Archive for April 2011

Kamineffekt

April 24, 2011

Violette Leichenflecken auf der Haut der Welt,
wie der letzte Versuch eines erkaltenden Sterns,
der Vergangenheitslichtkegel ist am Erlöschen,
der Nachtschatten hat die Feuerflamme besiegt,
die Zeit versickert in den Lücken der Spaltbrüche,
die Todesverachtung für die Wünsche triumphiert,
das Zerfalls-Äon erreicht seine kritische Masse,
auf jenen mit Yellowcakes gepflasterten Wegen,
in die durch Vergangenheit ruinierte Gegenwart,
vergessen die Red Tag Items am blutenden Sein.

Tscherenkow-Licht

April 23, 2011

Dieses seltsam blaue Leuchten, das beim Durchgang schneller Elektronen durch Wasser hervorgerufen wird, entsteht auch in den Abklingbecken von Kernkraftwerken.
Es ist ein mystisches Blau, als wäre das Leben verstorben und nur das untote Bewusstsein würde durch den Äther geistern. Wie ein wunderschönes Menetekel ermahnt uns das kalte Schimmern, dass unsere Tage gezählt sein könnten, falls wir weiterhin glauben, die entfesselte Energie der Atome steuern zu können. Ein bläulicher Schein begleitet uns täglich auf den Bildschirmen, als würden wir uns den Himmel in die Häuser holen, durch deren Flackern uns die Außenwelt im inneren Zirkel erreicht.
So nah, dass unsere Wissenschaftsgläubigkeit ein blinder Fleck bleibt bei unserer medialen Katastrophenverliebtheit. Die Apokalypse kann jederzeit eintreten, solange wir weiterhin eine erkaltete Sonne auf die Erde holen, in Form von hunderten Atomkraftwerken mit einer noch gebändigten strahlenden Gleichzeitigkeit.
Ein Vorgeschmack des Kontrollverlustes heißt Tschernobyl, auch die Beerdigung des Reaktors in einem Steinsarg konnte seine giftige Fracht nicht endgültig zähmen. Zudem wird der Sarkophag brüchig, und ein neuer wie das anstehende Shelter-Projekt verschlingt Millionen, während das strahlende Erbe uns einen Idee von Ewigkeit im negativen Sinne gibt.
Unsere seelische Kondition hat den Anschluss an die technische Machbarkeit längst verloren, wir haben uns selbst überholt, unsere Gedankenlosigkeit offenbart die reale Möglichkeit der Selbstvernichtung.
Die sogenannte friedliche Nutzung der Kernkraft ist untrennbar verbunden mit der militärischen Handhabung, eine Trennlinie zwischen den beiden zu ziehen, ist nur ein gut funktionierender Selbstbetrug und die Verbreitung der Machbarkeit lässt das Unfallrisiko um ein vielfaches steigen.
Unsere Illusion von der sauberen und billigen Energie lässt uns weitere Reaktoren in die Welt setzten, dabei sieht die Wahrheit ganz anders aus. Ohne staatliche Subventionen und öffentliche Zuschüsse kann es sich keiner leisten, ein neues Kernkraftwerk zu bauen, außerdem übernimmt keine Versicherung den Fall eines Unglücks, das wäre viel zu teuer. Und auch der Rohstoff Uran ist nicht unbegrenzt verfügbar, vielleicht noch einige Jahrzehnte.
Die verbrauchten Brennstäbe müssen fünf Jahre in einem Abklingbecken liegen, so ausdauernd ist die Nachzerfallswärme und für die Entsorgung des radioaktiven Mülls gibt es immer noch keine angemessene Lösung. Diesen tödliche Rest schieben wir durch diverse Zwischenlager und belasten unsere Zukunft mit einer Vorahnung auf unseren Untergang.
Störfälle gibt es immer wieder, die auf menschliches Versagen zurückzuführen sind, nur dass die Folgen eben verheerend sein können, wie das Beispiel des Desasters in Fukushima uns wieder deutlich vor Augen führt.
Auch der Abbau bestehender Kraftwerke gestaltet sich als langwierig, die Aufräumarbeiten sind enorm teuer, es stellt sich die selbe Frage nach einem geeigneten Endlager, dem Wohin mit dem gefährlichen Material. Wir wissen zu wenig, wir spielen mit dem Feuer, es könnte uns verletzen, uns verbrennen, uns in das Elend stürzen, dorthin, wo die Zeit keine Wunden mehr heilt.

