Archive for Juli 2008

Konvivenz

Juli 19, 2008

Da alle Religionsstifter nur Menschen waren, haben sie ein dementsprechend widersprüchliches Leben gelebt, waren mit Schwächen und Fehlern behaftet und ihrer eigenen Not gefangen. Sie waren liebevoll, wütend, kämpferisch und versöhnend und voller Verzweiflung, angesichts der Ungerechtigkeit und des Elends in der Welt, die ein jeder zu ertragen hat. Eine Welt mit uns und durch uns, voller Unverständnis, voller Verwirrung, Leiden und Leidenschaft, aber auch voll von Liebe und Hingabe.

Die Angst vor dem Tod trieb so manchen Menschen in den Wahn, unerträglich schien die Ungewissheit, der mögliche Sturz ins Leere hinein. Nur die Worte der weisen Männer und Frauen schafften es, die Sinnlosigkeit zu überbrücken. Geschriebene und gesprochene Geborgenheit und Beistand, aber auch eine Fülle an Grausamkeiten liegen in den Heiligen Schriften und somit alle Missverständnisse, weil wir von den Worten Eindeutigkeit verlangen. Unsere Erkenntnis ist jedoch nur geprägt durch das, was wir verstehen können, wir sehen und begreifen mit weltlichen Augen und Verstand. Schwer zu fassen sind die Bedeutungen, die immer auch ihr Gegenteil enthalten können. Ein Gott ist nicht verfügbar, seine Schriften nicht vollkommen einsichtig und so vielschichtig wie alles, was uns umgibt und was wir in uns tragen. Mag es Gottes Wort sein, wer sind wir, dass wir meinen, es wirklich verstehen zu denken.

Ein Gott kann kann alles und nichts sein, einer und mehrere, ein Sohn, eine Tochter, ein Tier, ein Ding. Es ist sein Geheimnis, das nichts von uns verlangt. Nie war ein Opfer für die Erlösung nötig, wir haben es als ein solches begriffen, es war unsere Entscheidung, aus Schuld und Sehnsucht geboren. Die Gottesfurcht ist im Grunde die Furcht vor uns selbst und die Hölle ein Fegefeuer unserer eigenen Überzeugungen. Es gibt keine Ungläubigen, auch wer nicht an eine höhere Struktur glaubt, glaubt letztendlich auch daran. Wer darf jemanden verurteilen für etwas, das außerhalb unseres Erfassens liegt und auch das, was innerhalb liegt.

Wenn wir unseren Geist wirklich nutzen, brauchen wir keine Angst zu haben. Wir müssen auch keine jenseitige Strafe für unsere Irrtümer erleiden, kein Jüngstes Gericht wird uns ahnden. Für jeden gibt es Hoffnung, jeder wird Gnade erfahren, was auch immer er getan hat. Das mag ungerecht erscheinen, weil wir meinen, dass es einen Lohn oder einen Tadel für unser Handeln geben muss. Hass und Verbrechen sind kein Richtmaß, sie werden wie alles andere nicht mit Zorn beantwortet, denn es existiert ein zeitloses Vergeben.

Die Trauer über Verlust und Schmerz bleibt bestehen, auch die Frage nach dem Sinn. Den Propheten war dieser Abgrund genauso bewusst wie ihre eigene diesseitige Endlichkeit, so auch die Begrenztheit unserer Interpretation ihrer Sätze. Diese Tragik ist dem menschlichem Dasein in seiner Entlassung in die Freiheit innewohnend und auch durch jeglichen Glauben nicht zu überwinden. Wir sterben vielleicht auch deshalb, um zu lernen uns selbst und anderen verzeihen zu können, in die Ewigkeit hinein.

Als Geschenk haben wir die unterschiedlichen Formen der Glaubens erhalten, für eine jeweilige Orientierung, um einander zu respektieren und Anknüpfungspunkte zu finden. Der gemeinsame Dialog ist der Weg in die Freude der Verständigung, ein Gespräch von Gewissheit zu Gewissheit, eine Differenz, die nicht aufzulösen ist. Es bleiben durch unsere Identifikation mit den Mythen nebeneinander stehende Polaritäten. Es steht uns nicht zu, diese Verschiedenheiten zu vereinheitlichen, wir sollten sie miteinander feiern.

Die Überschneidungen aller Lehren führen jedoch zu einer Kernaussage. Das Gebot der Liebe und der Selbstachtung. Mit diesem Vertrauen sind wir ausgestattet und der Begabung, uns selbst Regeln zu geben, jedes Menschenleben als schützenswert zu betrachten und zwar immer ganz konkret. Ein Wunschtraum, eine Utopie und eine Religion sind nur maßgebend, wenn sie jedem Menschen seine Andersartigkeit mit Friedfertigkeit zugestehen, ihn mit Würde akzeptieren und sich nicht einer bestimmend über den anderen stellt.

Wir müssen uns auf uns selbst verlassen können, dann sind wir nicht verlassen.

