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Begegnungen mit Heiner Müller

Januar 9, 2009

Schon sein Name hatte diese Mischung aus Stil und Gewöhnlichkeit.

In der DDR gab es unzählige Müllers, aber nur zwei Heiner Müllers, einer war Heiner Müller.

Der, dessen Name ich schon als junges Mädchen kannte, schon damals umgab diese Person etwas Geheimnisvolles. Ich sah „Die Schlacht“ in der Ostberliner Volksbühne und verstand nichts. Zwei Jahre später hatte ich mit dem selben Stück als Schauspielerin am Theater zu tun und verstand wieder nichts. Doch seine Worte zogen mich in eine lichte Dunkelheit, in der die Gespenster sichtbar wurden.

Ein Jahr später, ich war in den Westen gegangen, traf ich Heiner Müller in seiner Lieblingskneipe in Westberlin. Er war herzlich, hörte meinen aufgeregten Geschichten ruhig zu und hielt die ganze Zeit meine Hand, ein warmer fester Händedruck. Ich erzählte, dass ich nun meine Familie nicht mehr wiedersehen könne, weil ich damals dachte, die Mauer wird ewig stehen. Aber Heiner meinte ganz klar, dass ich noch ein Jahr warten solle, dann wäre vieles anders. Und ein Jahr und zwei Monate später kam die Wende. Im Nachhinein war ich sehr erstaunt über seine prophetische Gabe.

Damals war ich viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um ihm weitere Fragen zu stellen, ich erzählte ihm nur, dass ich demnächst die Ophelia in „Hamlet“ spielen würde. Das fand er irgendwie amüsant und meinte, ich solle ihn doch wieder anrufen, seine Nummer stand im Ostberliner Telefonbuch. Das wusste ich bereits, denn ich hatte schon einmal in meinem jugendlichen Leichtsinn dort angerufen, weil ich ihn unbedingt kennenlernen wollte.

Zwei Jahre vergingen, ich hatte inzwischen die Ophelia fürchten gelernt. Ein kluger Regisseur sagte mir einmal, Hamlet zu spielen sei wesentlich leichter als Ophelia, weil die junge Frau in nur kurzen Auftritten abrupt vom Glück ins Elend stürzt, während Hamlet andauernd redet. Nebenbei entdeckte ich Heiners „Hamletmaschine“ und las das Stück immer und immer wieder, ich arbeitete daran und verstand wieder nichts, aber ich war unendlich fasziniert von seiner Sprache und seinem Humor.

Dann betrat das Schicksal mein Leben, wie diese steinerne Figur des Brunnens vor dem Theater, jemand hatte ihre Augen so angemalt, dass sie gefährlich und gnadenlos stachen. Genauso wie die Augen des Mannes, in den ich mich unsterblich verliebte. Auch er kannte Heiner und hatte ihm Fotos von sich geschenkt, Selbstbildnisse mit einer Sonnenbrille aus Licht. Aber dieser Mann ging zurück zu seiner Frau, ohne Erklärung, für mich ohne Sinn und ich verlor den Verstand, verließ das Theater und tauchte in das Reich der Angst. Aber ich begriff noch nicht meine Lage, meine Energie und der Alkohol vertrieben gelegentlich diese fremden Geister, die sich von nun an in mir niedergelassen hatten.

Dann sah ich Heiner wieder in der „Paris Bar“, er saß schräg gegenüber, seine Begleiter forderten von ihm Geschichten, aber er starrte mich unentwegt an, wie diese Schicksalsgöttin am Brunnen. Er hatte bemerkt, dass etwas in mir war, das er wahrscheinlich nur zu gut kannte, und er war immer mindestens einen Schritt voraus. Ich fühlte mich durchschaut und mochte diesen Blick gar nicht, ebenso seine feuchten Lippen, die ständig mit der Zigarre zu Gange waren. Er hatte plötzlich etwas Abstoßendes für mich, obwohl er mich warmherzig in die Arme nahm als ich ging und sagte, ich solle doch öfter kommen.

