Das Iapetus-Prinzip

Iapetus ist ein kleiner Mond des Saturn, ein Ball aus Gestein und Eis, der Form einer Walnuss ähnlich. Seine Besonderheit besteht darin, dass er eine ungewöhnliche Farbstruktur aufweist. Er ist schwarz-weiß. Die in Bewegungsrichtung zeigende Hemisphäre ist dunkel wie Kohle, die andere ist hell wie frisch gefallener Schnee.

Benannt wurde er nach dem Titan Iapetos aus der griechischen Mythologie, ein Sohn von Gaia, der Erde in Göttergestalt und von Uranos, dem Himmel in Göttergestalt. Iapetos selbst wurde in die lichtlosen Tiefen des Tartaros, einen Teil der Unterwelt verbannt, weil er gegen das Göttergeschlecht aufbegehrt hatte. Er zeugte vier Kinder. Atlas, der dazu verdammt wurde, der Träger des Himmelsgewölbes zu sein. Den überheblichen Krieger Menoitios, auf den Zeus ein Blitz schleuderte und ihn zu einer missgestalteten Figur machte. Prometheus, der Vorausdenkende, der ein Menschenfreund war und ihnen das Feuer und die Kultur brachte. Und Epimetheus, der danach Denkende, der ein Geschenk der Götter gegen den Rat seines Bruders Prometheus annahm, die künstliche wunderschöne Frau Pandora, die als Strafe dafür, dass Prometheus den Menschen das Feuer brachte, die Büchse der Pandora öffnete und Krankheiten und Leid über die Menschheit brachte. Nur die Hoffnung konnte als einzig positive Gabe entweichen. So sehr war das Schicksal der Söhne mit dem Schicksal der Menschen verwoben, sie brachten Heil und Unheil zugleich, genau jenes, welches das Leben in seiner Komplexität ausmacht.

Als nun der Saturn-Mond Iapetus 1671 von Giovanni Cassini entdeckt und 1847 von John Herschel mit diesem Namen ausgestattet wurde, konnte noch keiner ahnen, wie außergewöhnlich und einzigartig dieser Mond mit seiner schwarz-weißen Färbung ist.

Das Denk-Prinzip in Schwarz-Weiß nenne ich das Iapetus-Prinzip.

Ein Denken, das die Dinge vereinfacht, sie reduziert auf ein Maß der eigenen erträglichen oder beabsichtigten Realität, in ein Freund-Feind-Schema, in ein Für und Wider, in Gut und Böse. Aus dieser Simplifikation rekrutieren sich Kriege, Massaker, Vertreibung, Folter und Blutvergießen, wer nicht für uns ist, ist gegen uns, oder auch die Achse der Bösen. Diese oft messianisch betriebene Dynamik kann sich zu einem zerstörerischen Selbstläufer entwickeln, der nur schwer aufzuhalten ist und zu dessen Geiseln wir werden. Erst dadurch wird der Terror ein wirklicher Terror, wenn man ihm jedes Verständnis und seine oft begreiflichen Ursachen abspricht.

Grausamkeit und Verachtung entstehen größtenteils durch das Verurteilen eines anderen Menschen, der seine eigene Version der Wirklichkeit hat. Den Anspruch auf die Wahrheit scheint jeder für sich gepachtet zu haben, sicherlich aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zumal ist da das Streben nach Macht und Geltung, auch die Habgier oder die schlichte Angst vor der Kompliziertheit des Lebens. Die Suche nach Rechtfertigungen verlangt nach berechenbarer Klarheit, dort, wo es sie eigentlich nicht gibt. Zu verstrickt sind die natürlichen Zusammenhänge, die uns auf Erden miteinander verbinden und uns voneinander abhängig machen.

Und doch gibt es eine unmissverständliche Plausibilität. Die, den Frieden, die Freiheit und die Menschlichkeit zu wahren, miteinander zu reden und die verschiedenen Standpunkte zu akzeptieren und versöhnliche, umsichtige Kompromisse zu finden. Dafür sollte man die tatsächliche Vielfältigkeit und die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten anerkennen und auch der Rationalität wieder mehr Gewicht geben. Sich nicht nur auf einen Gott berufen oder eine Einteilung in Gläubige und Ungläubige vornehmen, sondern sich auf die Vernunft verlassen, die uns lehrt, dass jeder Einzelne eine menschliche Würde besitzt. Und diese Würde genau so dem Anderen zusprechen und das unter allen Umständen.

Interessanterweise setzt sich die digitalisierte Welt auch aus nur zwei Komponenten zusammen. Sie gaukelt uns ein Blendwerk vor, ähnlich dem Licht des Mondes, der das fremde Sonnenleuchten als sein eigenes reflektiert. Wir kreieren uns einen Schein, den wir als unseren Spiegel zu steuern glauben. Weil wir alle das Gefühl brauchen, unser Schicksal unter Kontrolle zu wissen, eine Sicherheit, mit der sich unsere Sehnsucht nach Sinn verknüpft. Das verführt uns zu Auffassungen, die auch die Widersprüche verdrängen, obwohl diese in jedem verankert sind, und uns leider allzu oft zu Fanatikern für eine Wahrheit prädestinieren kann.

Aber die Wahrheit ist nicht alles, was unsere Welt ausmacht, die Wahrheit ist mehr als ihre Beweise, auch wenn unsere Beweise exakte Grenzen bestimmen können, so bleiben sie doch unvollständig. Die Welt besteht aus mehr als der Wahrheit. Unser Tun hat stets Folgen, nur diese sind nicht immer absehbar, manchmal kann eine gute Absicht etwas Verheerendes schaffen und umgekehrt, denn auch der Zufall fordert sein Recht.

Wer die Welt für von uns errettbar oder zerstörbar hält, denkt, sie auch beherrschen zu können.

In unserem tiefsten Inneren wissen wir, dass wir eigentlich genau dies nicht können. Noch nicht einmal uns selbst vermögen wir vollständig zu beherrschen. Aber wir sind in der Lage, uns bewusst unserer eigenen Weisheit anzunähern, die der grundlegende Baustein unserer Existenz ist. Selbsterkenntnis und somit Selbstbestimmung bringen uns dazu, Verantwortung zu übernehmen. Verhandlung mit Augenmaß auf der kommunikativen Ebene lassen uns einen lebenswerten Konsens schaffen, eine tragfeste Aufrichtigkeit des Verstehens.

Schwarz-Weiß-Denken ist das Gegenteil von Verstehen. Auch wenn das Verstehen manchmal schwer fällt, so geleitet es uns über den Abgrund der Vergeblichkeit.

Das Mond Iapetus ist kalt und leblos und die Erde in ihrer Vielfalt und Schönheit ein pulsierender, lebendiger Himmelskörper. Der Titan Iapetos ist im Schattenreich eingekerkert. Wir aber wollen nicht in einem Reich leben, in dem uns unsere Schablonen unser Dasein verdunkeln. Und Iapetos brachte uns durch seine Kinder das Feuer, die Zivilisation, das Scheitern, die Verzweiflung, die Anmaßung, die Stabilität, die Geistesbildung, den Schmerz und die Hoffnung.

Das Iapetus-Prinzip aber macht uns blind, schuldig und verloren. Wir träumen doch auch in Farbe.

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