekunde überall. Die Angst vor Krankheit und Tod treibt den Menschen am Wesentlichen vorbei in die Armseligkeit der Blindheit sich mit einer trügerischen Gedanklichkeit zu bespiegeln. Der Versuch die eigenen Geschicke und die des Weltenlaufes zu verstehen, öffnet die bedrohliche Tür in den Wahnsinn und eine leidvolle Erkenntnis entzieht sich für immer dem Vergessen. Wehe dem, der sein Leben in den Händen eines lebendigen Gottes glaubt.

Kamineffekt

April 24, 2011

Violette Leichenflecken auf der Haut der Welt,
wie der letzte Versuch eines erkaltenden Sterns,
der Vergangenheitslichtkegel ist am Erlöschen,
der Nachtschatten hat die Feuerflamme besiegt,
die Zeit versickert in den Lücken der Spaltbrüche,
die Todesverachtung für die Wünsche triumphiert,
das Zerfalls-Äon erreicht seine kritische Masse,
auf jenen mit Yellowcakes gepflasterten Wegen,
in die durch Vergangenheit ruinierte Gegenwart,
vergessen die Red Tag Items am blutenden Sein.

Tscherenkow-Licht

April 23, 2011

Dieses seltsam blaue Leuchten, das beim Durchgang schneller Elektronen durch Wasser hervorgerufen wird, entsteht auch in den Abklingbecken von Kernkraftwerken.
Es ist ein mystisches Blau, als wäre das Leben verstorben und nur das untote Bewusstsein würde durch den Äther geistern. Wie ein wunderschönes Menetekel ermahnt uns das kalte Schimmern, dass unsere Tage gezählt sein könnten, falls wir weiterhin glauben, die entfesselte Energie der Atome steuern zu können. Ein bläulicher Schein begleitet uns täglich auf den Bildschirmen, als würden wir uns den Himmel in die Häuser holen, durch deren Flackern uns die Außenwelt im inneren Zirkel erreicht.
So nah, dass unsere Wissenschaftsgläubigkeit ein blinder Fleck bleibt bei unserer medialen Katastrophenverliebtheit. Die Apokalypse kann jederzeit eintreten, solange wir weiterhin eine erkaltete Sonne auf die Erde holen, in Form von hunderten Atomkraftwerken mit einer noch gebändigten strahlenden Gleichzeitigkeit.
Ein Vorgeschmack des Kontrollverlustes heißt Tschernobyl, auch die Beerdigung des Reaktors in einem Steinsarg konnte seine giftige Fracht nicht endgültig zähmen. Zudem wird der Sarkophag brüchig, und ein neuer wie das anstehende Shelter-Projekt verschlingt Millionen, während das strahlende Erbe uns einen Idee von Ewigkeit im negativen Sinne gibt.
Unsere seelische Kondition hat den Anschluss an die technische Machbarkeit längst verloren, wir haben uns selbst überholt, unsere Gedankenlosigkeit offenbart die reale Möglichkeit der Selbstvernichtung.
Die sogenannte friedliche Nutzung der Kernkraft ist untrennbar verbunden mit der militärischen Handhabung, eine Trennlinie zwischen den beiden zu ziehen, ist nur ein gut funktionierender Selbstbetrug und die Verbreitung der Machbarkeit lässt das Unfallrisiko um ein vielfaches steigen.
Unsere Illusion von der sauberen und billigen Energie lässt uns weitere Reaktoren in die Welt setzten, dabei sieht die Wahrheit ganz anders aus. Ohne staatliche Subventionen und öffentliche Zuschüsse kann es sich keiner leisten, ein neues Kernkraftwerk zu bauen, außerdem übernimmt keine Versicherung den Fall eines Unglücks, das wäre viel zu teuer. Und auch der Rohstoff Uran ist nicht unbegrenzt verfügbar, vielleicht noch einige Jahrzehnte.
Die verbrauchten Brennstäbe müssen fünf Jahre in einem Abklingbecken liegen, so ausdauernd ist die Nachzerfallswärme und für die Entsorgung des radioaktiven Mülls gibt es immer noch keine angemessene Lösung. Diesen tödliche Rest schieben wir durch diverse Zwischenlager und belasten unsere Zukunft mit einer Vorahnung auf unseren Untergang.
Störfälle gibt es immer wieder, die auf menschliches Versagen zurückzuführen sind, nur dass die Folgen eben verheerend sein können, wie das Beispiel des Desasters in Fukushima uns wieder deutlich vor Augen führt.
Auch der Abbau bestehender Kraftwerke gestaltet sich als langwierig, die Aufräumarbeiten sind enorm teuer, es stellt sich die selbe Frage nach einem geeigneten Endlager, dem Wohin mit dem gefährlichen Material. Wir wissen zu wenig, wir spielen mit dem Feuer, es könnte uns verletzen, uns verbrennen, uns in das Elend stürzen, dorthin, wo die Zeit keine Wunden mehr heilt.

