Olympia 2008, der Olymp trauert

War es eine gute Entscheidung, dieses Sportfest nach China zu delegieren.

Eine Welt, ein Traum. So das Motto.

Und es war wohl nur ein Traum, dass sich das Riesenreich China innerhalb weniger Jahre vollkommen wandeln würde. Wirklich gewandelt hat sich nur die äußere Hülle, Wolkenkratzer, die Infrastruktur und der Abriss der alten Häuser in den Zentren der Metropolen. Peking und die anderen Städte sind gesichtslos geworden, schnell, voller Autos und Smog. Alle rennen wie fast überall dem großen Geld hinterher. Die Jugend ist dem Konsumrausch und teilweise der Internetsucht verfallen. Immer noch hat die Kommunistische Partei die Alleinherrschaft und die setzt sie nach wie vor rigide durch. Kritiker dieses Regimes haben es schwer, sie werden überwacht, verfolgt, schikaniert und sie dürfen nicht mit der ausländischen Presse sprechen. Mehr als 25 Journalisten und Internet-Blogger wurden seit Anfang des Jahres verhaftet. Es herrscht Zensur, die Medien werden gezielt kontrolliert, das Internet durch ein gigantisches Filtersystem und mit Hilfe der Cyber-Polizei ebenfalls. Unrühmlich dabei ist die Rolle von Yahoo und Google, die sich diesen Maßnahmen beugen und auch mit den Behörden kollaborierend Adressen preisgaben, so dass einige kritische Stimmen hinter Gitter landeten.

Bürgerrechtler werden in Gefängnisse und Umerziehungslager gesperrt, weil sie die Rechte der einfachen Leute vertraten oder auf die katastrophale Umweltverschmutzung aufmerksam machten, verseuchte Seen, Flüsse, die verdreckte Lebensader, den Jangze, oder auch die enorme Ausbreitung von Aids durch das Benutzen von immer den selben Nadeln in Krankenhäusern. Man wirft ihnen Verrat von Staatsgeheimnissen, Untergrabung der Moral und Anstiftung zur Subversion vor. Frauen, die es gewagt hatten ein zweites Mal schwanger zu werden, mussten abtreiben oder hohe Strafen in Kauf nehmen.

In den Fabriken herrschen oft unmenschliche Arbeitsbedingungen ohne eine Absicherung durch ein Gesundheitssystem. Millionen von Wanderabeitern schuften für wenig Geld für das Anwachsen der Städte. Es gibt Zwangsarbeit, Menschen werden verschleppt und illegal beschäftigt, eine Schinderei oft auch ohne Bezahlung, ein regelrechter Sklavenhandel, selbst Minderjährige werden dazu gezwungen. Kinder verschwinden, werden ausgebeutet. Frauen werden entführt und verkauft, weil Männer in der Überzahl sind, da weibliche Föten durch die angebliche Minderwertigkeit der Frau oft abgetötet werden.

Auf dem Land haben die korrupten Behörden das Sagen. Ganze Familien mussten ihr Hab und Gut verlassen und wurden ohne Entschädigungen zwangsumgesiedelt. Bestechungen und Erpressungen sind an der Tagesordnung, die Mafia und die Polizei sind eng miteinander verflochten. Die Verbrechen werden vertuscht, die lokalen Kader verlangen rechtswidrige Abgaben und schicken ihre Schlägertruppen. Die Armut auf dem rückständigen Land ist immens, die Bauern sind hilflos und ohnmächtig gegenüber der Habgier der lokalen Funktionäre und müssen Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit erdulden.

Diejenigen, die in die Städte gehen mit der Hoffnung auf Wohlstand, lernen dort den schmutzigen Überlebenskampf und unwürdige Zustände kennen. Maßlose Enttäuschung macht sich breit, sie landen häufig in der Obdachlosigkeit, die Hochglanzfassaden vor Augen. Die Kriminalität und die Drogendelikte steigen, vor den Städten wachsen die Müllberge.

