Archive for the ‘Politik’ Category

Impressions and thoughts about a lunch date with Julian Assange and Slavoj Zizek

August 21, 2011

On July 2 I met a very pleasant Julian Assange full of wit as well as a lively and charming Slavoj Zizek. As special and lovely this day was it could not ease my anxiety about the future of WikiLeaks and Julian Assange.

His devotion to the idea of confronting the world with the mirror of truth, with all the harsh personal consequences, is admirable.
As noble as this goal might be, we should never loose sight of the individual human being. Every life is valuable and worth to be protected.

But we all are caught in the Zeitgeist and affected by mechanisms that force on us a sort of perpetual crisis which undermines our autonomy and in dealing with it makes us blind for the really important objectives of life. More is at stake than only turning problems in our comfortable rooms.

We accept to be governed by a mere scenery of politics. Also the strong and powerful fall victim to its pitfalls with their strategy of betrayal on themselves and on us in order to shackle us in a texture of fear and self-deception.

It almost seems the world would destroy us in order for us to destroy her. But not even the deepest pain could change this although our longing for humanity is inherent in our existence.
In spite of this our helplessness alienates us from history. Most of the people remain in a state of silent hope. Some are led to total self-sacrifice, which ends intellectually in eternal paradise.

In comparing our greatness with the greatness of our perceived enemies we paint the world in the colours of violence who’s ghosts haunt us from generation to generation. Even if our destiny plays tricks with us, we are not meant to carve out a miserable existence.

Our thoughts and deeds are only meaningful if we find the courage against all odds to go beyond the logic of war and violence, even if we are burnt by it.

Those who are willing to take the risk of investing their life to reveal the structures of power and brutality and to give this bleeding wound a face in order to make healing possible are the true optimists. The true cynics are those who want to make us belief in the necessity of war to keep the peace or who want to decree the consumption of media entertainment.

For Julian Assange it may be a curse or/and a blessing that he reached a position where he is heard.

Once again in other words.

On the 2nd of July I met a charming and thoughtful Julian Assange and a very funny and intelligent Slavoj Zizek.
As much as I enjoyed this day I started to worry about the future of WikiLeaks and Julian Assange.
The impact of his devotion to the truth, even if he is threatened with personal consequences, is admirable.

We must never forget the importance of every single human being.
Its uniqueness is worth fighting for.
Even if we find ourselves overruled by mechanisms of Zeitgeist we have to fight for our autonomy that can unveil our temporary blindness for what really matters, the essence of humanity.

There is more to do then to contemplate our problems in secrecy.
Politics try to threaten us with their means of power and deception and it is easy to feel overpowered by it and to give in.
A feeling of helplessness surrounds us and leads either to an uncontrolled act of violence or to self sacrifice.

There is more in our lives than just to live it, live it by the rules of politics.
We must force our thoughts and our will to break through the patterns of war, violence and injustice.

The ones who lead us to the path of civil disobedience, without fearing repercussions by the law, are the real true optimists.
Those who entertain us with meaningless media products are cynics as well as all who make us belief that peace is only possible if we fight wars to protect our globalized standarts.

Julian Assange is a truthful optimist, giving people hope, clarity and perspective within the jungle of globalized powers and fears.

Therefore I would really like to support his work with all my power and skills.

I wish Julian Assange and his entire team at WikiLeaks strenght, preserverance and luck.

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Wikileaks-Depeschen

Mai 25, 2011

Es ist schon ein halbes Jahr her, als Wikileaks in Zusammenarbeit mit dem Spiegel, der New York Times, dem Guardian, Le Monde und El País durch die Veröffentlichung vertraulicher und geheimer Botschaftsberichte aus aller Welt eine scheinbare Zerreißprobe auf dem politischen Parkett hervorrief, von einem Super-GAU der Diplomatie und einer Bedrohung der internationalen Sicherheit war die Rede.
Die Reaktionen, vor allem die der USA, waren extrem ungemütlich, die Methoden von Wikileaks wurden als kriminell eingestuft, speziell Julian Assange wurde mit einem Terroristen gleichgesetzt. Auf deren wahrscheinlichen Druck wurde auch die Kooperation von Wikileaks mit Matercard, Pay Pal und Amazon kurzfristig gekündigt. Plötzlich war vergessen, dass gerade Demokratien die Publikationsfreiheit als ein Menschenrecht zu schützen haben und Journalismus die Aufgabe hat, den Staat zu kontrollieren, um dadurch eine Öffentlichkeit herstellen, die für eine Demokratie zwingend notwendig ist.
Doch nun stellte sich heraus, dass der Staat versuchte, sich über seine Bürger zu stellen und der Schutz dieser Dokumente und Zeugnisse über staatliches Handeln wichtiger zu sein schien als das Anrecht der Bürger auf freie Information. Die US-Administration hatte sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in eine Geheimniskrämerzentrale gewandelt, die Prioritäten lagen eindeutig auf den militärisch-geheimdienstlichen Kapazitäten, zur Zeit der Regierung von George W. Bush schrumpfte die Diplomatie auf ein Mindestmaß und die Diplomaten erfüllten eher Hilfsdienste als Laien-Spione. Erst mit der Präsidentschaft von Barack Obama änderte sich dieser Zustand, Diplomatie war wieder gefragt.
Aber es gibt immer noch viele Geheimnisträger, immerhin hatten 2,5 Millionen Beamte Zugriff auf diese ca. 250 000 nun veröffentlichten Dokumente und es gibt allein 854 000 Geheimnisträger in den USA, so dass es nicht verwundert, wenn jemand auf die Idee kommt, dieses Herrschaftswissen den Bürgern preiszugeben. Zumal dadurch erst klar wird, wie sehr jenes Wissen dem Halb- und Unwissen ähnelt, abgesehen von einigen wirklich wichtigen und auch skandalösen Offenbarungen. Oft ist es der üblich etwas bösartige Klatsch und Tratsch, von dem man amüsiert zur Kenntnis nehmen kann, was man eh schon ahnte.
Zum Beispiel, dass Angela Merkel, die Teflon-Kanzlerin, das Risiko scheut und eher nicht kreativ ist, ihr Mitstreiter Guido Westerwelle inkompetent und eitel ist, Nicolas Sarkozy einem Kaiser ohne Kleider gleicht, Wladimir Putin der Alpha-Rüde im Gespann mit dem eher blassen Dmitri Medwedew ist, ein aufgeblasener Silvio Berlusconi wilde Party veranstaltet, Recep Erdogan eigentlich ein korrupter Islamist ist, der schwache Hamid Karzai sich mit Paranoia und Verschwörungstheorien herumplagt und sich ebenfalls mit Korruption tröstet, Kim Jong-il nur noch ein schlaffer alter Kerl ist und Mahmud Ahmadinedschad sogar das Böse in Form eines neuen Hitlers verkörpert. Der Geisteszustand mancher Politiker wird doch mitunter arg in Frage gestellt, so zweifelte auch Hillary Clinton an der Zurechnungsfähigkeit der argentinischen Präsidentin Cristina Kirchner und die europäischen Staatsoberhäupter buhlten wie die Kinder um die Gunst und ein Treffen mit Präsident Barack Obama.
Eine Blamage für die US-Regierung dürfte die Anordnung des Außenministeriums zum Ausspionieren der Mitarbeiter der UNO sein. So wollte man alles über die interne Kommunikation und die Sicherheitsmaßnahmen wissen. Sogar Passwörter, Kreditkarten- und private Telefonnummern, persönliche Codes für Verschlüsselungen und biometrische Daten waren von großem Interesse. Außerdem versuchte die US-Regierung ihre Guantanamo-Häftlinge gegen ein Kopfgeld und anderweitige Versprechen ins Ausland zu verfrachten. Saudi-Arabien machte sogar den Vorschlag, diese ehemaligen Häftlinge dann mit einem Mikrochip zu versehen, um sie weiterhin kontrollieren zu können.
Sehr kritisch gesehen wurden die Türkei, mit ihrem ausgeprägten Hang zum Islamismus und dem osmanischen Minderwertigkeitskomplex, Russland, mit seinen mafiös kleptokratischen Strukturen, seinen dubiosen Waffenlieferungen und dem Kalter-Krieg-Gehabe und vor allem China, die undurchsichtige gefährlich erstarkende Macht, die Nordkorea erstaunlicherweise weniger unterstützt als gedacht und eine Wiedervereinigung mit Südkorea nicht ausschließt.
Besonderes Augenmerk gilt dem Nahen und Mittleren Osten, Jemen, wo sich al-Qaida immer mehr ausbreitet und die Anti-Terror-Hilfe für den mörderischen Kampf gegen Aufständische missbraucht wird, deren Regierung auch schon mal US-Angriffe als eigene Attacken ausgibt, Irak, wo die Amerikaner komplett gescheitert sind und sich zwischen den Machtkämpfen von Sunniten und Schiiten verheddert haben, so auch im Nahost-Konflikt, in dem die USA hilflos zusehen, wie alle Seiten tricksen und sich die Lage trotz erheblicher finanzieller Spritzen nicht ändert, Pakistan, das als ein atomar bewaffneter Staat äußerst labil agiert, weil die Militärs und die Geheimdienste ihre eigene Politik auch gegen amerikanische Interessen betreiben und die Sorge um das nukleare Material und eine mögliche schmutzige Bombe immer größer wird. Und dann insbesondere Iran, um dessen vermutlich weit entwickeltes Atomprogramm, was vor allem die arabischen Staaten in regelrechte Panik versetzt.
Diese haben eine so alptraumhafte Angst, ein atomar bewaffneter Iran könnte ihre Scheichtümer und Königshäuser politisch und militärisch kontrollieren, dass sich die Staaten dieser Region mit amerikanischen Waffen und Abwehrraketen regelrecht zuschütten. Auch die Israelis entwerfen regelmäßig Horrorszenarien, ab wann der Iran in der Lage wäre, die Bombe wirklich zu bauen, um sich dann ihrerseits alle Optionen für einen militärischen Einsatz offen zu halten. Von diesem Konflikt profitieren besonders Russland und China, die sich das Unterlassen von Geschäften mit dem Iran, sei es in nukleartechnischer oder in ölunternehmerischer Hinsicht, teuer bezahlen lassen.
Aber auch die Amerikaner wissen ihre dortige Stellung durch die regionale Instabilität zu nutzen. Massive Schutzvereinbarungen auf militärischer und infrastruktureller Basis, zementieren die amerikanische Weltmachtsäule, auch wenn die US-Regierung durch ihre zwanghafte Energiesicherungsfixierung auf das Öl mitunter zum Spielball unterschiedlicher Interessen und Feindschaften zwischen Arabern und Israelis, Islamisten und Säkularen wird.
Schließlich müssen auch die US-Diplomaten so manchen zwielichtigen Despoten umgarnen, um an das Schwarze Gold zu gelangen und das ohne nur irgendeine Rücksicht zu nehmen auf die klimaschädliche Wirkung dieses Rohstoffes. Denn allen verheerenden Witterungsprognosen zum Trotz wurden die Europäer auf dem Klimagipfel in Kopenhagen von den USA und China gründlich über den Tisch gezogen, um einen nur unwesentlich funktionierenden Minimalkonsens über die Beschränkung von Treibhausgasemissionen auszuhandeln.
Angesichts dieser Datenfülle aus den Depeschen wird wieder deutlich, was sowieso kein Geheimnis ist, das Geschachere und Gerangel unter den Politikern und Diplomaten wirkt mitunter kleingeistig und auch lächerlich, wenn es nicht so ernste Folgen hätte. Man darf durchaus spekulieren, ob es eine Koalition der Willigen für den Irak-Krieg gegeben hätte, wenn genaue Informationen über die nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen rechtzeitig publik gemacht worden wären.
Auch mittels Wikileaks könnte eine größere Hoffnung bestehen, dass durch Transparenz und Wahrheit ein friedliches Miteinander eine reale Möglichkeit erhält, in einer Welt, in der die Mächtigen nicht mehr tun können, was sie wollen. Wahrheit bedeutet aber auch Verantwortung für jeden Einzelnen, weshalb sie so gefürchtet wird, jedoch sich dieser Furcht zu stellen, lohnt sich.

Wikileaks-Afghanistan

Mai 20, 2011

Als vor 10 Monaten die fast 92 000 geheimen Dokumente über den Krieg in Afghanistan durch die Internetseite Wikileaks an die Öffentlichkeit gelangten, bestand die Hoffnung, dass durch die bloßstellende Beschreibung der alltäglichen Brutalität dieses Krieges eine größere Aussicht besteht, diesen Konflikt möglicherweise schneller zu beenden. Vor allem Julian Assange und seine Mitstreiter äußerten sich in diese Richtung, dass sich durch jenes schonungslose Kriegstagebuch mit seinen schockierenden Einzelheiten die öffentliche Meinung dahingehend verändern würde.
Doch das war leider ein gewaltiger Irrtum, es änderte sich gar nichts. Außer einem kurzen medialen Aufschrei, ging der mörderische Schrecken weiter in einem Land, welches in der Geschichte noch nie besiegt werden konnte.
Nicht der Ruf nach Gerechtigkeit, sondern die Logik der Gewalt brachte die Westmächte dazu, nach der erlittenen Demütigung durch den größten Terroranschlag in New York und Washington, sich mit aller militärischer Wucht auf Afghanistan zu stürzen und speziell auf die Terrorlegende Osama bin Laden, seinem al-Qaida-Netzwerk und die Taliban.
Lange hatten die USA gezielte Tötungen geheim gehalten, diese Drecksarbeit gehörte zu den dunklen Geheimnissen der Task Force 373, eine Truppe von Elitesoldaten, ein Teil davon sind auch die nun zu Weltruhm gekommenen Navy Seals. In den internen Papieren konnte man nachlesen, wie die Jagd auf Aufständische und die sogenannten Top-Tabilban funktionierte, die Anweisung für das Eliminieren der Feinde kam direkt aus dem Pentagon, manchmal traf es allerdings auch Unschuldige.
Aber spätestens mit der Tötung Osama bin Ladens wurde die gezielte Tötung als legitim angesehen, auch wenn sich der Westen mit dieser fragwürdigen Vorgehensweise im Wild-West-Stil auf die gleiche Stufe stellt wie die Terroristen. Ein anständiger Prozess, der dem Verhalten eines Rechtsstaates auch entspricht, wäre die angemessene Lösung gewesen.
Dass Osama bin Laden in Pakistan untergetaucht war, sollte niemanden wundern, schließlich würde es auch die Taliban ohne die Unterstützung der pakistanischen Sicherheitskräfte gar nicht geben. Der ISI hatte die Taliban einst aufgebaut, um nach dem Abzug der Sowjets ein Machtvakuum zu füllen und um den Einfluss des Erzrivalen Indien auf dortigem Boden zu verhindern. Und die westliche Welt stieg auf den Feindbild-Lückenfüller namens Islamismus nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums blindlings ein.
Doch Pakistan hat eine zweischneidige Rolle, einerseits ist es ein Hort des Terrors, anderseits ein Verbündeter im Kampf gegen den Terror. Das Land blieb nicht nur das Rückzugsgebiet der Taliban, von dort aus wurden die Kriegsstrategien entworfen, Waffen und Fahrzeuge geliefert, Selbstmordattentäter ausgebildet und Anschläge auf strategische Ziele in Kabul und Umgebung geplant.
Die Zahl der getöteten Zivilisten wuchs dadurch beständig, nicht nur durch die vielen Einsätze der ISAF-Truppen und die Bombenangriffe, von denen es hunderte mit mehr zivilen Opfern gab, als offiziell bekundet wurde. Auch deshalb wuchs der Hass der Bevölkerung auf die Ausländer, schon allein der Fakt genügte, dass bewaffnete Fremde auf den Straßen patroullieren, die als Besatzer empfunden werden und nicht als Helfer.
Der Wille zum Wiederaufbau durch die Nato wandelte sich zur Notwendigkeit des permanenten Schutzes vor den Einheimischen, die Taliban waren nicht zu erkennen, jeder konnte ein Feind sein, der aus dem Hinterhalt agiert.
Durch die ständigen Anschläge der al-Qaida sollte auch die Bevölkerung eingeschüchtert werden, jede Zusammenarbeit mit den ISAF-Truppen gilt als Verrat, Polizei-Checkpoints werden beschossen, explodierende Straßenbomben an jeder Ecke sind der Alltag, die Lage droht zu eskalieren und wird immer brenzliger, keiner kann sich den kriegerischen Handlungen entziehen. Das Land bewegt sich am Rande des Bürgerkriegs, der Frieden lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen, schon gar nicht mit der heutigen technisch überdosierten Kriegsmaschinerie der Westmächte, abgesehen davon steigen die enormen Kosten ins Uferlose.
Die Absichten Afghanistan anzugreifen, mögen anfangs große Unterstützung hervorgerufen haben, es ist jedoch wie jeder Waffengang ein schmutziger Krieg geworden mit all seinen Blutspuren und der erbarmungslosen Vernichtung von Existenzen. Außerdem ist gegen die Absolutheit der Dschihad-Kämpfer mit ihrer Todesliebe und der Selbstopferung, so irrational dies auch scheinen mag, kein Kampf zu gewinnen. Die Zeiten werden Jahr um Jahr tödlicher, Tausende sind bereits gestorben, ob durch Anschläge, Gefechte oder Bombenabwürfe, von Fortschritt kann keine Rede sein.
Die Situation ist verfahren und extrem schwierig und der Westen hat am Hindukusch eigentlich nichts verloren, seine Hilflosigkeit offenbaren die Dokumente über die Verstrickungen der Aufständischen mit dem pakistanischen Geheimdienst, auch der von den USA eingesetzte Hamid Karzai verfügt über keinerlei Macht außerhalb der Hauptstadt Kabul, zudem gibt es Mordkomplotte gegen Karzai und seinen Clan und die Bevölkerung will die Besetzung des Landes und die täglichen Opfer der Kämpfe nicht mehr hinnehmen.
Präsident Obama hat durch die angeordnete Tötung Osama bin Ladens zumindest ein erklärtes Ziel erreicht, wenn auch ein rachsüchtiges, doch seine Glaubwürdigkeit hat arg gelitten, das Gefangenenlager Guantanamo gibt es immer noch und seine Rhetorik ähnelt immer mehr derjenigen seines Vorgängers, von seinen echten Freundschaftsangeboten an die muslimische Welt ist nur noch wenig zu hören.
Auch wenn es plötzlich geheime Verhandlungen zwischen Vertretern der US-Regierung und Vertretern der Taliban für eine politische Lösung gibt, um einen Termin für den Abzug der ISAF-Truppen zu benennen, was auch bitter nötig ist, um die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, so bleibt Afghanistan eine offene Wunde, die Entwicklung in eine Demokratie ist gründlich misslungen. Niemand weiß, ob sich das Land jemals wieder stabilisieren kann, bedrohlich ist außerdem, dass sich auch die Atommacht Pakistan zunehmend in einen gescheiterten Staat verwandelt.
Die Folgen des nun schon so lange andauernden Krieges sind verheerend, wie die Dokumente von Wikileaks belegen und vermutlich wird diese Möglichkeit, genaue Informationen im Internet zu recherchieren, meist nur für Historiker von großer Bedeutung sein.
Ob Wikileaks wirklich einen ausschlaggebenden Einfluss auf die Weltpolitik hat, ist leider zu bezweifeln, aber die Pflicht der Bürger, Politik nicht nur den Politikern zu überlassen, hat dadurch eine großartige Chance bekommen. Hoffentlich wird sie auch genutzt.

