Vergewaltigungsbastard

Patrick ist 14 Jahre und inzwischen alt genug ist, um zu begreifen, welche Bürde er zu tragen hat. Er weiß, dass er aus einer Vergewaltigung eines Hutu-Mannes an einer Tutsi-Frau während des Völkermordes 1994 in Ruanda entstanden ist. Diese Last der Geschichte seines Heimatlandes wird ihn sein Leben lang begleiten. Er kann nichts dafür, wie tausende andere Kinder auch, es war eben das Schicksal. Doch es quält ihn, nicht zu wissen, wer sein Vater ist, und zu wissen, wer sein Vater ist. Ein Mörder, der vor den Augen der Mutter drei ihrer Kinder umgebracht hat, bevor er sie vergewaltigte, somit ihn zeugte und sie mit HIV angesteckt hat. Zwei andere Kinder konnten sich rechtzeitig verstecken. Seine Halbschwestern waren auch der Grund, warum seine Mutter ihn nicht abgetrieben hat, weil sie Angst hatte, dass sie dabei stirbt und ihre Töchter allein bleiben würden, denn auch ihr Mann und ihre gesamte Familie, ihre Geschwister, ihre Nichten und Neffen wurden an einem Tag getötet. Das alles hatte sie Patrick erzählt, nachdem er sie danach gefragt hat. Aber er ist froh und dankbar, dass er lebt. Seine Mutter liebt ihn trotzdem, auch wenn sie das Gesicht ihres Peinigers vor Augen hat. Sie versucht es zu verdrängen, aber an den Blicken mancher Nachbarn sieht sie die Vorwürfe, wie sie so ein Mörderkind auf die Welt bringen konnte. Es war und bleibt ein harter Kampf, sie beschützt ihren Sohn und auch ihre Töchter halten zu ihrem jüngeren Bruder. Viele andere haben das nicht geschafft und solche Kinder verstoßen. Patrick kann sogar zur Schule gehen, seine Mutter bezahlt das teure Schulgeld. Eigentlich müssen Kinder von Opfern kein Schulgeld bezahlen, aber Patrick ist der Sohn eines Täters. Das bekommt er auch oft von seinen Mitschülern zu spüren, einige meiden ihn oder nennen ihn Vergewaltigungsbastard.

In der Gemeinde sind viele verbittert, weil sie ihre Angehörigen, ihre Väter, Mütter, Kinder verloren haben und die Mörder nicht bestraft wurden, die Wunden heilen nicht wirklich. Aber Patrick hat auch Freunde gefunden, sie sprechen manchmal über das, was vor 15 Jahren geschah. In der Schule wird darüber nur selten geredet, aber die Kinder wissen Bescheid, denn er gibt einen weisen Mann, Théoneste, den sie alles fragen können und der keiner ihrer Fragen ausweicht. Théoneste war immer ein moderater Hutu und hatte sich damals entschieden gegen das Abschlachten der Tutsi gewehrt, jetzt setzt er sich für ein versöhnliches Miteinander ein. Aber nur unter einer Bedingung, die ganze grausame Wahrheit muss ausgesprochen werden und auch die Ursachen dafür sollen entlarvt und verstanden werden, damit sich so ein Verhängnis nicht wiederholt. Théoneste ist ein gebildeter Mann, er stammt aus dem Norden Ruandas und hatte mit seinem zehn Jahre jüngeren Namensvetter Théoneste Bagosora, ebenfalls Hutu, eine katholischen Missionsschule besucht. Bagosora ging zum Militär und machte dort Karriere, schon bald gehörte er zum inneren Zirkel der Macht. Und er war es, der mehr als zwei Jahre vor dem Genozid eine so genannte Denkschrift zur Feinderklärung ausarbeitete und diesen Völkermord minutiös plante. Die Tutsi sollten vollständig vernichtet werden, ebenso Hutu-Oppositionelle, dafür wurden Hutu-Milizen ausgebildet und monatelang umfangreiche Todeslisten erstellt. Die Ausbildung der Armee und die Waffenlieferungen kamen aus dem fernen Frankreich. Auch Théoneste hätte Karriere machen können, doch er sah, mit welcher vehementen Kaltblütigkeit seine Mitschüler in höhere Positionen strebten, er ahnte schon früh, dass Machtbesitz die Menschen korrumpiert und er wollte sich nicht die Finger schmutzig machen. Aber dass es einmal so weit kommen würde, das hätte er nie vermutet, zu sehr glaubte er an das Gute im Menschen, die Kirche hatte es immer gepredigt. Doch dann waren die Früchte auf ihre eigene Weise reif geworden und hatten sich von jeder Menschlichkeit entfernt.

Dieser Schock wütet weiter in seinen Gedanken, aber Théoneste setzt seine Hoffnung auf die Jugend und versucht ihnen immer wieder die Ereignisse und deren Zusammenhänge zu erklären. So erfuhren die Heranwachsenden, wie Horden von Männern über ihre Verwandten herfielen, sie mit Macheten und Keulen niedermetzelten, ihre Häuser plünderten und niederbrannten, sich die Frauen und Mädchen mit Gewalt nahmen und die Kinder zerstückelten. Als würden sie ganz normal zur Arbeit auf ihre Felder gehen, so gingen die Männer damals auf Menschenjagd, von früh bis abends, danach zu Bett, um am nächsten Tag weiter zu morden. Ihre Opfer waren für sie keine Menschen mehr, Tutsi waren nur noch Gewürm, Steckmücken, Kakerlaken und ähnliches Ungeziefer oder auch Buschwerk, das man schneiden, also töten muss. Die Kinder der Tutsi wurden als Unkraut bezeichnet, das es zu vernichten galt, das hatten die Hutu schon Monate vorher im Radio gehört. Und sie waren voller Hass, hatte sich doch die Minderheit der Tutsi lange als Herrenrasse gefühlt, nun waren es die Hutu, die überlegen waren.

