„Change“

Von ständigen Wiederholungen halte ich nicht viel, das erinnert mich zu sehr an Gehirnwäsche. Doch es wurde langsam Zeit, dass die inzwischen nervenden Parolen: „Yes, we can“ und „Change“ endlich den Zielpunkt erreicht haben. Natürlich war ich für Barack Obama, gar keine Frage, sein Herz scheint links zu schlagen, seine Worte richten sich ehrlich an wirklich jeden. Und was für ein faszinierend besonnener Hoffnungsträger, der rhetorisch äußerst brillant ist, der den Traum von Gerechtigkeit und Gleichstellung verkörpert.

Einen Wandel hat das Land auch bitter nötig, tiefer kann man ja politisch kaum sinken.

Und ich erinnere mich noch gut an die beiden letzten Wahlen, die Bush gewonnen hat, und die mich noch Wochen danach depressiv gemacht hatten. Völlig erschüttert und fassungslos über das geistesschwache Verhalten der Amerikaner saß ich damals in meiner dunklen Wohnung und habe nur noch heulen können.

Gestern nun hatte ich gewisse Bedenken, ob Obama es überhaupt schafft, meine Skepsis war zu stark von Misstrauen geprägt. Als nachts dann die ersten Bundesstaaten wählten und die Ergebnisse gesendet wurden, ging ich überstürzt ins Bett. Ich konnte es einerseits nicht aushalten, andererseits wollte ich früh aufstehen und zu einem amerikanischen Frühstück gehen und die Auszählung und das Endergebnis dann live sehen. Ich hatte mir fest vorgenommen, vor sechs Uhr aufzustehen, schließlich war es eine besondere Situation und die Wahl Obamas durchaus möglich. Aber ich wollte auf gar keinen Fall gehen, wenn McCain gewonnen hätte. So stellte ich meinen Radiowecker und machte mein Vorhaben von den Informationen abhängig.

Ich schlief schnell ein, sehr bald ging der Wecker an, der Sender war verstellt, ich hörte Unerwartetes, Musik und dann den Satz: „Obama hat die Wahl gewonnen“, wieder Musik, einen Song: „Stop me! Stop this change, I still love you!“. Ich merkte, dass es sich nicht um den Deutschlandfunk handeln kann, und ich suchte nach diesem Sender. Dort wurde bestätigt, dass Obama die Wahl wirklich gewonnen hat. Ich sollte doch mich freuen, dachte ich, aber ich war zu müde und etwas hinderte mich, überhaupt aufzustehen. Nebenbei hörte ich Beiträge über Obama und Ausschnitte aus seinen Reden. Ich konnte einfach nicht aufstehen, und ich war irgendwie nicht fröhlich, was ich überhaupt nicht verstand. Und so blieb ich liegen, solange bis es draußen wieder dunkel wurde, es war nun schon vier Uhr nachmittags.

Endlich quälte ich mich aus dem Bett, sofort machte ich den Fernseher an. Dort sah ich jubelnde, glückliche Menschen, und ich war sehr berührt von dieser Begeisterung. Obamas Siegerrede war ungewöhnlich ernst, ein enormer Druck lastete auf ihm. Mich nervte wie so oft das fortwährende Pochen auf den „Amerikanischen Traum“. Was bedeutet er, wenn man nur für sich selbst Reichtum und Erfolg hat, und nur darum ging es, jeder kann es schaffen, aber die anderen bleiben auf der Strecke, selbst Schuld, wenn die nicht hart genug arbeiten. Und dieser merkwürdige Patriotismus, dass Amerika so großartig sein soll, ist auch ziemlich dämlich, so einen Stolz auf ein Land kann ich nicht nachvollziehen, ebenso nicht die geglaubte singuläre Nabelschnur mit dem lieben Gott. Aber dieser messianische Anspruch auf alles hat leider immense Folgen. Wenn wenigstens nur der eigene Staat bankrott wäre, aber die Auswirkungen auf den Rest der Welt sind nun wirklich prekär. Schlimmer noch ist der Krieg gegen den Terror und die Verbreitung von Angst, die ganze Welt ist aus den Fugen geraten. Die Folgen der Bush-Regierung sind absolut verheerend, darüber herrscht ja auch allgemein Konsens. Ob nun Obama kam, sie wieder zu einzurichten, oder ob er an der Aufgabe verzweifeln muss, wenn er glaubwürdig und moralisch integer handeln will, wer weiß. Heikel jedoch ist die Irrationalität des Ganzen, er wird durch das Wunschdenken seiner Wähler zu einem Übermenschen konstruiert, er soll alles für sie lösen, dafür schenken sie ihm im Voraus ihre Bewunderung.