Tscherenkow-Licht

April 23, 2011

Dieses seltsam blaue Leuchten, das beim Durchgang schneller Elektronen durch Wasser hervorgerufen wird, entsteht auch in den Abklingbecken von Kernkraftwerken.
Es ist ein mystisches Blau, als wäre das Leben verstorben und nur das untote Bewusstsein würde durch den Äther geistern. Wie ein wunderschönes Menetekel ermahnt uns das kalte Schimmern, dass unsere Tage gezählt sein könnten, falls wir weiterhin glauben, die entfesselte Energie der Atome steuern zu können. Ein bläulicher Schein begleitet uns täglich auf den Bildschirmen, als würden wir uns den Himmel in die Häuser holen, durch deren Flackern uns die Außenwelt im inneren Zirkel erreicht.
So nah, dass unsere Wissenschaftsgläubigkeit ein blinder Fleck bleibt bei unserer medialen Katastrophenverliebtheit. Die Apokalypse kann jederzeit eintreten, solange wir weiterhin eine erkaltete Sonne auf die Erde holen, in Form von hunderten Atomkraftwerken mit einer noch gebändigten strahlenden Gleichzeitigkeit.
Ein Vorgeschmack des Kontrollverlustes heißt Tschernobyl, auch die Beerdigung des Reaktors in einem Steinsarg konnte seine giftige Fracht nicht endgültig zähmen. Zudem wird der Sarkophag brüchig, und ein neuer wie das anstehende Shelter-Projekt verschlingt Millionen, während das strahlende Erbe uns einen Idee von Ewigkeit im negativen Sinne gibt.
Unsere seelische Kondition hat den Anschluss an die technische Machbarkeit längst verloren, wir haben uns selbst überholt, unsere Gedankenlosigkeit offenbart die reale Möglichkeit der Selbstvernichtung.
Die sogenannte friedliche Nutzung der Kernkraft ist untrennbar verbunden mit der militärischen Handhabung, eine Trennlinie zwischen den beiden zu ziehen, ist nur ein gut funktionierender Selbstbetrug und die Verbreitung der Machbarkeit lässt das Unfallrisiko um ein vielfaches steigen.
Unsere Illusion von der sauberen und billigen Energie lässt uns weitere Reaktoren in die Welt setzten, dabei sieht die Wahrheit ganz anders aus. Ohne staatliche Subventionen und öffentliche Zuschüsse kann es sich keiner leisten, ein neues Kernkraftwerk zu bauen, außerdem übernimmt keine Versicherung den Fall eines Unglücks, das wäre viel zu teuer. Und auch der Rohstoff Uran ist nicht unbegrenzt verfügbar, vielleicht noch einige Jahrzehnte.
Die verbrauchten Brennstäbe müssen fünf Jahre in einem Abklingbecken liegen, so ausdauernd ist die Nachzerfallswärme und für die Entsorgung des radioaktiven Mülls gibt es immer noch keine angemessene Lösung. Diesen tödliche Rest schieben wir durch diverse Zwischenlager und belasten unsere Zukunft mit einer Vorahnung auf unseren Untergang.
Störfälle gibt es immer wieder, die auf menschliches Versagen zurückzuführen sind, nur dass die Folgen eben verheerend sein können, wie das Beispiel des Desasters in Fukushima uns wieder deutlich vor Augen führt.
Auch der Abbau bestehender Kraftwerke gestaltet sich als langwierig, die Aufräumarbeiten sind enorm teuer, es stellt sich die selbe Frage nach einem geeigneten Endlager, dem Wohin mit dem gefährlichen Material. Wir wissen zu wenig, wir spielen mit dem Feuer, es könnte uns verletzen, uns verbrennen, uns in das Elend stürzen, dorthin, wo die Zeit keine Wunden mehr heilt.

Hibakusha

April 21, 2011

Dieses wohlklingende japanische Wort heißt übersetzt die Explosionsbetroffenen. Gemeint sind die Menschen, die das Inferno der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki überlebt hatten. Doch sie wurden vom Schicksal doppelt bestraft, nicht nur, dass sie den atomaren Schrecken hautnah miterleben mussten und ihre Verwandten verloren haben, sie wurden auch von der Gesellschaft ausgegrenzt und diskriminiert, weil man dachte, dass die Verstrahlung eventuell ansteckend ist und auch auf die nächsten Generationen übertragen werden könnte.
So kam es, dass die Überlebenden, die eigentlich schon mit diesem Kriegsverhängnis gestraft genug waren, oft keine Arbeit finden und keine Familien gründen konnten. Ihr Leben lang wurden die Betroffenen benachteiligt und gemieden, für sie gab es keine Gerechtigkeit, meist fühlten sie sich wie Aussätzige und mussten sich dem grausamen Verhalten ihrer Landsleute beugen.
Bis heute herrscht Schweigen über diesen dunklen Teil der japanischen Geschichte, obwohl inzwischen bekannt ist, dass die Strahlenkrankheit nicht ansteckend ist, man den Opfern also Gerechtigkeit hätte widerfahren lassen müssen, stattdessen geht die Angst erneut um.
Diejenigen, die aus dem Umkreis von Fukushima stammen und jetzt in irgendwelchen Hallen auf Pappkartons sitzen, weil sie alles in kürzester Zeit zurücklassen mussten, die fürchten sich vor ihrer Zukunft. Vor allem davor, dass es ihnen ähnlich ergehen könnte, wie den damaligen Hibakusha, denn trotz aller Aufklärung hält sich immer noch das Gerücht, die atomare Verstrahlung sei übertragbar und erblich.
Zehntausende sind davon inzwischen betroffen, deren Existenz zerstört ist und die nun mit dem Makel leben müssen, aus den verstrahlten Gebieten zu kommen. Viele von ihnen haben im Atomkraftwerk gearbeitet, das bisher eine gesicherte Lebensgrundlage zu sein schien. Die Gefahren der Nutzung von Kernkraft wurden verdrängt und das ausgerechnet in dem Land, in dem die Menschen die grausamen Folgen zweier Atombombenabwürfe erleiden mussten.
Außerdem wurde es mit den Sicherheitsmaßnahmen im Atomkraftwerk Fukushima nicht so genau genommen, der Betreiber Tepco ließ auf verantwortungslose Weise alarmierende Berichte über den Zustand seiner Meiler fälschen und machte mitunter auch die Kritiker mundtot, die versuchten, über die unbequeme Wahrheit dort zu berichten. Worüber ebenfalls nicht gern gesprochen wird, ist die Tatsache, dass Tepco Hilfskräfte in seinen Atomkraftwerken einstellte und diese Arbeiter mit Tätigkeiten betraute, für die eigentlich Sachverstand erforderlich ist, diese Tagelöhner werden bezeichnenderweise die Nuklear-Zigeuner genannt.
Doch nun ist es vorbei mit dem Traum vom gesicherten Auskommen, vorbei mit dem Ideal von der sauberen Energie. Der Störfall in den Reaktoren hat das atomare Ungeheuer wider allen Prophezeiungen in gefährlicher Weise entfesselt, sicherlich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, aber vor allem aufgrund menschlichen Versagens und der Tatsache, dass diese Technik niemals beherrschbar ist und möglicherweise ein ganzes Volk zu Hibakusha wird.