Lange lebten die Völker auf diesem grünen Flecken Afrikas gut miteinander, bis die Kolonialmächte, erst Deutschland, dann Belgien rassistische Ideen in die Köpfe der Einwohner brannten, sogar in den Ausweisen war fortan die ethnische Zugehörigkeit vermerkt. Man misstraute einander immer mehr, bis sich diese explosive Mischung durch ständige gegenseitige Massaker verstärkte. Das Land war bald wie flüssiges Benzin, nur ein kleiner Funken genügte, um einen verheerenden Brand auszulösen. Das Schlimme daran war, so Théonestes Meinung, diese Katastrophe war eigentlich kein ethnisches Problem, auch wenn sie sich auf diese Art entlud, noch hatte dieses Unheil etwas mit Überbevölkerung oder Landknappheit zu tun. Es ging um die pure Macht und das Kalkül der extremen Hutu, hunderttausende Menschen zu opfern, um an der Regierung zu bleiben. Aber auch Teile der Tutsi waren nicht zimperlich, auch sie mordeten, auch sie beanspruchten die Staatsführung. Diese Besessen gieren immer nach einem Platz in der Geschichte auf Kosten der Bevölkerung, die sich als williges Werkzeug zur Verfügung stellt. Sie schicken ihre Truppen, die für sie die Drecksarbeit verrichten. Wie vor 15 Jahren, als Zehntausende ganz freiwillig zu ihren Macheten griffen und zu den furchtbarsten Dingen fähig waren. Ein Menschenleben zählt nichts beim Spiel der großen Männer, auch Millionen nicht. Was für ein Elend sich die Menschen gegenseitig nur antun können, was für eine absolute Sinnlosigkeit. Und jede Sprache wird versagen, weil es keine Worte für diese Tragödie gibt.

Aber Théoneste erzählt immer wieder davon, vielleicht auch, weil er hofft, seine nächtlichen Alpträume damit zu bezwingen. Da waren sie wieder, diese Bilder von den Leichenbergen, von Fliegenschwärmen bedeckt und an denen sie Vögel zerrten, die Knochen- und Kleiderreste, die den Wiesen die grüne Farbe nahmen. Überall lagen abgeschnittene Gliedmaßen herum, die Opfer sollten leiden, bevor sie starben. Manche bezahlten sogar Geld, damit man sie gleich erschoss und nicht erst die Hände und Füße abtrennte. Einige mussten ihre Ehepartner und Kinder selbst töten, bevor man sie erschlug, manche wurden zum Inzest gezwungen. Man trieb Menschenmengen in Schulen und Kirchen zusammen und zündete diese dann an. Es wurde gefoltert und gequält über jedes Maß hinaus, Menschen wurden zum Kannibalismus gezwungen, auch Kinder töteten Kinder. Die Flüsse und Seen waren voll von Blut und leblosen Körpern, der Gestank war unerträglich, aber wie im Rausch ging das Morden wochenlang weiter. Théoneste überlebte, weil man ihn achtete, doch er hatte sich oft den Tod gewünscht, weil er nicht ertrug, was er damals sehen musste und weil er nichts verhindern konnte. So viele seiner Freunde waren gestorben, aber ebenso viele waren plötzlich zu Mördern geworden. Sie leben immer noch hier und man spricht und arbeitet zusammen, aber diesen Abgrund würde er nie überwinden können. Er sieht in die traurigen Augen der Überlebenden, in die verdrängenden Mienen der damaligen Täter, doch nur die fragenden Gesichter der Kinder sind seine Kraftquelle und ihr Lachen, das über die Massengräber schallt.

Besonders kümmert er sich um Patrick, der ist wissbegierig und schon sehr erwachsen für sein Alter, viel Kummer und Demütigungen hat er in seinem kurzen Leben schon ertragen müssen. Er will alles besser machen und seiner Mutter zeigen, dass es gut und richtig war, ihn als Sohn zu akzeptieren. Natürlich fehlt ihm ein Vater, aber viele haben keine Väter und auch keine Mütter mehr, meist waren diese an AIDS gestorben. Aber wen interessiert das schon, die Welt schaut immer nur weg. Patrick hat gelernt, sich nur auf sich selbst zu verlassen und gut in der Schule zu sein, vielleicht hätte er dann eine Chance in der Stadt. Er fragt sich oft, ob sein Vater noch lebt und ob er nach Osten geflohen war, hat er in einem Flüchtlingslager weiter getötet und vergewaltigt oder wurde er, wie so viele, von den Tutsi-Rebellen ermordet. Patrick wird es nie erfahren, aber in ihm ist diese tief sitzende Angst, dass der Frieden derzeit nur die Oberfläche glättet. Er weiß, der Schrecken des Krieges hat sich nur verschoben, von Ruanda nach Ostkongo. 15 Jahre Völkermord und noch kein Ende in Sicht.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: