Archive for Februar 2011

Blut-Handys

Februar 15, 2011

Ohne Coltan würde kein Handy funktionieren.
Das billigste Coltan und andere Mineralien kommen aus dem Ostkongo.
Es gibt wahrscheinlich kein Mobiltelefon, welches frei von diesen sogenannten Konfliktmineralien ist.
Hunderte Minen gibt es im Ostkongo und ein ganzes Netz von bewaffneten Truppen kontrolliert den Abbau, schafft das Zeug durch Händler ins Ausland und kauft von dem Erlös Waffen, um den Krieg gnadenlos fortzusetzen.
Jedes Handy und damit wir alle finanzieren somit einen Krieg im Kongo, der in den letzten 15 Jahren mehr als 5 Millionen Tote gekostet hat, mehr als 300 000 Frauen wurden in diesem Zeitraum vergewaltigt.
2007 gab es einen UN-Bericht über den Zusammenhang von Konfliktmineralien und der Herstellung von Handys, leider wurde jener Bericht nicht sonderlich beachtet.
Der weltweit größte Mobiltelefonhersteller ist Nokia, jedes dritte Handy stammt aus diesem Unternehmen, welches sich die soziale Verantwortung auf die Fahnen geschrieben hat.
Wie verlogen Nokia in dieser Beziehung ist, zeigt sich daran, dass das Problem der Konfliktmineralien seit 2001 im Unternehmen bekannt ist.
Seit 10 Jahren weiß man also, dass dieses Blut-Coltan unter menschenunwürdigen Bedingungen oft auch von Minderjährigen abgebaut wird.
Manchmal brechen die Stollen zusammen und die Minenarbeiter sterben, ein Leben zählt nichts und die Arbeit wird sehr schlecht bezahlt.
Die dortige Bevölkerung macht die Drecksarbeit, während kongolesische Geschäftsleute, die Regierung, Rebellen und andere militante Gruppen daran verdienen.
Es geht schon lange nicht mehr um Politik, sondern nur noch um das schnelle Geld.
Jedes Mittel ist recht, um zu kurzfristigem Reichtum und zu lokaler Macht zu gelangen und der Krieg scheint für diese kriminellen Strukturen das geeignetste Mittel zu sein.
Bodenschätze sind der Fluch des Kongo, solange damit Waffen finanziert werden, findet die Spirale der Gewalt kein Ende.
Obwohl das alles bei Nokia und auch bei anderen Herstellern von Handys bekannt ist, war man bisher nicht bereit, auf das billige Coltan zu verzichten.
Nokia zum Beispiel weigerte sich, eine Zuliefererkette zu veröffentlichen, angeblich aus Wettbewerbsgründen, auch sei es unmöglich den Ursprung des gekauften Coltans zurückzuverfolgen, was nicht stimmt, jedes Mineral hat eine Art chemischen Fingerabdruck.
Im August letzten Jahres wurde im US-Kongress endlich ein Gesetz verabschiedet, dass bei elektronischen Produkten die Quelle der Mineralien offengelegt werden muss.
Auch Nokia hat sich daraufhin bereit erklärt, die Umsetzung dieses Gesetzestextes demnächst zu realisieren.
Aber noch gibt es kein Gesetz, welches grundsätzlich die Verwendung von Blut-Coltan verbietet.
Doch solange sich keine breite Öffentlichkeit für diesen grauenvollen Zustand interessiert, wird sich nicht viel ändern und auch an unseren Händen klebt das Blut.

Mondlicht

Februar 6, 2011

Du bist ein ferner Hauch, dessen Name Welt ist,
mich fesselnd im quälenden Blau des Himmels,
durch Fasern erinnert sich mein überlebtes Selbst,
die Liebe hatte ich mit kaltem Wasser getrunken,
auf meinen Lippen schmilzt das Eis nur langsam,
das Leeren Deiner erfüllten Worte ist mir Trost,
meine Nacht aus Blei, Dein Haar aus Mondlicht.