Allumkehre

April 22, 2011

alle Zeit der Welt
aus Papierdrachen
die Grenzfestung
im Schattenzwang
Gedankenplasma
mit Wortbleiche
zum Schmerzton
das Sterngeflüster
Milchstraßenblitz
alle Welt der Zeit

Hibakusha

April 21, 2011

Dieses wohlklingende japanische Wort heißt übersetzt die Explosionsbetroffenen. Gemeint sind die Menschen, die das Inferno der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki überlebt hatten. Doch sie wurden vom Schicksal doppelt bestraft, nicht nur, dass sie den atomaren Schrecken hautnah miterleben mussten und ihre Verwandten verloren haben, sie wurden auch von der Gesellschaft ausgegrenzt und diskriminiert, weil man dachte, dass die Verstrahlung eventuell ansteckend ist und auch auf die nächsten Generationen übertragen werden könnte.
So kam es, dass die Überlebenden, die eigentlich schon mit diesem Kriegsverhängnis gestraft genug waren, oft keine Arbeit finden und keine Familien gründen konnten. Ihr Leben lang wurden die Betroffenen benachteiligt und gemieden, für sie gab es keine Gerechtigkeit, meist fühlten sie sich wie Aussätzige und mussten sich dem grausamen Verhalten ihrer Landsleute beugen.
Bis heute herrscht Schweigen über diesen dunklen Teil der japanischen Geschichte, obwohl inzwischen bekannt ist, dass die Strahlenkrankheit nicht ansteckend ist, man den Opfern also Gerechtigkeit hätte widerfahren lassen müssen, stattdessen geht die Angst erneut um.
Diejenigen, die aus dem Umkreis von Fukushima stammen und jetzt in irgendwelchen Hallen auf Pappkartons sitzen, weil sie alles in kürzester Zeit zurücklassen mussten, die fürchten sich vor ihrer Zukunft. Vor allem davor, dass es ihnen ähnlich ergehen könnte, wie den damaligen Hibakusha, denn trotz aller Aufklärung hält sich immer noch das Gerücht, die atomare Verstrahlung sei übertragbar und erblich.
Zehntausende sind davon inzwischen betroffen, deren Existenz zerstört ist und die nun mit dem Makel leben müssen, aus den verstrahlten Gebieten zu kommen. Viele von ihnen haben im Atomkraftwerk gearbeitet, das bisher eine gesicherte Lebensgrundlage zu sein schien. Die Gefahren der Nutzung von Kernkraft wurden verdrängt und das ausgerechnet in dem Land, in dem die Menschen die grausamen Folgen zweier Atombombenabwürfe erleiden mussten.
Außerdem wurde es mit den Sicherheitsmaßnahmen im Atomkraftwerk Fukushima nicht so genau genommen, der Betreiber Tepco ließ auf verantwortungslose Weise alarmierende Berichte über den Zustand seiner Meiler fälschen und machte mitunter auch die Kritiker mundtot, die versuchten, über die unbequeme Wahrheit dort zu berichten. Worüber ebenfalls nicht gern gesprochen wird, ist die Tatsache, dass Tepco Hilfskräfte in seinen Atomkraftwerken einstellte und diese Arbeiter mit Tätigkeiten betraute, für die eigentlich Sachverstand erforderlich ist, diese Tagelöhner werden bezeichnenderweise die Nuklear-Zigeuner genannt.
Doch nun ist es vorbei mit dem Traum vom gesicherten Auskommen, vorbei mit dem Ideal von der sauberen Energie. Der Störfall in den Reaktoren hat das atomare Ungeheuer wider allen Prophezeiungen in gefährlicher Weise entfesselt, sicherlich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, aber vor allem aufgrund menschlichen Versagens und der Tatsache, dass diese Technik niemals beherrschbar ist und möglicherweise ein ganzes Volk zu Hibakusha wird.

Lebenslänglich

April 12, 2011

Der Vater fragt
seine Tochter:
„Was siehst Du,
wenn Du Deine
Augen schließt?“
Die Tochter
schließt die Augen
und antwortet:
„Nichts!“
Der Vater sagt:
„Genau
das bist
Du!“

Wegkreuzung

April 2, 2011

Das Himmelsgrab öffnet die Schleusen,
der taube Engelsschrei verhallt ungehört,
die Weltlinie verblasst im Sonnenstillstand,
das Block-Universum verdüstert sich in Zeit,
die Uhren ticken ohne Zeiger zum Niedergang,
das Sinnmausoleum erstarrt im Ewigwährenden,
der Seelenrückstand hat Metall auf all den Lippen.

