Konvivenz

Da alle Religionsstifter nur Menschen waren, haben sie ein dementsprechend widersprüchliches Leben gelebt, waren mit Schwächen und Fehlern behaftet und ihrer eigenen Not gefangen. Sie waren liebevoll, wütend, kämpferisch und versöhnend und voller Verzweiflung, angesichts der Ungerechtigkeit und des Elends in der Welt, die ein jeder zu ertragen hat. Eine Welt mit uns und durch uns, voller Unverständnis, voller Verwirrung, Leiden und Leidenschaft, aber auch voll von Liebe und Hingabe.

Die Angst vor dem Tod trieb so manchen Menschen in den Wahn, unerträglich schien die Ungewissheit, der mögliche Sturz ins Leere hinein. Nur die Worte der weisen Männer und Frauen schafften es, die Sinnlosigkeit zu überbrücken. Geschriebene und gesprochene Geborgenheit und Beistand, aber auch eine Fülle an Grausamkeiten liegen in den Heiligen Schriften und somit alle Missverständnisse, weil wir von den Worten Eindeutigkeit verlangen. Unsere Erkenntnis ist jedoch nur geprägt durch das, was wir verstehen können, wir sehen und begreifen mit weltlichen Augen und Verstand. Schwer zu fassen sind die Bedeutungen, die immer auch ihr Gegenteil enthalten können. Ein Gott ist nicht verfügbar, seine Schriften nicht vollkommen einsichtig und so vielschichtig wie alles, was uns umgibt und was wir in uns tragen. Mag es Gottes Wort sein, wer sind wir, dass wir meinen, es wirklich verstehen zu denken.

Ein Gott kann kann alles und nichts sein, einer und mehrere, ein Sohn, eine Tochter, ein Tier, ein Ding. Es ist sein Geheimnis, das nichts von uns verlangt. Nie war ein Opfer für die Erlösung nötig, wir haben es als ein solches begriffen, es war unsere Entscheidung, aus Schuld und Sehnsucht geboren. Die Gottesfurcht ist im Grunde die Furcht vor uns selbst und die Hölle ein Fegefeuer unserer eigenen Überzeugungen. Es gibt keine Ungläubigen, auch wer nicht an eine höhere Struktur glaubt, glaubt letztendlich auch daran. Wer darf jemanden verurteilen für etwas, das außerhalb unseres Erfassens liegt und auch das, was innerhalb liegt.

Wenn wir unseren Geist wirklich nutzen, brauchen wir keine Angst zu haben. Wir müssen auch keine jenseitige Strafe für unsere Irrtümer erleiden, kein Jüngstes Gericht wird uns ahnden. Für jeden gibt es Hoffnung, jeder wird Gnade erfahren, was auch immer er getan hat. Das mag ungerecht erscheinen, weil wir meinen, dass es einen Lohn oder einen Tadel für unser Handeln geben muss. Hass und Verbrechen sind kein Richtmaß, sie werden wie alles andere nicht mit Zorn beantwortet, denn es existiert ein zeitloses Vergeben.

Die Trauer über Verlust und Schmerz bleibt bestehen, auch die Frage nach dem Sinn. Den Propheten war dieser Abgrund genauso bewusst wie ihre eigene diesseitige Endlichkeit, so auch die Begrenztheit unserer Interpretation ihrer Sätze. Diese Tragik ist dem menschlichem Dasein in seiner Entlassung in die Freiheit innewohnend und auch durch jeglichen Glauben nicht zu überwinden. Wir sterben vielleicht auch deshalb, um zu lernen uns selbst und anderen verzeihen zu können, in die Ewigkeit hinein.

Als Geschenk haben wir die unterschiedlichen Formen der Glaubens erhalten, für eine jeweilige Orientierung, um einander zu respektieren und Anknüpfungspunkte zu finden. Der gemeinsame Dialog ist der Weg in die Freude der Verständigung, ein Gespräch von Gewissheit zu Gewissheit, eine Differenz, die nicht aufzulösen ist. Es bleiben durch unsere Identifikation mit den Mythen nebeneinander stehende Polaritäten. Es steht uns nicht zu, diese Verschiedenheiten zu vereinheitlichen, wir sollten sie miteinander feiern.

Die Überschneidungen aller Lehren führen jedoch zu einer Kernaussage. Das Gebot der Liebe und der Selbstachtung. Mit diesem Vertrauen sind wir ausgestattet und der Begabung, uns selbst Regeln zu geben, jedes Menschenleben als schützenswert zu betrachten und zwar immer ganz konkret. Ein Wunschtraum, eine Utopie und eine Religion sind nur maßgebend, wenn sie jedem Menschen seine Andersartigkeit mit Friedfertigkeit zugestehen, ihn mit Würde akzeptieren und sich nicht einer bestimmend über den anderen stellt.

Wir müssen uns auf uns selbst verlassen können, dann sind wir nicht verlassen.

Alle Gewalt kann enden, wir sind dafür beseelt, das zu erreichen.

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