Alle Gewalt kann enden, wir sind dafür beseelt, das zu erreichen.

Advertisements

Olympia 2008, der Olymp trauert

Juli 17, 2008

War es eine gute Entscheidung, dieses Sportfest nach China zu delegieren.

Eine Welt, ein Traum. So das Motto.

Und es war wohl nur ein Traum, dass sich das Riesenreich China innerhalb weniger Jahre vollkommen wandeln würde. Wirklich gewandelt hat sich nur die äußere Hülle, Wolkenkratzer, die Infrastruktur und der Abriss der alten Häuser in den Zentren der Metropolen. Peking und die anderen Städte sind gesichtslos geworden, schnell, voller Autos und Smog. Alle rennen wie fast überall dem großen Geld hinterher. Die Jugend ist dem Konsumrausch und teilweise der Internetsucht verfallen. Immer noch hat die Kommunistische Partei die Alleinherrschaft und die setzt sie nach wie vor rigide durch. Kritiker dieses Regimes haben es schwer, sie werden überwacht, verfolgt, schikaniert und sie dürfen nicht mit der ausländischen Presse sprechen. Mehr als 25 Journalisten und Internet-Blogger wurden seit Anfang des Jahres verhaftet. Es herrscht Zensur, die Medien werden gezielt kontrolliert, das Internet durch ein gigantisches Filtersystem und mit Hilfe der Cyber-Polizei ebenfalls. Unrühmlich dabei ist die Rolle von Yahoo und Google, die sich diesen Maßnahmen beugen und auch mit den Behörden kollaborierend Adressen preisgaben, so dass einige kritische Stimmen hinter Gitter landeten.

Bürgerrechtler werden in Gefängnisse und Umerziehungslager gesperrt, weil sie die Rechte der einfachen Leute vertraten oder auf die katastrophale Umweltverschmutzung aufmerksam machten, verseuchte Seen, Flüsse, die verdreckte Lebensader, den Jangze, oder auch die enorme Ausbreitung von Aids durch das Benutzen von immer den selben Nadeln in Krankenhäusern. Man wirft ihnen Verrat von Staatsgeheimnissen, Untergrabung der Moral und Anstiftung zur Subversion vor. Frauen, die es gewagt hatten ein zweites Mal schwanger zu werden, mussten abtreiben oder hohe Strafen in Kauf nehmen.

In den Fabriken herrschen oft unmenschliche Arbeitsbedingungen ohne eine Absicherung durch ein Gesundheitssystem. Millionen von Wanderabeitern schuften für wenig Geld für das Anwachsen der Städte. Es gibt Zwangsarbeit, Menschen werden verschleppt und illegal beschäftigt, eine Schinderei oft auch ohne Bezahlung, ein regelrechter Sklavenhandel, selbst Minderjährige werden dazu gezwungen. Kinder verschwinden, werden ausgebeutet. Frauen werden entführt und verkauft, weil Männer in der Überzahl sind, da weibliche Föten durch die angebliche Minderwertigkeit der Frau oft abgetötet werden.

Auf dem Land haben die korrupten Behörden das Sagen. Ganze Familien mussten ihr Hab und Gut verlassen und wurden ohne Entschädigungen zwangsumgesiedelt. Bestechungen und Erpressungen sind an der Tagesordnung, die Mafia und die Polizei sind eng miteinander verflochten. Die Verbrechen werden vertuscht, die lokalen Kader verlangen rechtswidrige Abgaben und schicken ihre Schlägertruppen. Die Armut auf dem rückständigen Land ist immens, die Bauern sind hilflos und ohnmächtig gegenüber der Habgier der lokalen Funktionäre und müssen Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit erdulden.

Diejenigen, die in die Städte gehen mit der Hoffnung auf Wohlstand, lernen dort den schmutzigen Überlebenskampf und unwürdige Zustände kennen. Maßlose Enttäuschung macht sich breit, sie landen häufig in der Obdachlosigkeit, die Hochglanzfassaden vor Augen. Die Kriminalität und die Drogendelikte steigen, vor den Städten wachsen die Müllberge.

Auch der harmonische Ethno-Park hat sich als Illusion erwiesen, die 55 Minderheiten in China werden wirtschaftlich benachteiligt, ihre Kultur, ihre Religion und ihre Sprache sind bedroht. Der letzte Aufstand der Tibeter war nur ein Zeichen einer langen Unterdrückung, die nicht nur sie zu erleiden haben. Auch die Uiguren und andere muslimische Völker sind Beispiele für die rücksichtslose Dominanz der Han-Chinesen.

Tausende sitzen in den Todeszellen. Für 68 Tatbestände kann man hingerichtet werden. Die Zahlen der Hinrichtungen hält die Regierung allerdings geheim, aber China hält den traurigen Rekord und verhängt ungefähr ein Drittel aller Todesurteile weltweit.