Tschetschenisierung

April 2, 2011

Das Schicksal Tschetscheniens ist bitter, zwei Kriege und ein nicht endender Terror haben das Land und seine Bewohner mürbe gemacht. Durch die Kämpfe und Bombenangriffe wurde alles zerstört, eine Infrastruktur gab es nicht mehr, die Wirtschaft lag am Boden und jede Familie hatte Verluste zu beklagen. Entführungen, Folter und Mord waren an der Tagesordnung, die Grausamkeiten, die man sich gegenseitig antat, waren unvorstellbar brutal.
Beide Seiten, Russen wie Tschetschenen, waren in einen Strudel der rohen Gewalt und der Barbarei geraten. Weil die russische Armee schlecht bezahlt wurde und viele für ihren Alkoholkonsum Geld brauchten, verkauften sie sogar ihre eigenen Waffen an ihre tschetschenischen Gegner, zudem wurden die Rebellen von wahhabitischen Strömungen aus dem Ausland unterstützt, sodass sich das gegenseitige Abschlachten jahrelang hinzog, ein sinnloses Gemetzel und ein tägliches Blutbad.
Ob die Wunden dieser menschenverachtenden Geschichte je heilen werden, ist zu bezweifeln, zumal der jetzige tschetschenische Präsident die Verkörperung des Krieges und des Terrors in Reinform darstellt. Ramsan Kadyrow ist ein ungebildeter, skrupelloser und selbstherrlicher Despot, der sich gern als „Vater des Volkes“ bezeichnen lässt.
Der Sohn des früheren Präsidenten wurde vom Kreml protegiert und sollte das kleine aufsässige Land wieder gefügig machen. Die von Moskau verordnete Normalisierung wurde sinnigerweise „Tschetschenisierung“ genannt. Es floss viel Geld in diese Region, der Aufbau der Häuser und Straßen wurde vehement vorangetrieben, in kürzester Zeit war aus dem zerbombten Ort Grosny wieder eine funktionierende Stadt geworden.
Doch der Preis dafür ist ein totalitäres, tyrannisches Regime, das weiterhin auf Gewalt und Unterdrückung setzt, wer widerspricht, lebt gefährlich, denn nach wie vor werden unliebsame Kritiker verfolgt, bedroht und ermordet. Durch die willkürliche Machtausübung von oben regieren Angst, Spitzelwesen und Rechtlosigkeit das kleine Land, die Bevölkerung wird von der Miliz kontrolliert, den Kadyrowski, die berüchtigt sind für ihr erbarmungsloses Vorgehen, es wird nach wie vor gefoltert und es verschwinden immer wieder Menschen spurlos.
Kadyrow hat ein System der Schutzgelderpressung eingeführt, um seine Herrschaft zu finanzieren und um seine Leute und den Bau von Moscheen zu bezahlen. Es findet eine Art Re-Islamisierung statt, Frauen werden immer rechtloser und Kadyrow sieht sich als ein religiöser Führer, als „Imam“.
Er liebt schnelle Pferde und schnelle Autos, dutzende davon besitzt er, er lässt sich feiern und bewundern, verteilt gern schon mal Geschenke in Form von Hundert-Dollar-Noten und tanzt mit vergoldeter Pistole auf diversen Partys.
Es wird erzählt, dass er einen privaten Folterkeller besitzt und auch selbst Hand anlegt, wenn es ihm in den Sinn kommt, seine Brutalität ist gefürchtet, aufgrund von mangelndem Gehorsam hat er schon ein paar seiner Leibwächter töten lassen. Sein verbrecherischer Arm reicht bis ins westliche Ausland, wer im Wege steht und es wagt Kadyrow anzuklagen, der muss mit einem Todesurteil rechnen, wo auch immer er sich befindet.
Im fernen Moskau toleriert man sein kriminelles Benehmen, denn es bedeutet in erster Linie Stabilität im Kaukasus, auch wenn das möglicherweise nicht von Dauer sein wird, weil die eigene Bevölkerung ihn zutiefst hasst, außerdem wird es in den Nachbarregionen zunehmend unruhiger, ständige Anschläge sind der traurige Alltag.
Für den Kreml erfüllt Kadyrow eine doppelte Funktion, einerseits scheint er ein nützlicher Gehilfe für das Regierungstandem Putin-Medwedew zu sein, andererseits ist er verrückt und wild genug, dass er den Fremdenhass gegen alles Kaukasische exzellent bedient. Denn es gilt eine alte Formel, dass der Kaukasus zu Russland gehört, aber eben nicht seine Bewohner, die Kaukasier.

