Tschetschenisierung

Das Schicksal Tschetscheniens ist bitter, zwei Kriege und ein nicht endender Terror haben das Land und seine Bewohner mürbe gemacht. Durch die Kämpfe und Bombenangriffe wurde alles zerstört, eine Infrastruktur gab es nicht mehr, die Wirtschaft lag am Boden und jede Familie hatte Verluste zu beklagen. Entführungen, Folter und Mord waren an der Tagesordnung, die Grausamkeiten, die man sich gegenseitig antat, waren unvorstellbar brutal.
Beide Seiten, Russen wie Tschetschenen, waren in einen Strudel der rohen Gewalt und der Barbarei geraten. Weil die russische Armee schlecht bezahlt wurde und viele für ihren Alkoholkonsum Geld brauchten, verkauften sie sogar ihre eigenen Waffen an ihre tschetschenischen Gegner, zudem wurden die Rebellen von wahhabitischen Strömungen aus dem Ausland unterstützt, sodass sich das gegenseitige Abschlachten jahrelang hinzog, ein sinnloses Gemetzel und ein tägliches Blutbad.
Ob die Wunden dieser menschenverachtenden Geschichte je heilen werden, ist zu bezweifeln, zumal der jetzige tschetschenische Präsident die Verkörperung des Krieges und des Terrors in Reinform darstellt. Ramsan Kadyrow ist ein ungebildeter, skrupelloser und selbstherrlicher Despot, der sich gern als „Vater des Volkes“ bezeichnen lässt.
Der Sohn des früheren Präsidenten wurde vom Kreml protegiert und sollte das kleine aufsässige Land wieder gefügig machen. Die von Moskau verordnete Normalisierung wurde sinnigerweise „Tschetschenisierung“ genannt. Es floss viel Geld in diese Region, der Aufbau der Häuser und Straßen wurde vehement vorangetrieben, in kürzester Zeit war aus dem zerbombten Ort Grosny wieder eine funktionierende Stadt geworden.
Doch der Preis dafür ist ein totalitäres, tyrannisches Regime, das weiterhin auf Gewalt und Unterdrückung setzt, wer widerspricht, lebt gefährlich, denn nach wie vor werden unliebsame Kritiker verfolgt, bedroht und ermordet. Durch die willkürliche Machtausübung von oben regieren Angst, Spitzelwesen und Rechtlosigkeit das kleine Land, die Bevölkerung wird von der Miliz kontrolliert, den Kadyrowski, die berüchtigt sind für ihr erbarmungsloses Vorgehen, es wird nach wie vor gefoltert und es verschwinden immer wieder Menschen spurlos.
Kadyrow hat ein System der Schutzgelderpressung eingeführt, um seine Herrschaft zu finanzieren und um seine Leute und den Bau von Moscheen zu bezahlen. Es findet eine Art Re-Islamisierung statt, Frauen werden immer rechtloser und Kadyrow sieht sich als ein religiöser Führer, als „Imam“.
Er liebt schnelle Pferde und schnelle Autos, dutzende davon besitzt er, er lässt sich feiern und bewundern, verteilt gern schon mal Geschenke in Form von Hundert-Dollar-Noten und tanzt mit vergoldeter Pistole auf diversen Partys.
Es wird erzählt, dass er einen privaten Folterkeller besitzt und auch selbst Hand anlegt, wenn es ihm in den Sinn kommt, seine Brutalität ist gefürchtet, aufgrund von mangelndem Gehorsam hat er schon ein paar seiner Leibwächter töten lassen. Sein verbrecherischer Arm reicht bis ins westliche Ausland, wer im Wege steht und es wagt Kadyrow anzuklagen, der muss mit einem Todesurteil rechnen, wo auch immer er sich befindet.
Im fernen Moskau toleriert man sein kriminelles Benehmen, denn es bedeutet in erster Linie Stabilität im Kaukasus, auch wenn das möglicherweise nicht von Dauer sein wird, weil die eigene Bevölkerung ihn zutiefst hasst, außerdem wird es in den Nachbarregionen zunehmend unruhiger, ständige Anschläge sind der traurige Alltag.
Für den Kreml erfüllt Kadyrow eine doppelte Funktion, einerseits scheint er ein nützlicher Gehilfe für das Regierungstandem Putin-Medwedew zu sein, andererseits ist er verrückt und wild genug, dass er den Fremdenhass gegen alles Kaukasische exzellent bedient. Denn es gilt eine alte Formel, dass der Kaukasus zu Russland gehört, aber eben nicht seine Bewohner, die Kaukasier.

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