Um das eigene Image aufzubessern, wurde das letzte Erdbeben als eine Art Ablenkungsmanöver clever genutzt. Man ließ sogar ohne zu zögern ausländische Hilfe zu. Und man erschuf das Trugbild, dass die Herrschenden ihr Volk wirklich ernst nehmen und sich kümmern. In Wahrheit sitzt den Machthabern die Angst im Nacken, dieser Staat ist alles andere als stabil. Schon immer gingen die Revolutionen vom Lande aus. Und was würde passieren, wenn die Millionen Wanderarbeiter und Landlosen aufsässig werden, wenn die Benachteiligten nicht mehr mitspielen. Außerdem kommt es andauernd zu zahllosen, nicht unerheblichen Aufständen von Bauern, die die Willkür und Grausamkeit der Behörden nicht mehr hinnehmen wollen. Nicht nur, weil sie drangsaliert werden und nach wie vor in bitterer Armut leben müssen, ihr Land ist verseucht, die Flüsse vergiftet, oft müssen sie ihren Ackerboden aufgeben, weil sich die Industrie darauf breit macht. Immer mehr landschaftliche Nutzfläche verschwindet und um die Erträge zu steigern, weil die Nachfrage stetig wächst, werden Unmengen an Pestiziden verwendet. Umweltschutz wird nicht belohnt, nur das Anwachsen der Wirtschaft und das um jeden Preis. Die Wüste breitet sich aus, das Wasser wird knapp, Sandstürme sind die Folge. Und die tiefen Narben des Hungers sind noch nicht verheilt, an vielen Orten blutet diese Wunde weiter. Ein Erbe Maos war die strikte Trennung zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung und die Bauern sind vom Wirtschaftsboom abgekoppelt.

Die sozialen Gegensätze, diese tiefe Kluft zwischen arm und reich ist unübersehbar und entwickelt sich ins Uferlose. Nicht nur die Parteikader haben für sich Luxus angehäuft, auch eine neue privilegierte Klasse hat sich gebildet, die sich in ihrem Besitztum abschottet. Strenge Erziehungsmaßnahmen und regelrechter Drill machen die Schulen zu Lernfabriken, um mit dem Leistungsdruck auf die Kinder den Ehrgeiz der Eltern zu befriedigen. China soll Weltspitze werden, die linientreue Propaganda zeigt ihre Wirkung. Dabei gibt es noch mehr als einhundert Millionen Analphabeten. Diese eklatanten Widersprüche auszubalancieren, ist auf Dauer wohl kaum zu bewältigen. Auch deshalb startet die Staatsmacht immer wieder Medienkampagnen, entwirft einen Modellmenschen, der für das Wohl aller ein Opfer bringt.

Und die chinesische Regierung politisiert die Spiele, um den Nationalstolz zu schüren für den Zweck der Legitimierung ihrer despotischen Herrschaft. Der Patriotismus ist wieder hoch im Kurs, fast hat er den Kommunismus als Staatsideologie abgelöst. Vor allem die Jugend schwimmt auf dieser Welle. Man erinnert sich an die eigene glorreiche Geschichte, die alte traditionelle Kultur und wie die Einheit des Reiches der Mitte mit viel Blutvergießen gelang, aber auch an die Demütigungen durch die Kolonialmächte seit dem Opiumkrieg. Eine Besinnung auf die eigenen Werte wird propagiert, nur welche. Denn auch die Folgen der verheerenden Kulturrevolution bestimmen die heutige Einstellung, die Härte gegen sich selbst und auch die Scham darüber. Nur Schuld und die Aufarbeitung dieser gnadenlosen Vergangenheit sind so gut wie kein Thema. Außerdem sind viele junge Leute traumatisiert durch das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Es ist ein eisernes Tabu, das sie umklammert. Sie landen in einer Identitätsfalle, die sie durch Projektion so anfällig macht für das neue Nationalgefühl. Viele halten aber auch den Westen mitschuldig für so manche Fehlentwicklungen. Sie wollen sich von außerhalb nichts mehr sagen lassen und sie kümmern sich leider nicht genug um die Menschenrechte in ihrem Land. Verdrängung scheint der einfachere Weg zu sein und schnell Karriere machen ist das Ziel. Doch die Welt macht nicht Halt vor den Grenzen, langsam sickert ein neues Verständnis durch, die Hoffnung auf Demokratie. Informationen fließen überwiegend durch die vielen Studenten, die im Ausland studieren. Trotzdem leben Dissidenten und ihre Anwälte weiterhin sehr gefährlich.