Wie immer konnte ich an diesem Abend nicht einschlafen, ich dachte an die „Hamletmaschine“, ich war seiner Ophelia so ähnlich geworden. Diese Frau am Strick, diese Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern, diese Frau mit der Überdosis, diese Frau mit dem Kopf im Gasherd. Meine Lippen waren wirklich weiß geworden, mit einem Belag wie schmutziger Schnee. Es war eine entsetzliche Offenbarung, ich wünschte, ich hätte das nicht begriffen, aber nun gab es keine Rückkehr mehr. Durch meine Nächte wanderten die Fleischermesser und ich wehrte mich gegen die Wahrheit.

Ich versuchte, seine mich verfolgenden Augen zu ergründen, durch seine dunkle Brille blickten sie wie ein Meer, in dem alles still steht, aber noch lebt, wie das Tote Meer aus Salz, wie das Rote Meer voll von Korallen, die von ganz unten wie ein Gitter die Sonne verdunkeln. Und von allen Dingen, die oben schwimmen und treiben, wird der Schatten eingefangen, aus jeder äußeren Regung wird eine Form geschmiedet.

Heiner kannte sein tiefes Meer, doch er hatte seinen Anker durch das Weltall geschlungen, er war nahe am Zentrum der Milchstraße zugegen, dort, wo der Lauf der Welt die Sterne verschlingt, das schwarze Loch unerbittlich das Geschwätz der Geschichte frisst und zermalmt und nur ein kleiner verdichteter Rest nüchtern entweichen kann, die Trümmer unserer Existenz.

Wer viel schreiben kann, weiß viel. Wer nur wenig schreiben kann, weiß mehr. Wer gar nicht schreiben kann, weiß, dass er nichts weiß.

Einige Zeit später begegnete ich Heiner zufällig wieder, ich setzte mich nur kurz an seinen Tisch, ich war stumm geworden. Er sah mich sorgenvoll an und fragte mich, woher ich meinen schwarzen Ledergürtel habe, ich antwortete schnell und verließ das Lokal. Nach ein paar Monaten traf ich ihn vor dem Deutschen Theater, er war so schüchtern und redete wie jemand, der der Sprache nicht gewachsen ist, sonst wirkte er immer sehr selbstsicher. Ein weiteres Mal sah ich ihn in der Kantine der DT´s, umrundet von Frauen, aber er stand höflich auf als er mich bemerkte und gab mir zaghaft einen Zettel mit seiner neuen Telefonnummer. Ich hatte nicht den Mut ihn anzurufen, nur einmal, weil ich überredet wurde, tat ich es. Ich wollte seinen Rat hören, weil ich mit dem Theater haderte und einfach nicht mehr weiter wusste, aber er bat mich später anzurufen, was ich jedoch nicht tat.

Wieder sah ich ihn in der DT-Kantine, er stand mit seinem Whisky an einem Tisch ausnahmsweise allein und sah glücklich aus, er erzählte sofort, dass er gerade Vater geworden war. Ich fragte nach dem Namen seines Kindes, und er sagte stolz, Anna, und dann noch, dass die Ostdeutschen keine Ahnung von richtigem Whisky hätten, er würde überhaupt nicht schmecken. Ich erwähnte nur, dass man Anna von beiden Seiten lesen kann und wir lachten. Dann kam jemand und fragte nach seiner Tochter, Heiner wiederholte exakt meine Worte und grinste in sein Whiskyglas. Ich verabschiedete mich schnell, weil der andere Mensch Heiner ein Gespräch aufzwang.

Es war das letzte Mal, dass ich ihn traf, später erfuhr ich, dass er schwer krank war. Als er ein paar Jahre danach starb, war ich schon seit längerem in der Psychiatrie, meine Situation war ziemlich ausweglos, und ich konnte nicht wirklich traurig sein, weil mich die Depressionen fest im Griff hatten.

