Requiem für Aisha aus Kismayo

Die Welt ist dunkler geworden, seit Du im Grabe liegst, Aisha.
Von Deinen sanften braunen Augen ist nichts geblieben,
noch nicht einmal ein gebrochener Blick.

Deine gellenden Schreie zerfurchten fast den Himmel,
als drei Männer Dich verschleppten nachts,
Dich, Du Kind, gerade dreizehn geworden.
Wie sie Dich nahmen, ihr Fleisch in Dich stachen,
der brennende Schmerz zwischen Deinen Schenkeln,
deren rauchiger Atem auf Deinen wimmernden Lippen,
ihr Keuchen und Stöhnen, ihr beißender Geruch
und ihr pulsierendes Gewicht drohten Dir den Luftstrom zu nehmen.
Sie drangen in Deine Öffnungen, von vorn, von hinten,
Du hattest den Geschmack von Sand und Sperma im Mund.
Der Abgrund schoss durch Deine Gedanken, sterben, sterben, sterben.
Nach Ewigkeiten ließen sie endlich ab,
verschwanden gröhlend im Schattenreich der Nacht.
Da lagst Du zu Blei geworden reglos wie der Boden selbst.
Mattherzig wandelte ein Dreiviertelmond
an den trostlos funkelnden Sternen vorbei.
Ein Lichtschimmer am Horizont gab Dir den Schlaf des Vergessens,
bis Dir die Sonne die Lider öffnete, alles an Dir war blutig, verdreckt,
gnadenlos der Alptraum, der sich von den nächtlichen Ahnungen
in den nackten Tag mit wachsendem Grausen gedrängt hatte.
Kleine Schritte durch den warmen Sand gaben etwas Halt,
als von weitem Deine Mutter verzweifelt nach Dir rief.
Das blanke Entsetzen ließ Dein Anblick in ihren Augen flackern.

Dein Name war wie Deine geschwungene Braue, Aisha.
So oft hatten Deine vollen Lippen den Propheten gepriesen,
nach dessen Lieblingsfrau sie Dich nannten.

In den Armen Deiner Mutter warst Du vorerst sicher,
weinend mit einer Dir fremden eigenen und wortlosen Stimme
aus gequälten Lauten, als hätten sie Dir die Haut abgezogen.
Die Blicke Deiner Geschwister waren von Trauer so seltsam.
Dein Vater bedeckte mit den Händen sein Gesicht,
hilflos murmelte er immer wieder Gebete in die Ecken.
Wofür diese Strafe, diese schöne Tochter Gottes, geschändet,
was würde nun werden aus den geschmiedeten Plänen.
Deine Mutter wusch Dich vorsichtig wie ein Kleinkind,
ihren tiefen Kummer konnte sie nicht verbergen,
auch erklären konnte sie Dir nicht, was geschehen war.
Vergewaltigung, zu furchtbar war diese Schande für die ganze Familie,
in ihren Adern begann allmählich die Wut zu kochen.
Sie beschlossen, für diese Schmach Gerechtigkeit einzufordern,
dieses grausame Verbrechen anzuzeigen, das Dein Leben zerstört hat.
Recht sprechen würde darüber die islamistische Al-Shabab-Miliz,
so dachten sie, im vollen Vertrauen auf die Richtigkeit ihres Glaubens
und der Urteilskraft des Imams und der Miliz, die die Stadt kontrollierte.
Du aber wolltest das Haus auf gar keinen Fall verlassen,
die Angst lauerte überall außerhalb der vertrauten vier Wände.
Lodernde Schmerzen im schwachen Leib versagten Dir das Laufen.

Deine Anmut entblößte die Schuld Deiner Brüder, Aisha.
Das Salz der Tränen verwüstete durch die tägliche Mühsal ihre Herzen,
Deinen Mördern blieben nur Augen und Zungen aus Stein.

So legten Deine Eltern Dich auf einen morschen Holzkarren,
wie ein Beweisstück, damit der Imam die Schandtat erkennen könne.
Aber kaum waren sie dort angekommen,
kaum hatten sie das Unaussprechliche geäußert,
stürzten sich schon die Milizionäre auf Dich,
sie zerrten Dich in einen feuchten düsteren Raum.
Du hörtest das Klagen Deiner Eltern, ihre verzweifelten Bitten.
Fassungslos mussten Deine Eltern erfahren,
dass Du ganz allein die Schuld zu tragen hast,
den außerehelichen Geschlechtsverkehr vollzogen zu haben.
Die Sharia gebietet es, dass eine Frau den Tod verdient,
wenn sie genau das tut, und die Frau ist immer schuldig.
Niemand machte sich die Mühe, die Täter zu suchen oder zu verhaften.
Die Beweislage war für sie klar, Du hattest die Männer verführt,
dabei hattest Du noch nicht einmal das heiratsfähige Alter erreicht.
Dass Du erst dreizehn warst und somit nicht zu verurteilen,
lösten sie so, indem sie Dein Alter auf dreiundzwanzig festlegten.
Die Zelle war schmierig von Kot, auf dem Boden lag eine alte Matratze.
Wie ein Embryo lagst Du zusammengerollt, schlotternd vor Angst
im Halbdunkel, bedrohlich die schweren Schritte, dann wieder Ruhe.
Ganz fest hast Du an die Tage vor dem Schrecken gedacht,
an das so wunderbar gleißende Sonnenlicht,
das vergnügliche Versteckspiel mit Deinen Schwestern,
das Lachen Deiner Mutter, nachdem sie geschimpft hatte,
die unverhoffte Freude, den heimischen Duft von Brot am Morgen,
die staubige Straße, Streit mit den Nachbarn, Wind in den Haaren.