Es ist wohl unmöglich, einen Wandel auf die Schnelle zu erreichen. Die Staatskassen sind zu leer für die Erfüllung seiner innenpolitischen Versprechungen, und die globale Finanzkrise wiegt zu schwer. Auch die Todesstrafe wird er nicht abschaffen. Die Kriege wird er nicht beenden können, zu tief ist die Politik darin verstrickt, das Feindbild Osama bin Laden bestimmt weiterhin den Fokus, und zu welchen Konditionen wird Obama neue Bündnisse schmieden wollen. Ob Guantanamo geschlossen wird, ist auch so eine Frage. Was ist mit den beschädigten Bürgerrechten, dem Völkerrecht und dem Ansehen des Westens und Amerikas weltweit und mit der notwendigen Funktion der UNO und der sorgsamen Wahrung einer Balance der unterschiedlichen Kulturen. Und dann ist da noch der Klimaschutz, allesamt riesige Gebirge voll von Problemen.

Vereinen und Versöhnen ist Obamas Ziel, wie er sagt, die Gemeinsamkeiten suchen und finden, das klingt positiv, aber es bleibt wahrscheinlich begrenzt auf die Bedingungen der eigenen Gesellschaft, die Betonung liegt auf den Vereinigten Staaten. Für jeden Menschen ein würdevolles Leben in Freiheit mit einem Maß an Sicherheit und Wohlstand, ausnahmslos für jeden, eine so gute und einfache Idee von Gerechtigkeit, doch zu viele wollen sie aus eigennützigen Gründen nicht realisieren. Eine neue Ära der Geschichte wird sicher nicht eintreten, die Grenzen der Macht wird Obama bald spüren. Und er muss dann auch die schreckliche Verantwortung tragen, wenn seine Soldaten auf dem Schlachtfeld fallen, wenn in den Kämpfen Unschuldige ihr Leben verlieren, und genauso die Schuld, wenn er den Frieden nicht zu wahren versteht.

Heute jedoch überwiegt die Freude in vielen Regionen der Erde. Ich schaue gebannt auf den Fernseher. Obama berührt die Seelen, er hat ein wahrhaft ikonenhaftes Gesicht und fast die Ausstrahlung eines Erlösers. Die amerikanisch christliche Heilserwartung ist mir zutiefst suspekt, doch es bündeln sich nun mal alle Erwartungen und Projektionen in dieser einen Person, ein seltsames Zeichen der Zeit. Trotz meiner skeptischen Überlegungen möchte ich mich unbedingt freuen, der erste Schritt in eine bessere Welt scheint gemacht. Obama wird viel bewegen können, die Leute lieben ihn, sie setzen auf ihn, sie hängen an seinen Lippen. Er verkörpert die ganze Hoffnung, eine Lichtgestalt, die überallhin strahlt und Kraft und die Energie des Aufbruchs verströmt.

Die Zeit vergeht rasch, ich wollte heute eigentlich abends zu einem Vortrag gehen, der sich mit den US-Wahlen beschäftigt, aber ich werde merkwürdigerweise immer trauriger. Diese unermessliche Hoffnung, die sich durch einen einzigen Menschen ausdrückt, ist so zerbrechlich. Und was passiert, wenn sie zerbricht, die Träume und das Vertrauen der Menschen wären für eine lange Zeit zerstört. Es würde sich vieles zum Negativen ändern, wir wären womöglich beinahe verloren.

Ich bin nicht wirklich froh, obwohl ich mir so sehr gewünscht habe, dass Obama gewinnt. Meine Gedanken werden zunehmend düsterer. Ich will heute auch nirgendwo hingehen, ich bleibe vor dem Fernseher sitzen und weine den ganzen Abend, es sind keine Tränen der Erleichterung.

Weshalb genau ich weine, das will ich gar nicht wissen.

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