Archive for März 2011

Scherwind

März 10, 2011

Die Gestirne zerreißen lautlos das Sinngefüge der Zeit,
die blinde Vernichtung geistert durch den Augenblick,
im Raum zersplittert die Materie in Bedeutungslosigkeit,
es gibt nichts zu retten, weil nichts mehr wichtig ist,
die Endlosschleife läuft, die das fotogene Elend abspult,
inmitten des Wahns lodert das Unterholz der Existenz,
der direkte Draht zur Welt endet in der Versteinerung,
im Traum erscheinen die Worte, kein Glück für niemand.

Advertisements

Gulag in Nordkorea

März 5, 2011

Eigentlich sollte man denken, dass der Gulag, eine perfide Art des staatlichen Repressionssystems, der Vergangenheit angehört, aber der Gulag existiert immer noch in Form von Vernichtungslagern, Zwangsarbeitkonzentrationslagern, Foltereinrichtungsgefängnissen in Nordkorea.
Die Angaben, wie viele es von diesen menschenverachtenden Orten gibt, schwanken, zu wenig verlässliche Informationen dringen aus jenem unwirklich erscheinenden Land mit seinem bizarren Führerkult.
Das ganze Volk verharrt sein Jahrzehnten in Geiselhaft, in Denkversklavung dienstbar gehalten und an einen Bewunderungszwang für seine regierenden Götter geknebelt. Wer sich dieser Gleichschaltung nur ansatzweise widersetzt oder auch eher zufällig deswegen beschuldigt wird, der muss mit dem Schlimmsten rechnen, Todesstrafe oder das langsame Sterben in einem dieser Arbeitslager.
Die Zustände dort, das berichten Überlebende, sind unbeschreiblich grausam, jeden Tag müssen die Gefangenen von morgens bis abends Schwerstarbeit leisten, außer einem kleinen Teller Geteidesuppe gibt es nichts, der extreme Hunger führt dazu, dass die Insassen Insekten und Pflanzen essen, um nicht an Unterernährung zugrunde zu gehen.
Ihre Körper verwandeln sich in abgemagerte Skelette, die ganz krumm werden von der täglichen Belastung, auch die Zähne ihnen fallen aus, das Zahnfleisch wird schwarz. Sie besitzen nichts, außer einer einzigen Kleidung, keine Socken, keine Unterwäsche, Seife und Monatsbinden gibt es nicht. Ständig sind sie bedroht von Schlägen und Vergewaltigungen durch die Wärter, denen es ausdrücklich erlaubt ist, zu foltern und zu morden.
Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, den Betroffenen werden Kiesel in den Mund gestopft und eine Kapuze übergezogen, bevor sie vor aller Augen erschossen werden. Wenn eine Frau dort ein Kind zur Welt bringt, wird es sofort getötet und wenn ein Gefangener Selbstmord begeht, werden seine Angehörigen zu hohen Strafen verurteilt.
Nicht nur mit dieser Methode, die ganze Familie zu ahnden, hält die Regierung ihre Bevölkerung in Schach, auch mit der raffinierten Mischung aus der Bedrohung durch ausländische Kräfte und dem Heilsversprechen auf inneres Massenglück, welches in den Aufmärschen von gedrillten Leibern zu opulenten Bildern medial zelebriert wird.
Diese nach außen getragene Selbstverherrlichung kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Volk seit Jahren an den Qualen der Mangelernährung leidet, weil es nichts gibt, der Alltag kaum funktioniert, weil oft kein Strom da ist und kein Wasser. Die Straßen sind meist menschenleer, dafür gibt es per Lautsprecher eine Dauerbeschallung mit Lobeshymnen auf den Geliebten Führer Kim Jong-il.
Wie ein Dompteur peitscht er die Angst in seine Untertanen, die Atmosphäre der latenten Gewalt verkörpern die überall lauernden Geheimdienste in diesem Zirkus des Horrors. Die Furcht vor dem Gulag ist allgegenwärtig, es kann jeden treffen in jedem Moment, keiner kann sich sicher sein, niemand entkommt der Willkür dieses Systems. Dazu gehört auch die im Verhältnis zur Bevölkerung zahlenmäßig größte Armee der Welt, die immer mal wieder im Stechschritt bis an die Zähne bewaffnet aufmarschiert, um die vermeintliche Geltung zu bestätigen.
Aber was so übermächtig zur Schau getragen wird, ist in Wahrheit in einem ziemlich desolaten Zustand, der Staat hat kein Geld mehr, um seine Diener zu bezahlen und um weiterhin im eigenen Luxus schwelgen zu können. Es müssen Devisen ins Land und das schafft man am besten mit Drohgebärden in Form von atomarer Aufrüstung. Damit erschreckt man die Welt und erpresst sich so wieder genügend finanzielle Zuschüsse, um nicht die Kontrolle zu verlieren.
Trotzdem ist das ganze System inzwischen so marode, dass es ohne die Unterstützung von außen in sich zusammenfallen würde, vor allem China steht nach wie vor dieser Schreckensherrschaft bei.
Der Rest der Welt kümmert sich wenig um das Elend der unterdrückten Menschen in Nordkorea, die Existenz des Gulag wird verschwiegen, man weiß es zwar, aber es ist ein Nicht-Thema, auch wenn ungefähr 200 000 politische Häftlinge davon betroffen sind. Wo bleibt der Aufschrei der Staatengemeinschaft bei einem solch maßlosen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die Tschurow-Regel