Auch der harmonische Ethno-Park hat sich als Illusion erwiesen, die 55 Minderheiten in China werden wirtschaftlich benachteiligt, ihre Kultur, ihre Religion und ihre Sprache sind bedroht. Der letzte Aufstand der Tibeter war nur ein Zeichen einer langen Unterdrückung, die nicht nur sie zu erleiden haben. Auch die Uiguren und andere muslimische Völker sind Beispiele für die rücksichtslose Dominanz der Han-Chinesen.

Tausende sitzen in den Todeszellen. Für 68 Tatbestände kann man hingerichtet werden. Die Zahlen der Hinrichtungen hält die Regierung allerdings geheim, aber China hält den traurigen Rekord und verhängt ungefähr ein Drittel aller Todesurteile weltweit.

Um das eigene Image aufzubessern, wurde das letzte Erdbeben als eine Art Ablenkungsmanöver clever genutzt. Man ließ sogar ohne zu zögern ausländische Hilfe zu. Und man erschuf das Trugbild, dass die Herrschenden ihr Volk wirklich ernst nehmen und sich kümmern. In Wahrheit sitzt den Machthabern die Angst im Nacken, dieser Staat ist alles andere als stabil. Schon immer gingen die Revolutionen vom Lande aus. Und was würde passieren, wenn die Millionen Wanderarbeiter und Landlosen aufsässig werden, wenn die Benachteiligten nicht mehr mitspielen. Außerdem kommt es andauernd zu zahllosen, nicht unerheblichen Aufständen von Bauern, die die Willkür und Grausamkeit der Behörden nicht mehr hinnehmen wollen. Nicht nur, weil sie drangsaliert werden und nach wie vor in bitterer Armut leben müssen, ihr Land ist verseucht, die Flüsse vergiftet, oft müssen sie ihren Ackerboden aufgeben, weil sich die Industrie darauf breit macht. Immer mehr landschaftliche Nutzfläche verschwindet und um die Erträge zu steigern, weil die Nachfrage stetig wächst, werden Unmengen an Pestiziden verwendet. Umweltschutz wird nicht belohnt, nur das Anwachsen der Wirtschaft und das um jeden Preis. Die Wüste breitet sich aus, das Wasser wird knapp, Sandstürme sind die Folge. Und die tiefen Narben des Hungers sind noch nicht verheilt, an vielen Orten blutet diese Wunde weiter. Ein Erbe Maos war die strikte Trennung zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung und die Bauern sind vom Wirtschaftsboom abgekoppelt.

Die sozialen Gegensätze, diese tiefe Kluft zwischen arm und reich ist unübersehbar und entwickelt sich ins Uferlose. Nicht nur die Parteikader haben für sich Luxus angehäuft, auch eine neue privilegierte Klasse hat sich gebildet, die sich in ihrem Besitztum abschottet. Strenge Erziehungsmaßnahmen und regelrechter Drill machen die Schulen zu Lernfabriken, um mit dem Leistungsdruck auf die Kinder den Ehrgeiz der Eltern zu befriedigen. China soll Weltspitze werden, die linientreue Propaganda zeigt ihre Wirkung. Dabei gibt es noch mehr als einhundert Millionen Analphabeten. Diese eklatanten Widersprüche auszubalancieren, ist auf Dauer wohl kaum zu bewältigen. Auch deshalb startet die Staatsmacht immer wieder Medienkampagnen, entwirft einen Modellmenschen, der für das Wohl aller ein Opfer bringt.