Dass die Kommunistische Führung ein nervöses Sicherheitsbedürfnis hat, zeigt sich auch an dem großen Aufgebot von Polizei und Militär in Peking. Wie in einem Ausnahmezustand patrouillieren die Soldaten mit Maschinengewehren und kugelsicheren Westen in den Straßen. Rund Hunderttausend Antiterrorexperten sind im Einsatz und Zehntausende von Spezialkräften. Diese Operation trägt auch noch den sinnreichen Namen: Große Mauer. Die Staatssicherheit fährt mit teuren deutschen Autos mit abgedunkelten Scheiben, um eventuelle Gegner auszuspionieren und zu überwachen, zudem gibt es in Peking 300 000 Überwachungskameras. Der Erfolgszwang ist sehr hoch, die Sicherheit der wichtigste Gradmesser für das Gelingen der Spiele. Und der nationale Volkskongress glaubt damit den Schein wahren zu können, die Welt mit offenen Armen zu beglücken.

Da die Wirtschaft so rasant wächst, ist das Interesse der westlichen Welt kaum zu bändigen, ihre Investitionen florieren, das Geschäft boomt, der Gigant China ist ein Global Player geworden. Die fragwürdigen Waffenexporte Chinas in Länder wie Iran, Myanmar, Sudan, Kongo oder in andere desolate afrikanische Staaten werden tunlichst ignoriert. Und so fahren sie doch zur Eröffnungsfeier, die Politiker aus aller Welt, ungeachtet der brutalen Niederschlagung der Aufstände der Tibeter und der Folter in den Gefängnissen, der Entmündigung und Verhaftungen von Menschenrechtlern, der Gewalt und den fortwährenden Säuberungsaktionen und der mangelnden Transparenz der staatlichen autoritären Strukturen.

Das Versprechen, als Peking die Spiele zugesprochen bekam, die Menschenrechte zu achten und sich auf diese Weise dem Westen zu öffnen, wurde definitiv nicht eingehalten. Die Mißstände werden lieber unter den Teppich gekehrt, denn schließlich wollen alle feiern.

Die Flamme der Harmonie wird hochgehalten im Namen der Freundschaft, des Friedens und der Freiheit. Das Regime sieht mit diesem Prestigeprojekt seine Chance, endlich vollständig akzeptiert zu werden. Und so sollen diese Spiele den ungetrübten Frohsinn der Völker vortäuschen.

Eine Welt, ein Alptraum.

Es war keine weise Entscheidung, das Sportfest nach China zu verfrachten.

Die Götter sind ratlos.

Das Iapetus-Prinzip

Juli 10, 2008

Iapetus ist ein kleiner Mond des Saturn, ein Ball aus Gestein und Eis, der Form einer Walnuss ähnlich. Seine Besonderheit besteht darin, dass er eine ungewöhnliche Farbstruktur aufweist. Er ist schwarz-weiß. Die in Bewegungsrichtung zeigende Hemisphäre ist dunkel wie Kohle, die andere ist hell wie frisch gefallener Schnee.

Benannt wurde er nach dem Titan Iapetos aus der griechischen Mythologie, ein Sohn von Gaia, der Erde in Göttergestalt und von Uranos, dem Himmel in Göttergestalt. Iapetos selbst wurde in die lichtlosen Tiefen des Tartaros, einen Teil der Unterwelt verbannt, weil er gegen das Göttergeschlecht aufbegehrt hatte. Er zeugte vier Kinder. Atlas, der dazu verdammt wurde, der Träger des Himmelsgewölbes zu sein. Den überheblichen Krieger Menoitios, auf den Zeus ein Blitz schleuderte und ihn zu einer missgestalteten Figur machte. Prometheus, der Vorausdenkende, der ein Menschenfreund war und ihnen das Feuer und die Kultur brachte. Und Epimetheus, der danach Denkende, der ein Geschenk der Götter gegen den Rat seines Bruders Prometheus annahm, die künstliche wunderschöne Frau Pandora, die als Strafe dafür, dass Prometheus den Menschen das Feuer brachte, die Büchse der Pandora öffnete und Krankheiten und Leid über die Menschheit brachte. Nur die Hoffnung konnte als einzig positive Gabe entweichen. So sehr war das Schicksal der Söhne mit dem Schicksal der Menschen verwoben, sie brachten Heil und Unheil zugleich, genau jenes, welches das Leben in seiner Komplexität ausmacht.

Als nun der Saturn-Mond Iapetus 1671 von Giovanni Cassini entdeckt und 1847 von John Herschel mit diesem Namen ausgestattet wurde, konnte noch keiner ahnen, wie außergewöhnlich und einzigartig dieser Mond mit seiner schwarz-weißen Färbung ist.

Das Denk-Prinzip in Schwarz-Weiß nenne ich das Iapetus-Prinzip.

Ein Denken, das die Dinge vereinfacht, sie reduziert auf ein Maß der eigenen erträglichen oder beabsichtigten Realität, in ein Freund-Feind-Schema, in ein Für und Wider, in Gut und Böse. Aus dieser Simplifikation rekrutieren sich Kriege, Massaker, Vertreibung, Folter und Blutvergießen, wer nicht für uns ist, ist gegen uns, oder auch die Achse der Bösen. Diese oft messianisch betriebene Dynamik kann sich zu einem zerstörerischen Selbstläufer entwickeln, der nur schwer aufzuhalten ist und zu dessen Geiseln wir werden. Erst dadurch wird der Terror ein wirklicher Terror, wenn man ihm jedes Verständnis und seine oft begreiflichen Ursachen abspricht.