März 2, 2011

Ein Gespenst geht um in Russland, das Gespenst des Putinismus.
Seit gut zehn Jahren hält es Russland in eisiger Umklammerung mit einer klaren Richtlinie, die Wladimir Tschurow, ein Leiter der Zentralen Wahlkommission, in einem Interview wie folgt aussprach: „Putin hat immer Recht“, das ist die „Tschurow-Regel“. Diesen simplen Satz muss man als ein übermächtiges Dogma begreifen, dementsprechend haben sich alle zu verhalten. Wer dies nicht tut, der hat mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen.
Das berühmteste Beispiel dafür ist Michail Chodorkowski. Der wagte es einst, Putin öffentlich zu widersprechen, ihn zu kritisieren für das Gedeihen der Korruption unter seiner Präsidentschaft. Chodorkowski hatte tatsächlich geglaubt, dass er durch seinen Reichtum und seinen Bekanntheitsgrad geschützt sei, da hatte er sich gewaltig geirrt. Aber er war auch gewarnt worden, dass er möglicherweise alles verlieren kann und er wollte lieber ein politischer Häftling sein als ein Emigrant.
Da Putin der uneingeschränkte Herrscher Russlands ist, sind seine Wünsche das Gesetz, angelehnt an seine Formulierung, als er das Amt des Präsidenten antrat, nämlich für die „Diktatur des Gesetztes“ zu sorgen. Auf unheimliche Weise hat er das zu seinen Bedingungen verwirklichen können, einerseits mit seinem mächtigen und alle Schichten durchziehenden Geheimdienst FSB, dem voraus eilenden Gehorsam seiner Mitstreiter und Untertanen, andererseits durch das Einsetzen eines blassen und gefälligen Präsidenten, der nur unter der Überwachung des sogenannten „Alpha-Rüden“ Putin agiert.
Trotzdem lässt sich so ein riesiges Land nicht kontrollieren, das zeigt die andauernde Chronik des Terrors, die sich aus der repressiven Machtausübung der Moskauer Elite mit Vehemenz und Kontinuität zu rekrutieren scheint. Auch Putins ausfallende Wortwahl in Bezug auf seine Gegner, dass er diese in „Latrinen und der Kanalisation kaltstellen“ würde, offenbart jedoch auch seine Ohnmacht. Diese Begrenzung der eigenen Möglichkeiten dürfte Putin nicht gefallen, er will Weltklasse sein.
Auf einem Gebiet ist ihm das schon gelungen, noch nie haben sich die Machthaber so immens bereichert wie zu Putins Zeiten, seine Freunde und auch er selbst sind inzwischen Milliardäre. Sein Geheimdienst aber war nicht ausgebildet zum Regieren, das Einzige, was sie wirklich gut können, ist Feindbilder zu erschaffen und für alle seine Konkurrenten zur Sicherheit kompromittierendes Material zu sammeln oder auch herzustellen und ein Klima der Angst zu schüren.
Derjenige, der Putin trotzdem am meisten herausgefordert hat, war Michail Chodorkowski, zu seiner Zeit ein charismatischer und einflussreicher Oligarch, der mit seiner florierenden Firma Yukos auf die internationale Geschäftsbühne wollte und auch die politische Opposition finanziell unterstützte. Er selbst hatte sogar Ambitionen auf ein politisches Amt, was er öffentlich kundtat, ebenso war sein Ziel der Aufbau einer breiten Zivilgesellschaft, Bildungschancen für alle, ein freier Wettbewerb im wirtschaftlichen Bereich und die Bekämpfung der Korruption.
Mit diesen als Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Kreml empfundenen Absichten, avancierte Chodorkowski von einem geschätzten Partner zu einem der erbittertsten Feinde Putins. Dieser ließ ihn seine Befehlsgewalt spüren, ihn kurzerhand ins Gefängnis sperren und ihn wegen Betruges und Steuerhinterziehung anklagen. Was Putin sowieso ärgerte war die Tatsache, dass sich der größte Konzern in privaten Händen befand und er nutzte die Chance, jenes Öl-Imperium zu zerschlagen und die Anteile unter staatliche Kontrolle zu bekommen.
Obwohl es im Ausland Proteste hagelte, weil die Verhaftung dieses Öl-Magnaten ganz offensichtlich der reinen Willkür entsprungen war, zeigte sich die politische Führung in Moskau von diversen Ermahnungen völlig unbeeindruckt, das sei eine innere Angelegenheit und als Geschäftspartner garantierte Putin eine gewisse Stabilität, die im Westen sehr geschätzt wurde.
Mit dem Vorgehen gegen Chodorkowski baute er seinen autoritären Führungsstil noch weiter aus und statuierte ein Exempel, indem er den erfolgreichsten der Oligarchen zu Fall brachte und den anderen damit die Lektion erteilte, dass sich niemand gegen Putin zu positionieren hat. Damit waren die Machtverhältnisse absolut eindeutig geklärt und die neuen Reichen wurden somit an die Kette des Kreml gelegt, sie sollten sich aus der Politik heraushalten.
Chodorkowski und sein Partner aber wurden nach alter Manier für acht Jahre nach Sibirien verbannt, weit weg von Moskau. Das war Putin jedoch nicht genug, ein neuer Prozess wurde in die Wege geleitet, damit Chodorkowski auf keinen Fall demnächst freikommen kann. Um ihn weiterhin wegsperren zu können, musste ein neues Delikt her und er wurde des Diebstahls von einer unvorstellbaren Masse an Erdöl bezichtigt und schuldig gesprochen, obwohl es rein praktisch unmöglich war, diese Menge Öl abzuzweigen, auch wurden entlastende Zeugen nicht angehört.
Das Urteil war vorprogrammiert, Putin hatte sich vorher im Fernsehen dazu geäußert, dass ein „Dieb wie Chodorkowski ins Gefängnis gehört“ und so kam es dann auch, für noch weitere sechs Jahre. Mit der Einhaltung rechtsstaatlicher Grundsätze hat dies nichts zu tun, sondern eher mit der Erfüllung von Putins Willen, die „Tschurow-Regel“ lässt grüßen.
Angeblich soll sich der verurteilte Chodorkowski „unter den Bedingungen einer Isolation von der Gesellschaft bessern“, aber eigentlich ist dieser Fall ein Ausdruck von Putins tief sitzender Abneigung und vermutlich auch der Furcht vor einem gleichwertigen Gegner. Die Feinde der Mächtigen werden eingekerkert und mundtot gemacht, das war schon immer so. Ein Sprichwort sagt, dass sich in Russland in kurzer Zeit viel ändern kann, auf lange Zeit gesehen, aber ändert sich gar nichts. Das Gespenst, das nie aufhört durch die russische Geschichte zu wandeln, wechselt nur seinen Namen.