Und die chinesische Regierung politisiert die Spiele, um den Nationalstolz zu schüren für den Zweck der Legitimierung ihrer despotischen Herrschaft. Der Patriotismus ist wieder hoch im Kurs, fast hat er den Kommunismus als Staatsideologie abgelöst. Vor allem die Jugend schwimmt auf dieser Welle. Man erinnert sich an die eigene glorreiche Geschichte, die alte traditionelle Kultur und wie die Einheit des Reiches der Mitte mit viel Blutvergießen gelang, aber auch an die Demütigungen durch die Kolonialmächte seit dem Opiumkrieg. Eine Besinnung auf die eigenen Werte wird propagiert, nur welche. Denn auch die Folgen der verheerenden Kulturrevolution bestimmen die heutige Einstellung, die Härte gegen sich selbst und auch die Scham darüber. Nur Schuld und die Aufarbeitung dieser gnadenlosen Vergangenheit sind so gut wie kein Thema. Außerdem sind viele junge Leute traumatisiert durch das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Es ist ein eisernes Tabu, das sie umklammert. Sie landen in einer Identitätsfalle, die sie durch Projektion so anfällig macht für das neue Nationalgefühl. Viele halten aber auch den Westen mitschuldig für so manche Fehlentwicklungen. Sie wollen sich von außerhalb nichts mehr sagen lassen und sie kümmern sich leider nicht genug um die Menschenrechte in ihrem Land. Verdrängung scheint der einfachere Weg zu sein und schnell Karriere machen ist das Ziel. Doch die Welt macht nicht Halt vor den Grenzen, langsam sickert ein neues Verständnis durch, die Hoffnung auf Demokratie. Informationen fließen überwiegend durch die vielen Studenten, die im Ausland studieren. Trotzdem leben Dissidenten und ihre Anwälte weiterhin sehr gefährlich.

Dass die Kommunistische Führung ein nervöses Sicherheitsbedürfnis hat, zeigt sich auch an dem großen Aufgebot von Polizei und Militär in Peking. Wie in einem Ausnahmezustand patrouillieren die Soldaten mit Maschinengewehren und kugelsicheren Westen in den Straßen. Rund Hunderttausend Antiterrorexperten sind im Einsatz und Zehntausende von Spezialkräften. Diese Operation trägt auch noch den sinnreichen Namen: Große Mauer. Die Staatssicherheit fährt mit teuren deutschen Autos mit abgedunkelten Scheiben, um eventuelle Gegner auszuspionieren und zu überwachen, zudem gibt es in Peking 300 000 Überwachungskameras. Der Erfolgszwang ist sehr hoch, die Sicherheit der wichtigste Gradmesser für das Gelingen der Spiele. Und der nationale Volkskongress glaubt damit den Schein wahren zu können, die Welt mit offenen Armen zu beglücken.

Da die Wirtschaft so rasant wächst, ist das Interesse der westlichen Welt kaum zu bändigen, ihre Investitionen florieren, das Geschäft boomt, der Gigant China ist ein Global Player geworden. Die fragwürdigen Waffenexporte Chinas in Länder wie Iran, Myanmar, Sudan, Kongo oder in andere desolate afrikanische Staaten werden tunlichst ignoriert. Und so fahren sie doch zur Eröffnungsfeier, die Politiker aus aller Welt, ungeachtet der brutalen Niederschlagung der Aufstände der Tibeter und der Folter in den Gefängnissen, der Entmündigung und Verhaftungen von Menschenrechtlern, der Gewalt und den fortwährenden Säuberungsaktionen und der mangelnden Transparenz der staatlichen autoritären Strukturen.

Das Versprechen, als Peking die Spiele zugesprochen bekam, die Menschenrechte zu achten und sich auf diese Weise dem Westen zu öffnen, wurde definitiv nicht eingehalten. Die Mißstände werden lieber unter den Teppich gekehrt, denn schließlich wollen alle feiern.

Die Flamme der Harmonie wird hochgehalten im Namen der Freundschaft, des Friedens und der Freiheit. Das Regime sieht mit diesem Prestigeprojekt seine Chance, endlich vollständig akzeptiert zu werden. Und so sollen diese Spiele den ungetrübten Frohsinn der Völker vortäuschen.

Eine Welt, ein Alptraum.

Es war keine weise Entscheidung, das Sportfest nach China zu verfrachten.

Die Götter sind ratlos.

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