Julian Assange

Februar 5, 2011

Nun sitzt der leicht egomanische Paradiesvogel mit der unverschämt erotischen Stimme mehr oder weniger im Londoner Käfig fest. Für jemanden, der es anscheinend liebt, sein Leben auf Flughäfen zu verbringen, ist das wohl eher anstrengend. Die Frage ist auch, ob dieser Ikarus zu nahe an die Sonne des Ruhmes gerät und sich die Flügel verbrennt oder ob er die Balance angesichts der Aufmerksamkeitslawine in den Medien halten kann und nicht abstürzt. Im Hinblick auf die schwindelerregenden Höhen, die Assange in kürzester Zeit erreicht hat, kann man nur hoffen, dass er von wirklich guten Freunden umgeben ist und nicht von solchen, die sich an seine Person hängen, um sich in seinem Charisma zu baden.
Es ist schon erstaunlich, da arbeiten NGO´s jahrelang, um das Elend auf Erden anzuprangern und niemand hört sie, nun kommt plötzlich ein verwegener Mensch, im Gepäck ein paar brisante geheime Informationen und alle Welt schaut hin. Das hat sicher nicht nur mit der Idee zu tun, Staaten und Organisationen herauszufordern, indem man deren Geheimnisse ausplaudert, sondern auch mit einer Identifikationsfigur, wie sie Assange mit all seinen Widersprüchen perfekt verkörpert.
Da ist jemand, der nicht leicht zu fassen ist, mit einer Kindheit im Dauerstress eines Verfolgungswahnes seitens der Mutter, einer jung gescheiterten Ehe, einem diffusen Dasein als Hacker mit politischem Anspruch, sich ironischerweise „Mendax“ nennend und schließlich den Plan für Wikileaks entwickelnd, der vor gut vier Jahren in die Tat umgesetzt wurde.
Das konnte nur funktionieren, weil Assange sich mit manischer Akribie und dem unbedingten Glauben an seine Mission im Konzept von Wikileaks verwirklicht sah.
Sein Ansatz war einfach und radikal, die Öffentlichkeit hat das Recht auf absolute Informationsfreiheit mit der logischen Folge eines Korrektivs von Ungerechtigkeiten, da jeder Zugang zu allen Daten hat und sich so die Bürger nicht mehr von den Mächtigen dieser Welt belügen und damit beherrschen lassen.
Laut Wunschdenken von Assange soll Wikileaks der „größte Geheimdienst für das Volk“ werden, das der Unterwürfigkeit entsagt, sich nicht länger kontrollieren lässt und somit die Strukturen der Macht und die autoritären Systeme der Regimes zusammenbrechen, solange, bis „die Bestie der Verschwörung im Ganzen“ zerstört ist.
Der Hang zu Verschwörungstheorien ist Assange eigen und eigenwillig ist auch sein anarchistisch globales Denken. Er sieht sich als Kämpfer gegen eine imperiale Weltordnung, deren Reaktionen auf die Veröffentlichungen mit ihrer das-Imperium-schlägt-zurück-Strategie, indem man Assange zum Staatsfeind erklärt, sein Weltbild wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu bestätigen scheinen. Diese Rolle ist ihm wie auf den Leib geschrieben, er praktiziert das Versteckspiel in Agentenmanier, taucht unter und auf, benutzt etliche Handys wie es Spione und Kriminelle tun, ändert mit Vorliebe sein Äußeres, erscheint mal mit dunkler Brille, meist aber mit abstrus gefärbten Haaren, obwohl ihn seine echte Haarfarbe wirklich schillernd macht.
Dieses Faszinosum Assange lebt vor allem von seinen vielen Facetten, er predigt die bedingungslose Transparenz, belässt das System Wikileaks aber im Dunkeln, er ist einerseits sehr intelligent, andererseits aber ziemlich paranoid, er ärgert auf wunderbare Weise die Machthaber, ist aber selbst besonders empfindlich und er kann herrlich politisch unkorrekt sein, hat aber auch eine enorme Geltungssucht nach Ernsthaftigkeit. Sein Streben nach größtmöglicher Effizienz mündet oft in seiner sehr speziell charmanten Arroganz.
Nicht zu unterschätzen ist sein Boulevard-Faktor mit den vielen Auftritten in diversen Sendungen und den gewissen Merkwürdigkeiten, mit denen er sich derzeit auseinandersetzen muss. Durch seine Eskapaden und seine andauernde Selbstdarstellung, immerhin ziert sein Portrait in Denkerpose das Erscheinungsbild von Wikileaks, ist das Anliegen, die Wahrheit über den Krieg und die Machenschaften in der Politik aufzudecken, etwas in den Hintergrund gerückt.
Trotzdem ist es sein Verdienst, dass es nun eine digital verbreitete Form von Journalismus gibt, die zeigt, dass sich die Geheimdiplomatie einer Demokratie nicht mit der Mündigkeit ihrer Bürger verträgt.
Durch Assange ist Wikileaks in den Medien extrem präsent geworden, auch weil sich viele mit ihm solidarisieren, die Internetgemeinde der Fans wächst ständig und unterstützt die Methoden der Whistleblower im Netz. Wikileaks ist inzwischen auch ohne Assange denkbar, aber das ist wirklich nicht wünschenswert.

