Hibakusha

Dieses wohlklingende japanische Wort heißt übersetzt die Explosionsbetroffenen. Gemeint sind die Menschen, die das Inferno der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki überlebt hatten. Doch sie wurden vom Schicksal doppelt bestraft, nicht nur, dass sie den atomaren Schrecken hautnah miterleben mussten und ihre Verwandten verloren haben, sie wurden auch von der Gesellschaft ausgegrenzt und diskriminiert, weil man dachte, dass die Verstrahlung eventuell ansteckend ist und auch auf die nächsten Generationen übertragen werden könnte.
So kam es, dass die Überlebenden, die eigentlich schon mit diesem Kriegsverhängnis gestraft genug waren, oft keine Arbeit finden und keine Familien gründen konnten. Ihr Leben lang wurden die Betroffenen benachteiligt und gemieden, für sie gab es keine Gerechtigkeit, meist fühlten sie sich wie Aussätzige und mussten sich dem grausamen Verhalten ihrer Landsleute beugen.
Bis heute herrscht Schweigen über diesen dunklen Teil der japanischen Geschichte, obwohl inzwischen bekannt ist, dass die Strahlenkrankheit nicht ansteckend ist, man den Opfern also Gerechtigkeit hätte widerfahren lassen müssen, stattdessen geht die Angst erneut um.
Diejenigen, die aus dem Umkreis von Fukushima stammen und jetzt in irgendwelchen Hallen auf Pappkartons sitzen, weil sie alles in kürzester Zeit zurücklassen mussten, die fürchten sich vor ihrer Zukunft. Vor allem davor, dass es ihnen ähnlich ergehen könnte, wie den damaligen Hibakusha, denn trotz aller Aufklärung hält sich immer noch das Gerücht, die atomare Verstrahlung sei übertragbar und erblich.
Zehntausende sind davon inzwischen betroffen, deren Existenz zerstört ist und die nun mit dem Makel leben müssen, aus den verstrahlten Gebieten zu kommen. Viele von ihnen haben im Atomkraftwerk gearbeitet, das bisher eine gesicherte Lebensgrundlage zu sein schien. Die Gefahren der Nutzung von Kernkraft wurden verdrängt und das ausgerechnet in dem Land, in dem die Menschen die grausamen Folgen zweier Atombombenabwürfe erleiden mussten.
Außerdem wurde es mit den Sicherheitsmaßnahmen im Atomkraftwerk Fukushima nicht so genau genommen, der Betreiber Tepco ließ auf verantwortungslose Weise alarmierende Berichte über den Zustand seiner Meiler fälschen und machte mitunter auch die Kritiker mundtot, die versuchten, über die unbequeme Wahrheit dort zu berichten. Worüber ebenfalls nicht gern gesprochen wird, ist die Tatsache, dass Tepco Hilfskräfte in seinen Atomkraftwerken einstellte und diese Arbeiter mit Tätigkeiten betraute, für die eigentlich Sachverstand erforderlich ist, diese Tagelöhner werden bezeichnenderweise die Nuklear-Zigeuner genannt.
Doch nun ist es vorbei mit dem Traum vom gesicherten Auskommen, vorbei mit dem Ideal von der sauberen Energie. Der Störfall in den Reaktoren hat das atomare Ungeheuer wider allen Prophezeiungen in gefährlicher Weise entfesselt, sicherlich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, aber vor allem aufgrund menschlichen Versagens und der Tatsache, dass diese Technik niemals beherrschbar ist und möglicherweise ein ganzes Volk zu Hibakusha wird.

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