Vernichtungsschmerz

Wie ein harter Schatten streift mich das Leben täglich und seine Kälte sehe ich an meinem rauchigem Atem. An den inneren Wänden meines Schädels hängen die Skelette meiner Vorfahren, aus ihren leeren zahnlosen Mäulern schreit es:

Was ich mir etwa eingebildet hätte, ein schönes Leben haben zu wollen!

Der innere Krieg hört nie auf und das alte Elend schiebt sich ständig durch meine Gedanken.

Ich habe ein Recht auf den Nachklang meiner einsamen Kindheit. Die fröhlichen Fotos in meinem Album sprechen eine andere Sprache, die Rolle der fotogenen Mama als ewiges Beweisstück. Wenn die Kamera anwesend war, wurde mir eine Zuwendung zuteil, die ich sonst nicht kannte.

Im Haupt meiner lächelnden Mutter hingen keine abgelebten Knochen und sie nahm sich das gute Dasein mit einer Welle aus physischer Bestätigung und dem stundenlangen blonden Spiegelbild. Ihre Schritte waren immer so schnell, dass ich neben ihr rennen musste, meine Worte konnten ihre zurechtweisenden Sätze nicht überstimmen. Kalt war ihre Hand und knochig, nicht für mich geschaffen. So hing ich über der Erde fest, in einem Käfig voll von Gespenstern. Die Folgezeit meiner Geburt war reine Nebensache.

Mein Vater jagte von Frau zu Frau, mit diesen Trophäen tapezierte er Schicht um Schicht sein Stammhirn. In den anderen Bereichen seines Kopfes fraß die Sucht nach Anerkennung jedes andere Gefühl. Meine Eltern waren jung, in Armut geboren und fest entschlossen, sich nach oben zu treten, ich war ein immer verfügbarer Teppich. In diesem Drama hatte jeder Recht und so war die Freiheit der Selbstverwirklichung mein eisiger Feind.

Mit Angst wurden meine Gedanken aufgeladen und das Leben, das vor mir lag, war ein abschüssiger dunkler Pfad und führte in ein böses Erwachen. In meinen kindlichen Augen taten die Großen so geheimnisvoll, als wüssten sie immer, was zu tun sei, gaben Befehle und diktierten ihre Überlegenheit. Wie Würmer schrumpften sie entsetzlich für mich zusammen, als ich ihr Tun später durchschaute, den Selbstbetrug in ihrer wohligen, abgestandenen Existenz.

Der Ekel befiel meinen gezeugten Leib. Ich, halb Mutter, halb Vater, eine Hure und den dazu gehörenden Bock, beide wie ich ein noch pulsierendes Fleisch. Mein Blut bestand aus Feindseligkeit, das mit Abscheu seine kreisförmigen Bahnen durch meine Adern pumpt.

Längst waren meine Wünsche ausgewandert und jeder Herzschlag schlägt mich weiter durch eine Welt, die mich nicht kennen will.

Ich war schon eine dem Tod Geweihte vor meiner Jugend, die mich verstoßen hat wie überflüssiger Schutt. In ein Gefängnis aus Finsternis gelegt bleibt alles Menschliche von mir fern. Meine Sehnsucht lässt mich mechanisch Amok laufen gegen jede Art von Hoffnung.

Sanft ruht der Hass auf meinen Schultern und die Verachtung für das, was mich gebar. Die Mutter, die endlich das Gesicht bekommt, das sie verdient, der Vater, den der Krebs gepackt hat. Unerträglich sind mir die jungen Mütter auf den Straßen, mit ihren sinnreichen Blicken auf ihre Brut.

Aber nichts will mir die Lebensenergie wirklich rauben, die nicht versiegen will, ich esse und trinke noch, doch ich wünschte, ein kleines schwarzes Loch würde mich lautlos verschlingen. Süchtig inhaliere ich den Rauch von Zigaretten, eine schlimme Krankheit erwartend. Rauchen kann tödlich sein, lese ich, immer diese leeren Versprechungen.

Meine Erinnerungen sind der Schrecken, der mich nicht auslöschen will. Auf das Vergessen kann ich nichts als warten und den Tod fürchte ich, weil er mich nicht beenden würde.

Schreiben ist das, was mich am langsamsten umbringt.

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