Gulag in Nordkorea

März 5, 2011

Eigentlich sollte man denken, dass der Gulag, eine perfide Art des staatlichen Repressionssystems, der Vergangenheit angehört, aber der Gulag existiert immer noch in Form von Vernichtungslagern, Zwangsarbeitkonzentrationslagern, Foltereinrichtungsgefängnissen in Nordkorea.
Die Angaben, wie viele es von diesen menschenverachtenden Orten gibt, schwanken, zu wenig verlässliche Informationen dringen aus jenem unwirklich erscheinenden Land mit seinem bizarren Führerkult.
Das ganze Volk verharrt sein Jahrzehnten in Geiselhaft, in Denkversklavung dienstbar gehalten und an einen Bewunderungszwang für seine regierenden Götter geknebelt. Wer sich dieser Gleichschaltung nur ansatzweise widersetzt oder auch eher zufällig deswegen beschuldigt wird, der muss mit dem Schlimmsten rechnen, Todesstrafe oder das langsame Sterben in einem dieser Arbeitslager.
Die Zustände dort, das berichten Überlebende, sind unbeschreiblich grausam, jeden Tag müssen die Gefangenen von morgens bis abends Schwerstarbeit leisten, außer einem kleinen Teller Geteidesuppe gibt es nichts, der extreme Hunger führt dazu, dass die Insassen Insekten und Pflanzen essen, um nicht an Unterernährung zugrunde zu gehen.
Ihre Körper verwandeln sich in abgemagerte Skelette, die ganz krumm werden von der täglichen Belastung, auch die Zähne ihnen fallen aus, das Zahnfleisch wird schwarz. Sie besitzen nichts, außer einer einzigen Kleidung, keine Socken, keine Unterwäsche, Seife und Monatsbinden gibt es nicht. Ständig sind sie bedroht von Schlägen und Vergewaltigungen durch die Wärter, denen es ausdrücklich erlaubt ist, zu foltern und zu morden.
Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, den Betroffenen werden Kiesel in den Mund gestopft und eine Kapuze übergezogen, bevor sie vor aller Augen erschossen werden. Wenn eine Frau dort ein Kind zur Welt bringt, wird es sofort getötet und wenn ein Gefangener Selbstmord begeht, werden seine Angehörigen zu hohen Strafen verurteilt.
Nicht nur mit dieser Methode, die ganze Familie zu ahnden, hält die Regierung ihre Bevölkerung in Schach, auch mit der raffinierten Mischung aus der Bedrohung durch ausländische Kräfte und dem Heilsversprechen auf inneres Massenglück, welches in den Aufmärschen von gedrillten Leibern zu opulenten Bildern medial zelebriert wird.
Diese nach außen getragene Selbstverherrlichung kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Volk seit Jahren an den Qualen der Mangelernährung leidet, weil es nichts gibt, der Alltag kaum funktioniert, weil oft kein Strom da ist und kein Wasser. Die Straßen sind meist menschenleer, dafür gibt es per Lautsprecher eine Dauerbeschallung mit Lobeshymnen auf den Geliebten Führer Kim Jong-il.
Wie ein Dompteur peitscht er die Angst in seine Untertanen, die Atmosphäre der latenten Gewalt verkörpern die überall lauernden Geheimdienste in diesem Zirkus des Horrors. Die Furcht vor dem Gulag ist allgegenwärtig, es kann jeden treffen in jedem Moment, keiner kann sich sicher sein, niemand entkommt der Willkür dieses Systems. Dazu gehört auch die im Verhältnis zur Bevölkerung zahlenmäßig größte Armee der Welt, die immer mal wieder im Stechschritt bis an die Zähne bewaffnet aufmarschiert, um die vermeintliche Geltung zu bestätigen.
Aber was so übermächtig zur Schau getragen wird, ist in Wahrheit in einem ziemlich desolaten Zustand, der Staat hat kein Geld mehr, um seine Diener zu bezahlen und um weiterhin im eigenen Luxus schwelgen zu können. Es müssen Devisen ins Land und das schafft man am besten mit Drohgebärden in Form von atomarer Aufrüstung. Damit erschreckt man die Welt und erpresst sich so wieder genügend finanzielle Zuschüsse, um nicht die Kontrolle zu verlieren.
Trotzdem ist das ganze System inzwischen so marode, dass es ohne die Unterstützung von außen in sich zusammenfallen würde, vor allem China steht nach wie vor dieser Schreckensherrschaft bei.
Der Rest der Welt kümmert sich wenig um das Elend der unterdrückten Menschen in Nordkorea, die Existenz des Gulag wird verschwiegen, man weiß es zwar, aber es ist ein Nicht-Thema, auch wenn ungefähr 200 000 politische Häftlinge davon betroffen sind. Wo bleibt der Aufschrei der Staatengemeinschaft bei einem solch maßlosen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die Tschurow-Regel

März 2, 2011

Ein Gespenst geht um in Russland, das Gespenst des Putinismus.
Seit gut zehn Jahren hält es Russland in eisiger Umklammerung mit einer klaren Richtlinie, die Wladimir Tschurow, ein Leiter der Zentralen Wahlkommission, in einem Interview wie folgt aussprach: „Putin hat immer Recht“, das ist die „Tschurow-Regel“. Diesen simplen Satz muss man als ein übermächtiges Dogma begreifen, dementsprechend haben sich alle zu verhalten. Wer dies nicht tut, der hat mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen.
Das berühmteste Beispiel dafür ist Michail Chodorkowski. Der wagte es einst, Putin öffentlich zu widersprechen, ihn zu kritisieren für das Gedeihen der Korruption unter seiner Präsidentschaft. Chodorkowski hatte tatsächlich geglaubt, dass er durch seinen Reichtum und seinen Bekanntheitsgrad geschützt sei, da hatte er sich gewaltig geirrt. Aber er war auch gewarnt worden, dass er möglicherweise alles verlieren kann und er wollte lieber ein politischer Häftling sein als ein Emigrant.
Da Putin der uneingeschränkte Herrscher Russlands ist, sind seine Wünsche das Gesetz, angelehnt an seine Formulierung, als er das Amt des Präsidenten antrat, nämlich für die „Diktatur des Gesetztes“ zu sorgen. Auf unheimliche Weise hat er das zu seinen Bedingungen verwirklichen können, einerseits mit seinem mächtigen und alle Schichten durchziehenden Geheimdienst FSB, dem voraus eilenden Gehorsam seiner Mitstreiter und Untertanen, andererseits durch das Einsetzen eines blassen und gefälligen Präsidenten, der nur unter der Überwachung des sogenannten „Alpha-Rüden“ Putin agiert.
Trotzdem lässt sich so ein riesiges Land nicht kontrollieren, das zeigt die andauernde Chronik des Terrors, die sich aus der repressiven Machtausübung der Moskauer Elite mit Vehemenz und Kontinuität zu rekrutieren scheint. Auch Putins ausfallende Wortwahl in Bezug auf seine Gegner, dass er diese in „Latrinen und der Kanalisation kaltstellen“ würde, offenbart jedoch auch seine Ohnmacht. Diese Begrenzung der eigenen Möglichkeiten dürfte Putin nicht gefallen, er will Weltklasse sein.
Auf einem Gebiet ist ihm das schon gelungen, noch nie haben sich die Machthaber so immens bereichert wie zu Putins Zeiten, seine Freunde und auch er selbst sind inzwischen Milliardäre. Sein Geheimdienst aber war nicht ausgebildet zum Regieren, das Einzige, was sie wirklich gut können, ist Feindbilder zu erschaffen und für alle seine Konkurrenten zur Sicherheit kompromittierendes Material zu sammeln oder auch herzustellen und ein Klima der Angst zu schüren.
Derjenige, der Putin trotzdem am meisten herausgefordert hat, war Michail Chodorkowski, zu seiner Zeit ein charismatischer und einflussreicher Oligarch, der mit seiner florierenden Firma Yukos auf die internationale Geschäftsbühne wollte und auch die politische Opposition finanziell unterstützte. Er selbst hatte sogar Ambitionen auf ein politisches Amt, was er öffentlich kundtat, ebenso war sein Ziel der Aufbau einer breiten Zivilgesellschaft, Bildungschancen für alle, ein freier Wettbewerb im wirtschaftlichen Bereich und die Bekämpfung der Korruption.
Mit diesen als Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Kreml empfundenen Absichten, avancierte Chodorkowski von einem geschätzten Partner zu einem der erbittertsten Feinde Putins. Dieser ließ ihn seine Befehlsgewalt spüren, ihn kurzerhand ins Gefängnis sperren und ihn wegen Betruges und Steuerhinterziehung anklagen. Was Putin sowieso ärgerte war die Tatsache, dass sich der größte Konzern in privaten Händen befand und er nutzte die Chance, jenes Öl-Imperium zu zerschlagen und die Anteile unter staatliche Kontrolle zu bekommen.
Obwohl es im Ausland Proteste hagelte, weil die Verhaftung dieses Öl-Magnaten ganz offensichtlich der reinen Willkür entsprungen war, zeigte sich die politische Führung in Moskau von diversen Ermahnungen völlig unbeeindruckt, das sei eine innere Angelegenheit und als Geschäftspartner garantierte Putin eine gewisse Stabilität, die im Westen sehr geschätzt wurde.
Mit dem Vorgehen gegen Chodorkowski baute er seinen autoritären Führungsstil noch weiter aus und statuierte ein Exempel, indem er den erfolgreichsten der Oligarchen zu Fall brachte und den anderen damit die Lektion erteilte, dass sich niemand gegen Putin zu positionieren hat. Damit waren die Machtverhältnisse absolut eindeutig geklärt und die neuen Reichen wurden somit an die Kette des Kreml gelegt, sie sollten sich aus der Politik heraushalten.
Chodorkowski und sein Partner aber wurden nach alter Manier für acht Jahre nach Sibirien verbannt, weit weg von Moskau. Das war Putin jedoch nicht genug, ein neuer Prozess wurde in die Wege geleitet, damit Chodorkowski auf keinen Fall demnächst freikommen kann. Um ihn weiterhin wegsperren zu können, musste ein neues Delikt her und er wurde des Diebstahls von einer unvorstellbaren Masse an Erdöl bezichtigt und schuldig gesprochen, obwohl es rein praktisch unmöglich war, diese Menge Öl abzuzweigen, auch wurden entlastende Zeugen nicht angehört.
Das Urteil war vorprogrammiert, Putin hatte sich vorher im Fernsehen dazu geäußert, dass ein „Dieb wie Chodorkowski ins Gefängnis gehört“ und so kam es dann auch, für noch weitere sechs Jahre. Mit der Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze hat dies nichts zu tun, sondern eher mit der Erfüllung von Putins Willen, die „Tschurow-Regel“ lässt grüßen.
Angeblich soll sich der verurteilte Chodorkowski „unter den Bedingungen einer Isolation von der Gesellschaft bessern“, aber eigentlich ist dieser Fall ein Ausdruck von Putins tief sitzender Abneigung und vermutlich auch der Furcht vor einem gleichwertigen Gegner. Die Feinde der Mächtigen werden eingekerkert und mundtot gemacht, das war schon immer so. Ein Sprichwort sagt, dass sich in Russland in kurzer Zeit viel ändern kann, auf lange Zeit gesehen, aber ändert sich gar nichts. Das Gespenst, das nie aufhört durch die russische Geschichte zu wandeln, wechselt nur seinen Namen.

Blut-Handys

Februar 15, 2011

Ohne Coltan würde kein Handy funktionieren.
Das billigste Coltan und andere Mineralien kommen aus dem Ostkongo.
Es gibt wahrscheinlich kein Mobiltelefon, welches frei von diesen sogenannten Konfliktmineralien ist.
Hunderte Minen gibt es im Ostkongo und ein ganzes Netz von bewaffneten Truppen kontrolliert den Abbau, schafft das Zeug durch Händler ins Ausland und kauft von dem Erlös Waffen, um den Krieg gnadenlos fortzusetzen.
Jedes Handy und damit wir alle finanzieren somit einen Krieg im Kongo, der in den letzten 15 Jahren mehr als 5 Millionen Tote gekostet hat, mehr als 300 000 Frauen wurden in diesem Zeitraum vergewaltigt.
2007 gab es einen UN-Bericht über den Zusammenhang von Konfliktmineralien und der Herstellung von Handys, leider wurde jener Bericht nicht sonderlich beachtet.
Der weltweit größte Mobiltelefonhersteller ist Nokia, jedes dritte Handy stammt aus diesem Unternehmen, welches sich die soziale Verantwortung auf die Fahnen geschrieben hat.
Wie verlogen Nokia in dieser Beziehung ist, zeigt sich daran, dass das Problem der Konfliktmineralien seit 2001 im Unternehmen bekannt ist.
Seit 10 Jahren weiß man also, dass dieses Blut-Coltan unter menschenunwürdigen Bedingungen oft auch von Minderjährigen abgebaut wird.
Manchmal brechen die Stollen zusammen und die Minenarbeiter sterben, ein Leben zählt nichts und die Arbeit wird sehr schlecht bezahlt.
Die dortige Bevölkerung macht die Drecksarbeit, während kongolesische Geschäftsleute, die Regierung, Rebellen und andere militante Gruppen daran verdienen.
Es geht schon lange nicht mehr um Politik, sondern nur noch um das schnelle Geld.
Jedes Mittel ist recht, um zu kurzfristigem Reichtum und zu lokaler Macht zu gelangen und der Krieg scheint für diese kriminellen Strukturen das geeignetste Mittel zu sein.
Bodenschätze sind der Fluch des Kongo, solange damit Waffen finanziert werden, findet die Spirale der Gewalt kein Ende.
Obwohl das alles bei Nokia und auch bei anderen Herstellern von Handys bekannt ist, war man bisher nicht bereit, auf das billige Coltan zu verzichten.
Nokia zum Beispiel weigerte sich, eine Zuliefererkette zu veröffentlichen, angeblich aus Wettbewerbsgründen, auch sei es unmöglich den Ursprung des gekauften Coltans zurückzuverfolgen, was nicht stimmt, jedes Mineral hat eine Art chemischen Fingerabdruck.
Im August letzten Jahres wurde im US-Kongress endlich ein Gesetz verabschiedet, dass bei elektronischen Produkten die Quelle der Mineralien offengelegt werden muss.
Auch Nokia hat sich daraufhin bereit erklärt, die Umsetzung dieses Gesetzestextes demnächst zu realisieren.
Aber noch gibt es kein Gesetz, welches grundsätzlich die Verwendung von Blut-Coltan verbietet.
Doch solange sich keine breite Öffentlichkeit für diesen grauenvollen Zustand interessiert, wird sich nicht viel ändern und auch an unseren Händen klebt das Blut.