Tschetschenisierung

April 2, 2011

Das Schicksal Tschetscheniens ist bitter, zwei Kriege und ein nicht endender Terror haben das Land und seine Bewohner mürbe gemacht. Durch die Kämpfe und Bombenangriffe wurde alles zerstört, eine Infrastruktur gab es nicht mehr, die Wirtschaft lag am Boden und jede Familie hatte Verluste zu beklagen. Entführungen, Folter und Mord waren an der Tagesordnung, die Grausamkeiten, die man sich gegenseitig antat, waren unvorstellbar brutal.
Beide Seiten, Russen wie Tschetschenen, waren in einen Strudel der rohen Gewalt und der Barbarei geraten. Weil die russische Armee schlecht bezahlt wurde und viele für ihren Alkoholkonsum Geld brauchten, verkauften sie sogar ihre eigenen Waffen an ihre tschetschenischen Gegner, zudem wurden die Rebellen von wahhabitischen Strömungen aus dem Ausland unterstützt, sodass sich das gegenseitige Abschlachten jahrelang hinzog, ein sinnloses Gemetzel und ein tägliches Blutbad.
Ob die Wunden dieser menschenverachtenden Geschichte je heilen werden, ist zu bezweifeln, zumal der jetzige tschetschenische Präsident die Verkörperung des Krieges und des Terrors in Reinform darstellt. Ramsan Kadyrow ist ein ungebildeter, skrupelloser und selbstherrlicher Despot, der sich gern als „Vater des Volkes“ bezeichnen lässt.
Der Sohn des früheren Präsidenten wurde vom Kreml protegiert und sollte das kleine aufsässige Land wieder gefügig machen. Die von Moskau verordnete Normalisierung wurde sinnigerweise „Tschetschenisierung“ genannt. Es floss viel Geld in diese Region, der Aufbau der Häuser und Straßen wurde vehement vorangetrieben, in kürzester Zeit war aus dem zerbombten Ort Grosny wieder eine funktionierende Stadt geworden.
Doch der Preis dafür ist ein totalitäres, tyrannisches Regime, das weiterhin auf Gewalt und Unterdrückung setzt, wer widerspricht, lebt gefährlich, denn nach wie vor werden unliebsame Kritiker verfolgt, bedroht und ermordet. Durch die willkürliche Machtausübung von oben regieren Angst, Spitzelwesen und Rechtlosigkeit das kleine Land, die Bevölkerung wird von der Miliz kontrolliert, den Kadyrowski, die berüchtigt sind für ihr erbarmungsloses Vorgehen, es wird nach wie vor gefoltert und es verschwinden immer wieder Menschen spurlos.
Kadyrow hat ein System der Schutzgelderpressung eingeführt, um seine Herrschaft zu finanzieren und um seine Leute und den Bau von Moscheen zu bezahlen. Es findet eine Art Re-Islamisierung statt, Frauen werden immer rechtloser und Kadyrow sieht sich als ein religiöser Führer, als „Imam“.
Er liebt schnelle Pferde und schnelle Autos, dutzende davon besitzt er, er lässt sich feiern und bewundern, verteilt gern schon mal Geschenke in Form von Hundert-Dollar-Noten und tanzt mit vergoldeter Pistole auf diversen Partys.
Es wird erzählt, dass er einen privaten Folterkeller besitzt und auch selbst Hand anlegt, wenn es ihm in den Sinn kommt, seine Brutalität ist gefürchtet, aufgrund von mangelndem Gehorsam hat er schon ein paar seiner Leibwächter töten lassen. Sein verbrecherischer Arm reicht bis ins westliche Ausland, wer im Wege steht und es wagt Kadyrow anzuklagen, der muss mit einem Todesurteil rechnen, wo auch immer er sich befindet.
Im fernen Moskau toleriert man sein kriminelles Benehmen, denn es bedeutet in erster Linie Stabilität im Kaukasus, auch wenn das möglicherweise nicht von Dauer sein wird, weil die eigene Bevölkerung ihn zutiefst hasst, außerdem wird es in den Nachbarregionen zunehmend unruhiger, ständige Anschläge sind der traurige Alltag.
Für den Kreml erfüllt Kadyrow eine doppelte Funktion, einerseits scheint er ein nützlicher Gehilfe für das Regierungstandem Putin-Medwedew zu sein, andererseits ist er verrückt und wild genug, dass er den Fremdenhass gegen alles Kaukasische exzellent bedient. Denn es gilt eine alte Formel, dass der Kaukasus zu Russland gehört, aber eben nicht seine Bewohner, die Kaukasier.