Grausamkeit und Verachtung entstehen größtenteils durch das Verurteilen eines anderen Menschen, der seine eigene Version der Wirklichkeit hat. Den Anspruch auf die Wahrheit scheint jeder für sich gepachtet zu haben, sicherlich aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zumal ist da das Streben nach Macht und Geltung, auch die Habgier oder die schlichte Angst vor der Kompliziertheit des Lebens. Die Suche nach Rechtfertigungen verlangt nach berechenbarer Klarheit, dort, wo es sie eigentlich nicht gibt. Zu verstrickt sind die natürlichen Zusammenhänge, die uns auf Erden miteinander verbinden und uns voneinander abhängig machen.

Und doch gibt es eine unmissverständliche Plausibilität. Die, den Frieden, die Freiheit und die Menschlichkeit zu wahren, miteinander zu reden und die verschiedenen Standpunkte zu akzeptieren und versöhnliche, umsichtige Kompromisse zu finden. Dafür sollte man die tatsächliche Vielfältigkeit und die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten anerkennen und auch der Rationalität wieder mehr Gewicht geben. Sich nicht nur auf einen Gott berufen oder eine Einteilung in Gläubige und Ungläubige vornehmen, sondern sich auf die Vernunft verlassen, die uns lehrt, dass jeder Einzelne eine menschliche Würde besitzt. Und diese Würde genau so dem Anderen zusprechen und das unter allen Umständen.

Interessanterweise setzt sich die digitalisierte Welt auch aus nur zwei Komponenten zusammen. Sie gaukelt uns ein Blendwerk vor, ähnlich dem Licht des Mondes, der das fremde Sonnenleuchten als sein eigenes reflektiert. Wir kreieren uns einen Schein, den wir als unseren Spiegel zu steuern glauben. Weil wir alle das Gefühl brauchen, unser Schicksal unter Kontrolle zu wissen, eine Sicherheit, mit der sich unsere Sehnsucht nach Sinn verknüpft. Das verführt uns zu Auffassungen, die auch die Widersprüche verdrängen, obwohl diese in jedem verankert sind, und uns leider allzu oft zu Fanatikern für eine Wahrheit prädestinieren kann.

Aber die Wahrheit ist nicht alles, was unsere Welt ausmacht, die Wahrheit ist mehr als ihre Beweise, auch wenn unsere Beweise exakte Grenzen bestimmen können, so bleiben sie doch unvollständig. Die Welt besteht aus mehr als der Wahrheit. Unser Tun hat stets Folgen, nur diese sind nicht immer absehbar, manchmal kann eine gute Absicht etwas Verheerendes schaffen und umgekehrt, denn auch der Zufall fordert sein Recht.

Wer die Welt für von uns errettbar oder zerstörbar hält, denkt, sie auch beherrschen zu können.

In unserem tiefsten Inneren wissen wir, dass wir eigentlich genau dies nicht können. Noch nicht einmal uns selbst vermögen wir vollständig zu beherrschen. Aber wir sind in der Lage, uns bewusst unserer eigenen Weisheit anzunähern, die der grundlegende Baustein unserer Existenz ist. Selbsterkenntnis und somit Selbstbestimmung bringen uns dazu, Verantwortung zu übernehmen. Verhandlung mit Augenmaß auf der kommunikativen Ebene lassen uns einen lebenswerten Konsens schaffen, eine tragfeste Aufrichtigkeit des Verstehens.

Schwarz-Weiß-Denken ist das Gegenteil von Verstehen. Auch wenn das Verstehen manchmal schwer fällt, so geleitet es uns über den Abgrund der Vergeblichkeit.

Das Mond Iapetus ist kalt und leblos und die Erde in ihrer Vielfalt und Schönheit ein pulsierender, lebendiger Himmelskörper. Der Titan Iapetos ist im Schattenreich eingekerkert. Wir aber wollen nicht in einem Reich leben, in dem uns unsere Schablonen unser Dasein verdunkeln. Und Iapetos brachte uns durch seine Kinder das Feuer, die Zivilisation, das Scheitern, die Verzweiflung, die Anmaßung, die Stabilität, die Geistesbildung, den Schmerz und die Hoffnung.

Das Iapetus-Prinzip aber macht uns blind, schuldig und verloren. Wir träumen doch auch in Farbe.

Botschaft von Myanmar

Juli 8, 2008

In Berlin ist Tag der offenen Tür in den Botschaften.

Vor der südafrikanischen Botschaft stehen zwei Dutzend Menschen, die eine Mahnwache abhalten, um gegen die Gewalt in Simbabwe zu protestieren. Einige Leute rufen ihnen zu, dass es gut sei, dass sie das tun. Die meisten aber gehen nur in die Botschaft, ohne sich für die spärliche Demonstration zu interessieren oder sie spazieren einfach vorbei.

