Prägung

Wie der Krieg aussieht, hatte ich heimlich im Fernsehen angeschaut. Ich war vor nicht allzu langer Zeit eingeschult worden und musste mich dort mit Buchstaben und Zahlen beschäftigen. Nun sah ich die Bomben fallen, die Häuser, Straßen und Menschen brennen, diese schrien vor Schmerz, einige rannten, andere waren schon halb verkohlt, aber noch am Leben und röchelten. Gerade ein paar Minuten hielt ich das erschütternde Geschehen aus, dann schaltete ich ab. Aber ich wusste, es war die Wirklichkeit, vom Krieg hatte ich schon oft gehört. Aber wie genau er sich zeigte, das war mir neu. So viel Grausamkeiten lösten in mir eine unbeschreibliche Angst aus und zwar ganz real, denn in der folgenden Nacht träumte ich, dass unweit von dem Haus in dem ich wohnte, der Straußberger Platz durch Bomben getroffen in Flammen aufging. Ich selbst war ganz in der Nähe und sah die Häuser zusammenfallen. Das Feuer war so heiß und grell, dass ich das Gefühl hatte, meine Haut würde abgezogen. Mein Impuls war nur weglaufen, aber zu keinem einzigen Schritt war ich fähig, wie angewurzelt blieb ich stehen und eine Walze aus brennendem Schutt kam langsam auf mich zu. Dann erwachte ich schweißgebadet und allein, meine Mutter war wie so oft nicht da, sie würde mir sowieso nicht glauben. So lag ich hellwach im Dunkeln auf meiner unbequemen Liege und wartete, bis sie endlich nach Hause kam. Auf keinen Fall wollte ich einschlafen, zu unsicher war das Terrain der Nacht. Schließlich hörte ich das Geräusch eines Schlüssels, das Licht ging an und durch meine Tür, die mit mattem Glas eine Art Fenster hatte, sah ich den orangefarbenen Flur. Er loderte wie das Feuer und mir wurde Bange zumute. Es gab keine Sicherheit mehr, der Krieg lauert überall.

Ich freute mich nicht auf mein Leben, das noch vor mir lag. Immer wieder träumte ich diesen Traum von dem Bombardement meines Viertels und dem Flammenmeer, das auf mich zukam. Ich konnte mich unmöglich jemandem anvertrauen, zu entsetzlich waren diese Bilder. Aber langsam wurden sie schwächer, bis zu jenem Zeitpunkt ein paar Jahre später, als wir in der Schule eine Geschichte über Hiroschima lesen mussten.

Es begann mit der Beschreibung eines schönen blauen Morgens, die Kinder freuten sich auf die Schule, die Erwachsenen auf ihre Arbeit. Kein Lufthauch trübte den klaren Himmel, es schien ein wunderbarer Sommertag zu werden. Dann flog ein einsames Flugzeug ganz weit oben über der Stadt, niemand wunderte sich darüber, der Alltag wurde fortgesetzt. Und plötzlich gab es einen enormen Lichtblitz, unglaubliche Hitze und eine gigantische Druckwelle kamen über die Bewohner, die Stadt hielt ihren Lebensatem an, alles ging sehr schnell. In Sekunden war der Ort ein Trümmerfeld geworden, überall lagen Leichen herum, verstümmelt, das Fleisch bis auf die Knochen verglüht, grausige Grimassen starrten aus den Totenschädeln. In der Nähe des Explosionszentrums waren teilweise nur noch die Schatten von Menschen zu sehen, eingebrannt auf den hellen Steinen. Unter anderem war eine Mutter mit ihrem Kind zu erkennen, sie hielten sich an ihren Händen. Überlebende geisterten durch die Ruinen, ihre Haut mischte sich mit ihren Kleidern oder hing in Fetzen herunter. Schnell kamen die Fliegen und ihre Larven nisteten sich in das rohe Fleisch ein, in dem es bald voller weißer Maden wimmelte. Die Menschen ertrugen es irgendwie.

Ich lernte, dass es sich um den Abwurf einer Atombombe gehandelt hatte und die Folgen bestürzten mich derart, dass ich noch Jahre danach bei jedem einsamen Flugzeug am Himmel zusammenzuckte.

Kurze Zeit später lasen wir im Lesebuch der Schule eine Geschichte über Lenin. Es ging darum, dass er einen Berg besteigen wollte, der war aber ein ziemlich gefährlicher Riese, es gab Steinschlag beim Aufstieg und der Weg war äußerst schmal. An der einen Seite ging es steil aufwärts, an der anderen gnadenlos abwärts in die Tiefe. Lenin jedoch hatte sich vorgenommen diesen Berg zu besteigen, seine Begleiter waren sehr besorgt. Sie schafften es schließlich auf den Gipfel mit einer atemberaubenden Aussicht. Nur kurz währte dieser lohnende Augenblick, sie mussten noch vor Sonnenuntergang den Abstieg schaffen. Lenins Begleiter kannten noch einen anderen, weniger gefährlichen Pfad nach unten und versuchten, Lenin zu überzeugen diesen Pfad zu gehen, seiner Sicherheit wegen, da er doch eine so bedeutende Person sei. Lenin jedoch erklärte weise, er würde den selben Weg wieder zurückgehen, auch wenn er noch so gefährlich sei.

Man sollte nie die einfache Lösung wählen, um an die Spitze zu gelangen und die steinige Spur dorthin mit allen Mühen auch wieder zurückgehen können. Und alle erreichten vor Anbruch der Dunkelheit sicher und erlöst ihren Ausgangspunkt.

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