Wikileaks-Irak

Februar 1, 2011

Krieg ist zu jeder Zeit die schlimmste Katastrophe und die bitterste Niederlage der Menschheit, ganz egal, aus welchen Gründen er geführt wird oder wie man ihn nennt. Eigentlich sollte sich heute niemand mehr der Illusion eines gerechten Krieges hingeben, aber wir werden wahrscheinlich noch viele Horrorvisionen erleben müssen, der Fantasie scheint diesbezüglich keine Grenze gesetzt zu sein, wer weiß, was uns noch erwartet.
Die Enthüllungen von Wikileaks zeigen das ganze nackte Elend des Irak-Krieges in persönlichen Protokollen der dort stationierten US-Streitkräfte, eine Art Kriegstagebuch, so unmittelbar in den Details, dass es schwer fällt, sich diesen Fakten zu stellen. Aber es ist notwendig, dass alles an die Öffentlichkeit kommt, es darf nichts verschwiegen werden.
In den 400 000 geheimen Dokumenten kann man genau nachvollziehen, wie dieser Krieg im Einzelnen verlaufen ist. Es sind erschütternde Zeugnisse, die das ganze Ausmaß beschreiben und die klarmachen, dass diese von Anfang an mit Lügen begründete Invasion in keinster Weise den Weg zur Demokratie geebnet hat. Im Gegenteil, Terror und Willkür beherrschen das Land, tagtäglich wird getötet und gefoltert, es ist ein irakisches Trauerspiel.
Die Aufzeichnungen dieser Dokumente beziehen sich auf die Jahre 2004-2009 und entgegen der offiziellen Behauptung, dass man nicht wüsste, wie viele Opfer der Kampf auf irakischer Seite gekostet hat, kann man anhand der Daten dazu nun doch Aussagen machen. Wahrscheinlich sind es mehr als 100 000 Tote, davon zwei Drittel Zivilisten und fast 180 000 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Jeden Tag gab es Bombenanschläge, die amerikanischen Truppen befanden sich in einem Gewalteinsatz, es wurde auf alles geschossen, was sich bewegte, an jeder Straßenecke passierte ein Mord, überall musste man mit Sprengfallen rechnen, die Nerven lagen blank. Der Schutz der eigenen Truppen war das oberste Ziel, das Töten von Zivilisten nur ein Kavaliersdelikt und der Tod von Zivilisten wurde auch nicht weiter hinterfragt.
Die Bevölkerung empfand die ausländischen Truppen definitiv nicht als Befreier, sondern als Besatzer, zumal die Luftangriffe überhand nahmen. Die Videos aus den Apache-Kampfhubschraubern erreichten durch Wikileaks traurige Berühmtheit, sie zeigen die Skrupellosigkeit und Kaltschnäuzigkeit der Soldaten, eben das, was der Krieg aus Menschen machen kann. Einige Soldaten hatten direkt Spaß am Töten, sie prahlten damit, wie viele Menschen sie am Tag erledigt hatten. Es sieht mitunter auch aus wie ein Videospiel auf den Computerbildschirmen, doch am Schluss lagen die Leichenteile auf den Straßen, zerstückelt von Hellfire-Raketen. Oft traf es Unschuldige, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren. 103 Fälle von toten Zivilisten durch Luftangriffe wurden registriert, Kinder, Frauen, Männer und Alte.