Die Botschaft von Simbabwe hat ihre offene Tür kurzfristig geschlossen, zu heikel schien ihnen ihre derzeitige Situation zu sein, sie befürchteten wohl lauten Protest.

Aber die Botschaft von Myanmar hatte diese Befürchtungen nicht und nutzte die Gelegenheit, sich zu präsentieren. Ich laufe über den Potsdamer Platz und will nach Zehlendorf, weil ich wissen will, wie sich die Botschaft von Myanmar, welches in der letzten Zeit so viele negative Schlagzeilen gemacht hat, darstellt.

Auf dem Weg dorthin lasse ich mich kurz von einem Antik-Markt am Potsdamer Platz ablenken. Während ich neugierig die vielen schönen und unschönen Dinge betrachte, höre ich jemanden neben mir extrem laut husten. Er hat sich an einen grauen Pfeiler gelehnt und ich sehe, wie ihm das Blut so dem Mund strömt, sehr viel Blut. Der Pfeiler sieht aus, als würde er mit hellroter Farbe bespritzt werden. Es sieht wirklich wie Farbe aus, nicht wie Blut. Ich höre eine Frau sagen: „Der stirbt sicher gleich, spätestens morgen.“ Ich bin schockiert und bekomme weiche Knie. Trotzdem bleibe ich auf dem Markt und beruhige mich, indem ich einiges dort kaufe.

Der Rettungswagen kommt schnell, der Mann wird sitzend abtransportiert, er sieht erfreulicherweise noch ziemlich lebendig aus. Mit zwei großen Tüten voller neuer Habseligkeiten fahre ich mit der U-Bahn zur Botschaft von Myanmar in der Thielallee.

Von weitem erkenne ich einen Polizisten und zwei Toiletten-Häuschen, ich war bisher noch nie da gewesen. Als ich durch das Gartentor eintrete, werde ich freundlich von einem sitzenden burmesischen Mann und drei stehenden begrüßt, alle in landesüblicher Kleidung. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie mich fragen, was ich in meinen Tüten habe, es könnte ja auch eine Bombe sein, aber sie bitten mich liebenswürdig herein. Das Botschaftsgebäude, ein unscheinbarer hässlicher Klotz, ist geschlossen.

Im Garten sind Tische und Stühle unter Sonnenschirmen aufgebaut, an der einen Seite befindet sich ein sehr langer Tisch, hinter dem ein paar burmesische Männer und Frauen stehen. Alle sind freundlich, haben aber einen traurigen Blick. Gleich vorn liegen Reise-Prospekte, dann kleine Teppiche, bestickte Bilder, sogar eines mit zwei Micky-Mäusen, kleine Holzschnitzereien und Armbänder und Figuren aus Jade. An der Wand hängen Fotos von goldenen Pagoden, Tempeln, Buddhas, lächelnden Menschen und Palmen am Meer, überall steht geschrieben: „Goldenes Myanmar“. Daneben gibt es etwas zu trinken und zu essen, nur ein Gericht.

Folkloristische Musik dudelt leise durch die kleine Grünanlage, einige Besucher sitzen und reden wenig. Ich bestelle mir diese Nudeln mit etwas Fleisch und Gemüse, es ist lauwarm und schmeckt abgestanden. Während ich da sitze, schaue ich mir die Videoclips an, hübsche Mädchen in Trachten singen wohl harmonisches und schwenken ständig weiße Tücher, viel Landschaft ist zu sehen, Flüsse und Berge und goldene Kuppeln. Alles sieht so friedlich aus, als wären die wirklichen Zustände in Burma nicht vorhanden. Das macht mich langsam innerlich wütend. Eine Idylle wird einem vorgespiegelt als gäbe es überhaupt keine Probleme im Land.

Ich bemerke, dass auf dem Tisch neben mir stapelweise Postkarten und Hefte liegen. Zwei Männer, einer in Schlips und Kragen, der andere etwas dicklich und eine Frau sitzen und unterhalten sich. Sie scheinen deutsche Reiseveranstalter zu sein und mit jemandem muss ich über meinen Ärger reden. Ich frage sie, ob ihnen das Theater hier nicht merkwürdig vorkommt angesichts der eigentlichen politischen und menschlichen Katastrophen dort. Der dickliche und zufrieden wirkende Mann meint, diese Frage hatte er vermeiden wollen, der andere verabschiedet sich schnell und geht.