Dein Sehnen war erloschen vor Deiner Zeit, Aisha.
Wie Deine Schwestern sollte auch Dich Dein Schicksal beschenken,
mit einem seelenvollen Mann und zauberhaften Kindern.

Für einen Moment huschte ein Lächeln durch Dich,
dann brach unerbittlich die Wirklichkeit in Deine Innenwelt,
Deine Augen wolltest Du nicht öffnen, nicht sehen,
was Dich umgab, nicht begreifen, was mit Dir geschah,
es darf nicht wahr gewesen sein, es darf nicht sein, nein.
Die Erschöpfung brachte kurz den willkommenen Schlaf.
Früh am Morgen weckten Dich harte Männerstimmen,
sie brüllten Dich an, wie Du so niederträchtig sein konntest,
die Ehre Deiner Familie und den Glauben zu beschmutzen.
Einer der Männer griff Dir zwischen die Beine und höhnte,
dass das Dir sicher gefallen würde, aber nun sei es zu spät.
Die Miliz war in einem Lautsprecherwagen durch die Stadt gefahren,
um Deine bevorstehende Steinigung anzukündigen, ein Spektakel.
An die tausend Einwohner versammelten sich bis zum Nachmittag
im Fußballstadion, um Steine zu werfen und alles genau zu verfolgen.
Eine ganze LKW-Ladung Steine wurde dorthin geliefert,
und in die Mitte wurde ein Loch in die Erde gegraben.
Dann holten sie Dich, johlende Männer spuckten nach Dir.
Dein Wimmern, Dein Klagen, Dein Jammern half nichts,
auch Dein flehendes Bitten um Gnade beim Herrn schien töricht.
Es blieben Dir nur Deine panischen Rufe, nicht getötet zu werden.

Deine Gebete waren wie Anker in der Lüften, Aisha.
Wie die Wolken verblassten sie und verloren sich ohne Sinn,
wie auch Dein Leben verging, ganz ohne Sinn.

Nicht hergeben wolltest Du Dein einziges Leben, nicht lassen,
konntest es nicht lassen, so viel Kraft und Willen waren in Dir,
vier Männer mussten Dich bändigen, um Dich ins Loch zu stoßen.
Sie gruben Dich dort bis zum Hals ein, bis Dein Leib feststeckte.
Die irrsinnige Angst ließ Deinen Atem Schreie wie Sirenen ausstoßen,
während sich fünfzig geifernde Männer im Kreis aufstellten,
jeder einen Haufen mit faustgroßen Steinen vor sich.
Sie begannen mit dem gezielten Werfen auf Dein kreischendes Haupt.
Wie Elektroschocks trafen Dich die ersten Geschosse.
In Zeitlupe kamen sie geflogen, mal schneidend, mal dumpf,
ein stechender Schmerz, als würde Dein Gehirn zersieden,
als würde Dein Gesicht zerfließen und Dein Schädel Risse bekommen.
Kein Gedanke mehr, nur noch einen Augenblick die Sonne sehen,
das Licht in sich speichern, den Lärm ringsumher vergessen,
nur das Zwitschern der Vögel und die Musik festhalten,
sich wehren mit aller Macht, sich dann hingeben, ohnmächtig.
Plötzlich eisige Stille und ein seltsames Zwielicht,
von außen das Sonnengold des Sandes, innen sterniges Geflimmer.
Nach zehn Minuten waren die Steine aufgebraucht,
die Männer ließen ab, und sie gruben Deinen Körper aus.
Noch atmete etwas in Dir, zwei Krankenschwestern nickten,
die Männer sammelten die Steine zusammen.
Vereinzelt regte sich Widerstand im Publikum, Rufe nach Erbarmen,
daraufhin feuerten die Milizen mit ihren Waffen auf die Zuschauer.

Dein Leichentuch wollte nicht weiß bleiben, Aisha.
Nur die Konturen Deines jungen Körpers schienen hindurch,
Dein Schädel war ein kalter zerborstener Scheiterhaufen.

Wie eine Puppe wurdest Du wieder in das Loch gesteckt.
Erneut flogen die Steine auf Deinen nun lautlosen Kopf,
der wie ein festgefrorener Ball hin und her schwankte, bis er zerbarst.
Die kleinen Trümmer lagen zerschmettert da, getunkt in hellem Blut,
beklebt mit der Mischung aus gelblicher Gehirnmasse und Staub.
Manche Fleischstücke deuteten noch ihren Ursprung an,
ein Augapfel war rund geblieben, im Kiefer steckten noch Zähne.
Dein zerfetztes Antlitz war keine furchtverbreitende Fratze des Todes,
es war nur ein Ding, eine Sache, von der die meisten dachten,
überzeugt waren, dass sie gemacht werden musste.
Die Sharia ist das Maß aller Dinge, der Imam hatte in deren Namen
Recht gesprochen, Steinigung blieb die gerechte Strafe.
Doch die Schüsse der Milizen trafen auch einen kleinen Jungen,
sein Vater hatte ihn zur Anschauung der Gebräuche mitgenommen.
Erst acht Jahre alt, wurde er verletzt und verblutete an Ort und Stelle.
Gleichzeitig mit Dir hatte er diese Welt verlassen müssen.
Für seinen Tod fanden die Islamisten große Worte der Reue,
ein wirklich unbeabsichtigtes und bedauerliches Versehen,
das passieren könne bei so einem bewegenden Ereignis.
Für Dich hatten sie kein einziges Wort übrig.

Dein Tod lässt die Säulen des Islam einstürzen, Aisha.
Kein Glaube ist beständig bedeutsam mit Händen voll von Blut,
Wozu kam der Prophet, wenn weiterhin getötet wird.

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