Julian Assange

Nun sitzt der leicht egomanische Paradiesvogel mit der unverschämt erotischen Stimme mehr oder weniger im Londoner Käfig fest. Für jemanden, der es anscheinend liebt, sein Leben auf Flughäfen zu verbringen, ist das wohl eher anstrengend. Die Frage ist auch, ob dieser Ikarus zu nahe an die Sonne des Ruhmes gerät und sich die Flügel verbrennt oder ob er die Balance angesichts der Aufmerksamkeitslawine in den Medien halten kann und nicht abstürzt. Im Hinblick auf die schwindelerregenden Höhen, die Assange in kürzester Zeit erreicht hat, kann man nur hoffen, dass er von wirklich guten Freunden umgeben ist und nicht von solchen, die sich an seine Person hängen, um sich in seinem Charisma zu baden.
Es ist schon erstaunlich, da arbeiten NGO´s jahrelang, um das Elend auf Erden anzuprangern und niemand hört sie, nun kommt plötzlich ein verwegener Mensch, im Gepäck ein paar brisante geheime Informationen und alle Welt schaut hin. Das hat sicher nicht nur mit der Idee zu tun, Staaten und Organisationen herauszufordern, indem man deren Geheimnisse ausplaudert, sondern auch mit einer Identifikationsfigur, wie sie Assange mit all seinen Widersprüchen perfekt verkörpert.
Da ist jemand, der nicht leicht zu fassen ist, mit einer Kindheit im Dauerstress eines Verfolgungswahnes seitens der Mutter, einer jung gescheiterten Ehe, einem diffusen Dasein als Hacker mit politischem Anspruch, sich ironischerweise „Mendax“ nennend und schließlich den Plan für Wikileaks entwickelnd, der vor gut vier Jahren in die Tat umgesetzt wurde.
Das konnte nur funktionieren, weil Assange sich mit manischer Akribie und dem unbedingten Glauben an seine Mission im Konzept von Wikileaks verwirklicht sah.
Sein Ansatz war einfach und radikal, die Öffentlichkeit hat das Recht auf absolute Informationsfreiheit mit der logischen Folge eines Korrektivs von Ungerechtigkeiten, da jeder Zugang zu allen Daten hat und sich so die Bürger nicht mehr von den Mächtigen dieser Welt belügen und damit beherrschen lassen.
Laut Wunschdenken von Assange soll Wikileaks der „größte Geheimdienst für das Volk“ werden, das der Unterwürfigkeit entsagt, sich nicht länger kontrollieren lässt und somit die Strukturen der Macht und die autoritären Systeme der Regimes zusammenbrechen, solange, bis „die Bestie der Verschwörung im Ganzen“ zerstört ist.
Der Hang zu Verschwörungstheorien ist Assange eigen und eigenwillig ist auch sein anarchistisch globales Denken. Er sieht sich als Kämpfer gegen eine imperiale Weltordnung, deren Reaktionen auf die Veröffentlichungen mit ihrer das-Imperium-schlägt-zurück-Strategie, indem man Assange zum Staatsfeind erklärt, sein Weltbild wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu bestätigen scheinen. Diese Rolle ist ihm wie auf den Leib geschrieben, er praktiziert das Versteckspiel in Agentenmanier, taucht unter und auf, benutzt etliche Handys wie es Spione und Kriminelle tun, ändert mit Vorliebe sein Äußeres, erscheint mal mit dunkler Brille, meist aber mit abstrus gefärbten Haaren, obwohl ihn seine echte Haarfarbe wirklich schillernd macht.
Dieses Faszinosum Assange lebt vor allem von seinen vielen Facetten, er predigt die bedingungslose Transparenz, belässt das System Wikileaks aber im Dunkeln, er ist einerseits sehr intelligent, andererseits aber ziemlich paranoid, er ärgert auf wunderbare Weise die Machthaber, ist aber selbst besonders empfindlich und er kann herrlich politisch unkorrekt sein, hat aber auch eine enorme Geltungssucht nach Ernsthaftigkeit. Sein Streben nach größtmöglicher Effizienz mündet oft in seiner sehr speziell charmanten Arroganz.
Nicht zu unterschätzen ist sein Boulevard-Faktor mit den vielen Auftritten in diversen Sendungen und den gewissen Merkwürdigkeiten, mit denen er sich derzeit auseinandersetzen muss. Durch seine Eskapaden und seine andauernde Selbstdarstellung, immerhin ziert sein Portrait in Denkerpose das Erscheinungsbild von Wikileaks, ist das Anliegen, die Wahrheit über den Krieg und die Machenschaften in der Politik aufzudecken, etwas in den Hintergrund gerückt.
Trotzdem ist es sein Verdienst, dass es nun eine digital verbreitete Form von Journalismus gibt, die zeigt, dass sich die Geheimdiplomatie einer Demokratie nicht mit der Mündigkeit ihrer Bürger verträgt.
Durch Assange ist Wikileaks in den Medien extrem präsent geworden, auch weil sich viele mit ihm solidarisieren, die Internetgemeinde der Fans wächst ständig und unterstützt die Methoden der Whistleblower im Netz. Wikileaks ist inzwischen auch ohne Assange denkbar, aber das ist wirklich nicht wünschenswert.

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