Eine Minute später sagt er: „Sie fahren doch auch in die Alpen, wenn die Nordsee Hochwasser hat“. Mir verschlägt es die Sprache, er redet weiter: „Sie fahren sicher auch nach Ägypten und Thailand, wo ist da der Unterschied, es gibt überall Probleme“. Ich fühle mich ertappt, ich war schon zweimal in Ägypten und einmal in Thailand. Ich rechtfertige mich sinngemäß, dass ich vor allem hinfahre, um die Menschen kennen zu lernen und mich nicht als einen üblichen Touristen betrachte. Meine Schlagfertigkeit ist mir abhanden gekommen. Wieder redet er etwas von Hochwasser, den Alpen und Ägypten und dass Reisen ein gutes Geschäft sei. Ich versuche zu erwidern, dass es so viel Armut und Elend dort gibt, er winkt ab: „Die gibt es überall und man würde den Menschen dort helfen, wenn man hinfährt, außerdem würde ich doch auch in ein Krankenhaus gehen, wenn mir etwas fehlt“. Den Gedankensprung verstehe ich nicht, ich suche nach Worten und sage: “Hier schon, nur dort würde man die Menschen liegen lassen und nicht behandeln“. Er fängt an sich zu ärgern und ergänzt: “Sie müssten mal mit mir reisen, dann würden sie merken, wie das läuft und wo das Geld liegt“. Schnell entgegne ich: “Ihnen geht es wohl nur um das Geld“. Er ist sauer und murmelt: “Mit so jemanden will ich nicht sprechen“, und schaut demonstrativ weg. Die Frau sagt die ganze Zeit nichts, sie sieht faltig und frustriert aus.

Ich hake nach: „Nicht reden ist das Schlimmste.“, er schweigt. Es war mein Versuch, ein Gespräch in Gang zu halten, aber er schweigt weiter. Ich frage, ob ich mir einige Postkarten nehmen kann, nichts. „Gut, dann nehme ich sie mir und vielen Dank.“ Ich habe ihm gründlich die Laune verdorben und bin sicher, das war der Richtige dafür. Meine Laune ist aber auch nicht gerade bestens. Ich setze mich wieder, die Musikvideos sehen immer noch genauso aus. Die Leute am Tisch reden über das Essen und das Wetter.

Der dickliche Mann und die Frau stehen auf und verlassen das Grundstück. Auch ich sehe keinen Grund mehr zu bleiben, ich laufe an den Souvenir-Tischen entlang bis nach vorn, wo die Reise-Kataloge liegen. Der burmesische Mann bittet mich höflich, ob ich Interesse habe, nach Myanmar zu reisen. “Es ist wunderschön und das sei kein Problem“. Ich frage zurück, ob es wirklich kein Problem sei und ob ich mich im Land frei bewegen könne. „Keine Sorge, es gibt nur gewisse Grenzen“. „Welche Grenzen?“, ich bin neugierig, was er antwortet. „Es gibt ein paar ethnische Probleme und Malaria und Krankheiten, aber in den Touristengebieten ist alles sicher“, fügt er etwas schuldbewusst hinzu. „Und wenn ich mich gegen Malaria impfen lasse, kann ich dann im Land herum fahren?“ „Nein, es gibt Grenzen.“, er lächelt gequält. Er fängt an mir Leid zu tun und ich lenke seine Aufmerksamkeit auf die Kataloge. Erleichtert gibt er mir den einen und dann noch den anderen und eine CD. „Sie werden sehen, wie schön es hier ist, kommen Sie doch“. Ich verabschiede mich, er und die umstehenden Männer nicken, als ich gehe.

Vor der Botschaft stehen noch der dickliche Mann und die Frau und rauchen. Dann begrüßt er noch einen Geschäftsmann, anscheinend ist er einer der wichtigen Ansprechpartner im burmesischen Reisegeschäft, er wird sehr respektvoll behandelt. Ein Botschaftsmitarbeiter macht ihm noch eine kurze Aufwartung. Mir fällt ein, dass ich vergessen hatte, als er mir sagte, dass man den Menschen in Burma helfen würde, wenn man dorthin reist, ihn damit zu konfrontieren, warum denn die Hilfe aus dem Ausland nach dem verheerenden Wirbelsturm größtenteils von der Militärjunta abgelehnt wurde. Es hämmert in meinem Kopf, warum war es mir nicht eingefallen, es wäre das wichtigste Argument gewesen und ich fühle mich mies.

Ein Taxi fährt vor, der Mann und die Frau steigen ein, sie würdigen mich keines Blickes. Ich stehe da und rauche auch eine Zigarette. Mir kommt wieder das Bild von dem vielen Blut in den Sinn, das der Mann ausgehustet hatte. Ich sollte unbedingt mit dem Rauchen aufhören.

In der U-Bahn ist es voll, neben mir stehen zwei junge Mädchen, die ein Buch „Der Gallische Krieg“ in der Hand haben. Ich frage, ob sie das gerade lesen, sie bejahen. “Es geht um die Schlachten und die Stämme, die sich bekriegen und die sich verbünden, die Verschwörungen und die erbitterten Kämpfe und Völkerwanderungen“, erzählen sie: „Und das noch auf Latein, sehr anstrengend.“, lachen sie.

