Siegel

Ein Siegel bedeutet ein Ende, aber der Inhalt dessen, wird wohl nie enden. So war der letzte Prophet ein Beglaubiger aller seiner Vorgänger, aber sein Wort im Sinn ein ewig wandelbares, ein unergründliches. Das Wissen, so die Schrift, liegt allein bei Gott, und welche Anmaßung, zu denken, wir Menschen könnten mit dem Verständnis der geschriebenen Sätze über andere richten.

Mohammed empfing den Koran mit dem Willen, eine in die arabische Sprache gegossene Form mitzuteilen, als einen Abschluss der anderen Heiligen Schriften gedacht, als ein Angebot, das einen Lernprozess vorschlägt, der die Jahrhunderte zuvor wenig Früchte getragen hatte. Die Worte der früheren Propheten fanden nicht die Kraft, die sich durch Taten in die gemeinte Richtung bewegen sollte.

Liebe für alle, Hass für keinen. So die Quintessenz, die Grundlage des Koran. Diese klare Botschaft, die schon längst verkündet war, sollte uns wieder in Erinnerung gerufen werden. Nichts ist stärker als die Liebe Gottes und keine menschliche Macht steht über der Göttlichen, die reine Gnade und Vergebung ist. Ein großzügiges Verstehen des Fremden, geborgen im Einverständnis der Gültigkeit von gleichen Rechten für jedermann.

Stattdessen hören wir noch immer den Schrei der Unterdrückung, der Vernachlässigung und die Bereitschaft, das Gefühl am Rande zu stehen mit Gewalt zu überwinden. So tief sitzt der Schmerz, dass Menschenopfer nicht nur gepredigt, sondern geschaffen werden. Junge Geschöpfe, die sich den leidvollen Einflüssen und der Hoffnung auf ein jenseitiges Paradies nicht entziehen können, die sich selbst als entrechtet sehen und die Schuld dafür denen geben, von denen sie sich verraten und beherrscht fühlen. Geschürt wird ein im Opferstatus steckengebliebenes kollektives Selbstmitleid, das in Brutalität mündet, weil es nur sich allein kennt.

Wenn die frühe Selbstmordstunde anbricht, lodert das Fegefeuer des blinden Glaubens, der sich nicht zu rechtfertigen weiß. Wer darf dann noch wem für seinen Glauben danken und soll der Tod wirklich ein Schutz gegen den Zweifel sein. Terror ist die pure Verzweiflung, doch der Krieg dagegen ist die pure Dummheit, die uns alle in den Abgrund führt und doch scheinen wir uns wie fremdgesteuert genau dahin lotsen zu lassen.

Statt sich der Zukunft zu verweigern, sollten sie doch heilen, unsere gemeinsamen Wunden und wir gegen das Trauerspiel den Schritt der Freiheit vollziehen und uns an das Gute binden. Nicht die Gottesfurcht engt unser Wissen ein, es ist die Furcht vor uns selbst. Durch unser Handeln glauben wir Strafe auf uns zu ziehen, dabei sind wir es selbst, die uns strafen. Die Welt ist kein Gefängnis, kein Haus des Krieges und das Leben nicht nur eine Vorstufe zu höheren Dingen. Nicht der Gehorsam, sondern die Hingabe, die auf die Vernunft gegründet ist, das ist der Weg, der uns einen kann und der nur gleichberechtigt gemeinsam zu schaffen ist.

So wertvoll ist das einzige Leben, das wir besitzen, das wir verlieren. Doch um es auch leben zu können, müssen wir das Geschenk der Vielfalt von Religionen nutzen, die in ihrer Komplexität so reich an Schätzen der Menschlichkeit sind. Aber auch die Berufung auf die düsteren Seiten bleiben ein Teil unserer Identität, wie ein böser Fluch. Die Auskünfte der Schriften, die unsere grausamen Möglichkeiten unerbittlich ausloten, verdunkeln unsere Seelen, die schwer belastet bleiben mit der traurigen Geschichte unserer Verbrechen und Irrtümer. Und das Konkurrenzdenken in den Kategorien unterschiedlicher Glaubensrichtungen ist eine Folge des Missbrauchs von Macht, jegliche Geringschätzung eine Respektlosigkeit auch gegen die eigene Person.

Aber wir sind in der Lage im Vertrauen so zu reifen, dass sich die quälenden Widersprüche auflösen können. Alles ist besiegelt, alles in Sprache vollendet, unser gefährlichstes Gut, die prophetischen Worte funktionieren wie ein diesseitiger Spiegel. Wirklich zu verstehen und danach zu lieben, das lässt uns werden, was wir sind. Liebe für alle, Hass für keinen. So einfach ist das Gebot und so schwer zu leben.

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