Spätestens im Jahr 2007 versank das Land endgültig im Chaos, ca. 30 Bombenanschläge pro Tag waren die Regel, manche Selbstmordattentäter waren Kinder, der jüngste nur 11 Jahre alt. Diese Kinder wurden mit Geschenken gefügig gemacht und nannten sich „Vögel des Himmels“, „Kinder des Paradieses“ oder „Zelle der Kolibris“. In den Straßen es gab nur noch Mord und Totschlag, an den Checkpoints starben mehr als 800 Personen. Ständige Verhaftungen und Misshandlungen waren an der Tagesordnung, bis zu 180 000 Iraker wurden inhaftiert und es wurde massiv gefoltert.
Die Vorfälle in Abu Ghuraib waren nur ein Teil des unglaublichen Schreckens, 300 Fälle von Misshandlungen wurden nach diesem Skandal schriftlich festgehalten. Dazu sind noch 1800 Fälle von Folter in den Gefängnissen dokumentiert und zwar meistens ausgeführt von Irakern an Irakern, also den Behörden, die von den Amerikanern ausgebildet wurden. 32 500 ermordete Zivilisten, darunter 164 Kinder, gehen auf das Konto der irakischen Armee und Polizei, davon 10 000 Tote mit Kopfschüssen und 439 Enthauptungen. Jeden Tag wurden 100-150 Leichen aus den Flüssen geborgen, viele von ihnen wiesen Spuren der Folter auf, sie waren verstümmelt, mit Bohrlöchern übersät oder mit Kabeln geknebelt.
Die irakischen lokalen Milizen erwiesen sich als wahre Todesschwadrone und wie zu Zeiten Saddam Husseins wurde und wird auf grausamste Weise gefoltert, gemordet, verschleppt und erpresst. Alte Rechnungen der Clans werden beglichen und die Kluft zwischen Schiiten und Sunniten vergrößert sich zusehends, das Land spaltet sich weiterhin in eine unversöhnliche Richtung.
Ursprünglich wurde dieser Krieg mit den Begründungen begonnen, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gibt und die Saddam-Regierung enge Beziehungen zu Al-Qaida hätte. Doch weder Massenvernichtungswaffen wurden gefunden, noch gab es die besagte Verbindung zu der Terrororganisation, erst mit diesem Krieg kam Al-Qaida ins Land. Das lässt ich auch anhand der Dokumente zeigen, 2004 wurde Al-Qaida nur 7 mal erwähnt, während es 2008 schon 8500 Einträge gab. Inzwischen gehen viele Morde auf das Konto von Al-Qaida, Irak ist ein gewalttätiger Ort mit einer korrupten politischen Elite und kriminellen Strukturen. Bis heute gibt es pro Tag ca. 200 Beerdigungen, viele sind Opfer von Anschlägen und die meisten werden als „unbekannt“ begraben.
Dieser Krieg ist wie jeder Krieg brutal und blutig, ein fortwährender Alptraum, das beweisen die Dokumente von Wikileaks, es gibt daran nichts zu beschönigen. Warum auch immer dieser Krieg begonnen wurde, ob für Öl und Einfluss in dieser Region, ein Ende des Gemetzels ist nicht in Sicht.