Wirklich betroffen war ich erst zehn Jahre später bei der Vorstellung eines Fotobandes seiner letzten Frau mit sehr privaten Fotos von Heiner Müller und seinem späten Glück, aber auch mit welchen kurz vor seinem Tod. Diese waren so erschütternd, weil sie einen Mann nackt vor Angst zeigten, vor allem ein Bild war so schonungslos, dass ich wünschte, ich hätte es nie sehen müssen. Die ganze Veranstaltung in der Akademie der Künste war absolut zäh und unangenehm, als würde ein schwerer Schatten darüber liegen.

Ich dachte an das gewaltige Wort, mit dem Heiner mich einst versah, es ist für mich wie ein Mantra, wenn mich mal der Mut und die Kräfte verlassen.

Eine Indianerin hatte Heiner verkündet, er würde achtzig werden, heute wäre es soweit gewesen. Er bleibt.

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Die schwarze Katze im LHC

September 12, 2008

Da sitzt sie nun fest und wird im Kreis so weit gestreckt,

bis sie sich in den eigenen Schwanz beißen kann.

Ihre Pupillen sind geweitet wie schwarze Löcher,

die die sie umgebende Iris zum Flackern bringt.

Aus ihnen sprühen supersymmetrisch die Funken des Lichts

und zerstrahlen in ein Feuerwerk aus Elementarteilchen.

Deren Ordnung steht in den Worten der weisen Bücher

und in den Zahlen wie komplexes Mosaik,

die dem immer ein kleiner Teil nicht passen will.

Die Krümmung des Raumes nimmt die Eigenzeit mit auf Reisen,

um sich fortwährend in ihrer Ausdehnung selbst zu begegnen.

Magnetisch allein ist das pulsierende Leben,

das die gesamte Energie in der Schwebe hält.

Und doch zerfällt alles ins Kleinste,

immer nah am verschlingenden Nichts,

über das Nachtgesicht, die Null, hinaus in das Fernste.

Atlas trägt, ganz Gott, das schwere Gewölbe,

unter dem die tanzenden Sterne vergehen.

Draußen warten die Gehirne gespannt auf ihr eigenes Werk.

Die arme Katze bekommt vor Schreck einen Schluckauf

und gibt zaghaft Higgs-Laute von sich.

Doch sie weiß, dass sie unsichtbar bleibt,

schwarz auf dunklem Grund, die ewig launische Materie eben.

Nur ihre Augen leuchten ziemlich traurig.

Niemand wird bemerken, wie fantastisch es doch ist,

dass es der Katze überhaupt möglich ist,

sich in ihren eigenen Schwanz zu beißen.

Konvivenz

Juli 19, 2008

Da alle Religionsstifter nur Menschen waren, haben sie ein dementsprechend widersprüchliches Leben gelebt, waren mit Schwächen und Fehlern behaftet und ihrer eigenen Not gefangen. Sie waren liebevoll, wütend, kämpferisch und versöhnend und voller Verzweiflung, angesichts der Ungerechtigkeit und des Elends in der Welt, die ein jeder zu ertragen hat. Eine Welt mit uns und durch uns, voller Unverständnis, voller Verwirrung, Leiden und Leidenschaft, aber auch voll von Liebe und Hingabe.

Die Angst vor dem Tod trieb so manchen Menschen in den Wahn, unerträglich schien die Ungewissheit, der mögliche Sturz ins Leere hinein. Nur die Worte der weisen Männer und Frauen schafften es, die Sinnlosigkeit zu überbrücken. Geschriebene und gesprochene Geborgenheit und Beistand, aber auch eine Fülle an Grausamkeiten liegen in den Heiligen Schriften und somit alle Missverständnisse, weil wir von den Worten Eindeutigkeit verlangen. Unsere Erkenntnis ist jedoch nur geprägt durch das, was wir verstehen können, wir sehen und begreifen mit weltlichen Augen und Verstand. Schwer zu fassen sind die Bedeutungen, die immer auch ihr Gegenteil enthalten können. Ein Gott ist nicht verfügbar, seine Schriften nicht vollkommen einsichtig und so vielschichtig wie alles, was uns umgibt und was wir in uns tragen. Mag es Gottes Wort sein, wer sind wir, dass wir meinen, es wirklich verstehen zu denken.

Ein Gott kann kann alles und nichts sein, einer und mehrere, ein Sohn, eine Tochter, ein Tier, ein Ding. Es ist sein Geheimnis, das nichts von uns verlangt. Nie war ein Opfer für die Erlösung nötig, wir haben es als ein solches begriffen, es war unsere Entscheidung, aus Schuld und Sehnsucht geboren. Die Gottesfurcht ist im Grunde die Furcht vor uns selbst und die Hölle ein Fegefeuer unserer eigenen Überzeugungen. Es gibt keine Ungläubigen, auch wer nicht an eine höhere Struktur glaubt, glaubt letztendlich auch daran. Wer darf jemanden verurteilen für etwas, das außerhalb unseres Erfassens liegt und auch das, was innerhalb liegt.

Wenn wir unseren Geist wirklich nutzen, brauchen wir keine Angst zu haben. Wir müssen auch keine jenseitige Strafe für unsere Irrtümer erleiden, kein Jüngstes Gericht wird uns ahnden. Für jeden gibt es Hoffnung, jeder wird Gnade erfahren, was auch immer er getan hat. Das mag ungerecht erscheinen, weil wir meinen, dass es einen Lohn oder einen Tadel für unser Handeln geben muss. Hass und Verbrechen sind kein Richtmaß, sie werden wie alles andere nicht mit Zorn beantwortet, denn es existiert ein zeitloses Vergeben.

Die Trauer über Verlust und Schmerz bleibt bestehen, auch die Frage nach dem Sinn. Den Propheten war dieser Abgrund genauso bewusst wie ihre eigene diesseitige Endlichkeit, so auch die Begrenztheit unserer Interpretation ihrer Sätze. Diese Tragik ist dem menschlichem Dasein in seiner Entlassung in die Freiheit innewohnend und auch durch jeglichen Glauben nicht zu überwinden. Wir sterben vielleicht auch deshalb, um zu lernen uns selbst und anderen verzeihen zu können, in die Ewigkeit hinein.

Als Geschenk haben wir die unterschiedlichen Formen der Glaubens erhalten, für eine jeweilige Orientierung, um einander zu respektieren und Anknüpfungspunkte zu finden. Der gemeinsame Dialog ist der Weg in die Freude der Verständigung, ein Gespräch von Gewissheit zu Gewissheit, eine Differenz, die nicht aufzulösen ist. Es bleiben durch unsere Identifikation mit den Mythen nebeneinander stehende Polaritäten. Es steht uns nicht zu, diese Verschiedenheiten zu vereinheitlichen, wir sollten sie miteinander feiern.

Die Überschneidungen aller Lehren führen jedoch zu einer Kernaussage. Das Gebot der Liebe und der Selbstachtung. Mit diesem Vertrauen sind wir ausgestattet und der Begabung, uns selbst Regeln zu geben, jedes Menschenleben als schützenswert zu betrachten und zwar immer ganz konkret. Ein Wunschtraum, eine Utopie und eine Religion sind nur maßgebend, wenn sie jedem Menschen seine Andersartigkeit mit Friedfertigkeit zugestehen, ihn mit Würde akzeptieren und sich nicht einer bestimmend über den anderen stellt.

Wir müssen uns auf uns selbst verlassen können, dann sind wir nicht verlassen.

Alle Gewalt kann enden, wir sind dafür beseelt, das zu erreichen.

YES, I CAN!

Juni 9, 2008

Yes, I can!