Julian Assange

Februar 5, 2011

Nun sitzt der leicht egomanische Paradiesvogel mit der unverschämt erotischen Stimme mehr oder weniger im Londoner Käfig fest. Für jemanden, der es anscheinend liebt, sein Leben auf Flughäfen zu verbringen, ist das wohl eher anstrengend. Die Frage ist auch, ob dieser Ikarus zu nahe an die Sonne des Ruhmes gerät und sich die Flügel verbrennt oder ob er die Balance angesichts der Aufmerksamkeitslawine in den Medien halten kann und nicht abstürzt. Im Hinblick auf die schwindelerregenden Höhen, die Assange in kürzester Zeit erreicht hat, kann man nur hoffen, dass er von wirklich guten Freunden umgeben ist und nicht von solchen, die sich an seine Person hängen, um sich in seinem Charisma zu baden.
Es ist schon erstaunlich, da arbeiten NGO´s jahrelang, um das Elend auf Erden anzuprangern und niemand hört sie, nun kommt plötzlich ein verwegener Mensch, im Gepäck ein paar brisante geheime Informationen und alle Welt schaut hin. Das hat sicher nicht nur mit der Idee zu tun, Staaten und Organisationen herauszufordern, indem man deren Geheimnisse ausplaudert, sondern auch mit einer Identifikationsfigur, wie sie Assange mit all seinen Widersprüchen perfekt verkörpert.
Da ist jemand, der nicht leicht zu fassen ist, mit einer Kindheit im Dauerstress eines Verfolgungswahnes seitens der Mutter, einer jung gescheiterten Ehe, einem diffusen Dasein als Hacker mit politischem Anspruch, sich ironischerweise „Mendax“ nennend und schließlich den Plan für Wikileaks entwickelnd, der vor gut vier Jahren in die Tat umgesetzt wurde.
Das konnte nur funktionieren, weil Assange sich mit manischer Akribie und dem unbedingten Glauben an seine Mission im Konzept von Wikileaks verwirklicht sah.
Sein Ansatz war einfach und radikal, die Öffentlichkeit hat das Recht auf absolute Informationsfreiheit mit der logischen Folge eines Korrektivs von Ungerechtigkeiten, da jeder Zugang zu allen Daten hat und sich so die Bürger nicht mehr von den Mächtigen dieser Welt belügen und damit beherrschen lassen.
Laut Wunschdenken von Assange soll Wikileaks der „größte Geheimdienst für das Volk“ werden, das der Unterwürfigkeit entsagt, sich nicht länger kontrollieren lässt und somit die Strukturen der Macht und die autoritären Systeme der Regimes zusammenbrechen, solange, bis „die Bestie der Verschwörung im Ganzen“ zerstört ist.
Der Hang zu Verschwörungstheorien ist Assange eigen und eigenwillig ist auch sein anarchistisch globales Denken. Er sieht sich als Kämpfer gegen eine imperiale Weltordnung, deren Reaktionen auf die Veröffentlichungen mit ihrer das-Imperium-schlägt-zurück-Strategie, indem man Assange zum Staatsfeind erklärt, sein Weltbild wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu bestätigen scheinen. Diese Rolle ist ihm wie auf den Leib geschrieben, er praktiziert das Versteckspiel in Agentenmanier, taucht unter und auf, benutzt etliche Handys wie es Spione und Kriminelle tun, ändert mit Vorliebe sein Äußeres, erscheint mal mit dunkler Brille, meist aber mit abstrus gefärbten Haaren, obwohl ihn seine echte Haarfarbe wirklich schillernd macht.
Dieses Faszinosum Assange lebt vor allem von seinen vielen Facetten, er predigt die bedingungslose Transparenz, belässt das System Wikileaks aber im Dunkeln, er ist einerseits sehr intelligent, andererseits aber ziemlich paranoid, er ärgert auf wunderbare Weise die Machthaber, ist aber selbst besonders empfindlich und er kann herrlich politisch unkorrekt sein, hat aber auch eine enorme Geltungssucht nach Ernsthaftigkeit. Sein Streben nach größtmöglicher Effizienz mündet oft in seiner sehr speziell charmanten Arroganz.
Nicht zu unterschätzen ist sein Boulevard-Faktor mit den vielen Auftritten in diversen Sendungen und den gewissen Merkwürdigkeiten, mit denen er sich derzeit auseinandersetzen muss. Durch seine Eskapaden und seine andauernde Selbstdarstellung, immerhin ziert sein Portrait in Denkerpose das Erscheinungsbild von Wikileaks, ist das Anliegen, die Wahrheit über den Krieg und die Machenschaften in der Politik aufzudecken, etwas in den Hintergrund gerückt.
Trotzdem ist es sein Verdienst, dass es nun eine digital verbreitete Form von Journalismus gibt, die zeigt, dass sich die Geheimdiplomatie einer Demokratie nicht mit der Mündigkeit ihrer Bürger verträgt.
Durch Assange ist Wikileaks in den Medien extrem präsent geworden, auch weil sich viele mit ihm solidarisieren, die Internetgemeinde der Fans wächst ständig und unterstützt die Methoden der Whistleblower im Netz. Wikileaks ist inzwischen auch ohne Assange denkbar, aber das ist wirklich nicht wünschenswert.