Allumkehre

April 22, 2011

alle Zeit der Welt
aus Papierdrachen
die Grenzfestung
im Schattenzwang
Gedankenplasma
mit Wortbleiche
zum Schmerzton
das Sterngeflüster
Milchstraßenblitz
alle Welt der Zeit

Hibakusha

April 21, 2011

Dieses wohlklingende japanische Wort heißt übersetzt die Explosionsbetroffenen. Gemeint sind die Menschen, die das Inferno der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki überlebt hatten. Doch sie wurden vom Schicksal doppelt bestraft, nicht nur, dass sie den atomaren Schrecken hautnah miterleben mussten und ihre Verwandten verloren haben, sie wurden auch von der Gesellschaft ausgegrenzt und diskriminiert, weil man dachte, dass die Verstrahlung eventuell ansteckend ist und auch auf die nächsten Generationen übertragen werden könnte.
So kam es, dass die Überlebenden, die eigentlich schon mit diesem Kriegsverhängnis gestraft genug waren, oft keine Arbeit finden und keine Familien gründen konnten. Ihr Leben lang wurden die Betroffenen benachteiligt und gemieden, für sie gab es keine Gerechtigkeit, meist fühlten sie sich wie Aussätzige und mussten sich dem grausamen Verhalten ihrer Landsleute beugen.
Bis heute herrscht Schweigen über diesen dunklen Teil der japanischen Geschichte, obwohl inzwischen bekannt ist, dass die Strahlenkrankheit nicht ansteckend ist, man den Opfern also Gerechtigkeit hätte widerfahren lassen müssen, stattdessen geht die Angst erneut um.
Diejenigen, die aus dem Umkreis von Fukushima stammen und jetzt in irgendwelchen Hallen auf Pappkartons sitzen, weil sie alles in kürzester Zeit zurücklassen mussten, die fürchten sich vor ihrer Zukunft. Vor allem davor, dass es ihnen ähnlich ergehen könnte, wie den damaligen Hibakusha, denn trotz aller Aufklärung hält sich immer noch das Gerücht, die atomare Verstrahlung sei übertragbar und erblich.
Zehntausende sind davon inzwischen betroffen, deren Existenz zerstört ist und die nun mit dem Makel leben müssen, aus den verstrahlten Gebieten zu kommen. Viele von ihnen haben im Atomkraftwerk gearbeitet, das bisher eine gesicherte Lebensgrundlage zu sein schien. Die Gefahren der Nutzung von Kernkraft wurden verdrängt und das ausgerechnet in dem Land, in dem die Menschen die grausamen Folgen zweier Atombombenabwürfe erleiden mussten.
Außerdem wurde es mit den Sicherheitsmaßnahmen im Atomkraftwerk Fukushima nicht so genau genommen, der Betreiber Tepco ließ auf verantwortungslose Weise alarmierende Berichte über den Zustand seiner Meiler fälschen und machte mitunter auch die Kritiker mundtot, die versuchten, über die unbequeme Wahrheit dort zu berichten. Worüber ebenfalls nicht gern gesprochen wird, ist die Tatsache, dass Tepco Hilfskräfte in seinen Atomkraftwerken einstellte und diese Arbeiter mit Tätigkeiten betraute, für die eigentlich Sachverstand erforderlich ist, diese Tagelöhner werden bezeichnenderweise die Nuklear-Zigeuner genannt.
Doch nun ist es vorbei mit dem Traum vom gesicherten Auskommen, vorbei mit dem Ideal von der sauberen Energie. Der Störfall in den Reaktoren hat das atomare Ungeheuer wider allen Prophezeiungen in gefährlicher Weise entfesselt, sicherlich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, aber vor allem aufgrund menschlichen Versagens und der Tatsache, dass diese Technik niemals beherrschbar ist und möglicherweise ein ganzes Volk zu Hibakusha wird.

Lebenslänglich

April 12, 2011

Der Vater fragt
seine Tochter:
„Was siehst Du,
wenn Du Deine
Augen schließt?“
Die Tochter
schließt die Augen
und antwortet:
„Nichts!“
Der Vater sagt:
„Genau
das bist
Du!“

Wegkreuzung

April 2, 2011

Das Himmelsgrab öffnet die Schleusen,
der taube Engelsschrei verhallt ungehört,
die Weltlinie verblasst im Sonnenstillstand,
das Block-Universum verdüstert sich in Zeit,
die Uhren ticken ohne Zeiger zum Niedergang,
das Sinnmausoleum erstarrt im Ewigwährenden,
der Seelenrückstand hat Metall auf all den Lippen.

Tschetschenisierung

April 2, 2011

Das Schicksal Tschetscheniens ist bitter, zwei Kriege und ein nicht endender Terror haben das Land und seine Bewohner mürbe gemacht. Durch die Kämpfe und Bombenangriffe wurde alles zerstört, eine Infrastruktur gab es nicht mehr, die Wirtschaft lag am Boden und jede Familie hatte Verluste zu beklagen. Entführungen, Folter und Mord waren an der Tagesordnung, die Grausamkeiten, die man sich gegenseitig antat, waren unvorstellbar brutal.
Beide Seiten, Russen wie Tschetschenen, waren in einen Strudel der rohen Gewalt und der Barbarei geraten. Weil die russische Armee schlecht bezahlt wurde und viele für ihren Alkoholkonsum Geld brauchten, verkauften sie sogar ihre eigenen Waffen an ihre tschetschenischen Gegner, zudem wurden die Rebellen von wahhabitischen Strömungen aus dem Ausland unterstützt, sodass sich das gegenseitige Abschlachten jahrelang hinzog, ein sinnloses Gemetzel und ein tägliches Blutbad.
Ob die Wunden dieser menschenverachtenden Geschichte je heilen werden, ist zu bezweifeln, zumal der jetzige tschetschenische Präsident die Verkörperung des Krieges und des Terrors in Reinform darstellt. Ramsan Kadyrow ist ein ungebildeter, skrupelloser und selbstherrlicher Despot, der sich gern als „Vater des Volkes“ bezeichnen lässt.
Der Sohn des früheren Präsidenten wurde vom Kreml protegiert und sollte das kleine aufsässige Land wieder gefügig machen. Die von Moskau verordnete Normalisierung wurde sinnigerweise „Tschetschenisierung“ genannt. Es floss viel Geld in diese Region, der Aufbau der Häuser und Straßen wurde vehement vorangetrieben, in kürzester Zeit war aus dem zerbombten Ort Grosny wieder eine funktionierende Stadt geworden.
Doch der Preis dafür ist ein totalitäres, tyrannisches Regime, das weiterhin auf Gewalt und Unterdrückung setzt, wer widerspricht, lebt gefährlich, denn nach wie vor werden unliebsame Kritiker verfolgt, bedroht und ermordet. Durch die willkürliche Machtausübung von oben regieren Angst, Spitzelwesen und Rechtlosigkeit das kleine Land, die Bevölkerung wird von der Miliz kontrolliert, den Kadyrowski, die berüchtigt sind für ihr erbarmungsloses Vorgehen, es wird nach wie vor gefoltert und es verschwinden immer wieder Menschen spurlos.
Kadyrow hat ein System der Schutzgelderpressung eingeführt, um seine Herrschaft zu finanzieren und um seine Leute und den Bau von Moscheen zu bezahlen. Es findet eine Art Re-Islamisierung statt, Frauen werden immer rechtloser und Kadyrow sieht sich als ein religiöser Führer, als „Imam“.
Er liebt schnelle Pferde und schnelle Autos, dutzende davon besitzt er, er lässt sich feiern und bewundern, verteilt gern schon mal Geschenke in Form von Hundert-Dollar-Noten und tanzt mit vergoldeter Pistole auf diversen Partys.
Es wird erzählt, dass er einen privaten Folterkeller besitzt und auch selbst Hand anlegt, wenn es ihm in den Sinn kommt, seine Brutalität ist gefürchtet, aufgrund von mangelndem Gehorsam hat er schon ein paar seiner Leibwächter töten lassen. Sein verbrecherischer Arm reicht bis ins westliche Ausland, wer im Wege steht und es wagt Kadyrow anzuklagen, der muss mit einem Todesurteil rechnen, wo auch immer er sich befindet.
Im fernen Moskau toleriert man sein kriminelles Benehmen, denn es bedeutet in erster Linie Stabilität im Kaukasus, auch wenn das möglicherweise nicht von Dauer sein wird, weil die eigene Bevölkerung ihn zutiefst hasst, außerdem wird es in den Nachbarregionen zunehmend unruhiger, ständige Anschläge sind der traurige Alltag.
Für den Kreml erfüllt Kadyrow eine doppelte Funktion, einerseits scheint er ein nützlicher Gehilfe für das Regierungstandem Putin-Medwedew zu sein, andererseits ist er verrückt und wild genug, dass er den Fremdenhass gegen alles Kaukasische exzellent bedient. Denn es gilt eine alte Formel, dass der Kaukasus zu Russland gehört, aber eben nicht seine Bewohner, die Kaukasier.