Dann fange ich an, mir die Prospekte anzuschauen, der eine zeigt fröhliche Kinder auf dem Umschlag und heißt:„Na klar, Myanmar“. Ich blättere darin und stolpere als erstes über ein Zitat von Rousseau: “Freiheit ist nicht gefangen sein! Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ Ich bin erstaunt. Daneben steht ein kurzer Artikel mit der Überschrift, dass sich das Militär bedient, darin steht: “Es sie ein Phänomen, dass in den reichen Ländern Menschen an die Macht drängen, die Geld haben, in den armen aber, Menschen, die Geld wollen. Und wenn sie es dann erst einmal haben, hätten sie auch die Mittel, es dem Volk zurück zu geben.“ Was für eine Logik.

Darunter steht ein kleiner Abschnitt zum Thema Menschenrechte. „Beklagenswert. Sicher. Aber im Gegensatz zu Saudi-Arabien sei Myanmar ein Paradies und jede Regierung, die den Saudis den roten Teppich ausrollt, diskreditiert sich selbst in ihrem Anspruch auf Menschenrechte. Und außerdem dürfen Burmesen ausreisen, bekommen aber keine Visa im Ausland.“

In anderen Artikeln steht: „Dass es viele Länder mit Militärregimes gibt und dass das Regime in Myanmar eine Zersplitterung des Landes verhindert hat, mit Unterstützung der Mönche.“ „Der Westen würde die Regierung diabolisieren, dabei handele es sich um eine gelenkte Demokratie.“ Und: “Die Opposition, allen voran Aung San Suu Kyi hätte keine Kraft mehr, und wie sollte diese sture Frau die ethnischen Minderheiten bei Laune halten, sie hat ihnen nichts versprochen.“ „Außerdem hat man Angst vor äußeren Geiern, die Investoren aus dem Ausland, die Burma zu einem Billigland machen wollen.“ Zum Thema Militär steht da noch: “Die Herrscher in Myanmar sind der Garant der moralischen Ordnung, das Verständnis der Armee sei ein Erkämpfer und Wahrer der Unabhängigkeit zu sein.“ Ich bin fassungslos.

Aber der Katalog ist clever gemacht, erst ein bisschen Kritik, ein paar Reiseberichte, nach dem Motto: “Und wir fuhren doch.“ Und dann wird die Notwendigkeit der Diktatur als einen Segen für die Bevölkerung deklariert.

Das schlechte Gewissen, das einem gemacht wird, weil das Geld, das die Touristen bringen, auch Hilfe für die Menschen dort bedeutet, hat nun auch mich erwischt, sogar die genauen „Geldflüsse“ werden beschrieben. Und immer wieder: „Das Glücksgefühl! Vom Zweifel zur Gewissheit, gut, dass wir gefahren sind, schließlich sei man auch in die DDR gefahren und die Begegnung mit den Menschen stiftet überall Frieden.“ Das bringt mich schon zum Grübeln, aber ich finde es fast erpresserisch.

In dem anderen Prospekt sind auch schöne Fotos zu sehen und nur Berichte über: „Den tief verwurzelten Glauben, die schöne unberührte Landschaft, Märchenwelten ohne Mc Donalds und Coca Cola“. Besonders: “Das stilvolle Unterwegssein auf dem Ayeyarwady, jenseits der Touristenpfade.“ Der Katalog ist auch nicht ganz neu, das Delta ist vom Wirbelsturm stark betroffen und ganze Ortschaften sind zerstört, nicht einmal Hilfsorganisationen dürfen dort arbeiten. Dass es manche dennoch tun, ist sehr mutig. Mir fällt auf, dass eine Stelle geschwärzt ist, da geht es um Individual-Reisen und längere Visa.

Was für ein Hohn und eine Menschenverachtung sprechen aus den Worten dieser Tourismus-Kataloge mit den Fotos zufriedener lächelnder Bewohner, wenn man weiß, dass sie hungern, zum Teil keine Hütten mehr haben, kaum Hilfe vom Staat bekommen, die Armee und zehntausende von Kindersoldaten Gewalt und Terror ausüben, die Gefängnisse voll, Repressionen und Folter an der Tagesordnung sind. Eines der ärmsten Länder der Welt, während sich die Machthaber im Dschungel in ihrer neuen Stadt im Reichtum verschanzen. Selbst für die Mönche ist dies nicht mehr hinnehmbar.

„Dem Buddhismus sei man hingebungsvoll verbunden, der die Idee der Wiedergeburt beinhaltet. Das Karma ist abhängig vom diesseitigen Tun und das jetzige Leben sei nur verursacht durch das Handeln in einem früheren und im nächsten Leben kann es dann besser werden.“

Ich habe wieder das Blut vor Augen. Zu Hause lege ich die CD ein, sie ist kaputt.

Geld für Mugabe

Juli 4, 2008

Es war schon bestürzend zu erfahren, dass ein deutsches Unternehmen, der Münchner Banknotenhersteller Giesecke und Devrient, Spezialpapier zum Gelddrucken an den brutalen und größenwahnsinnigen Machthaber in Simbabwe liefert.

Da die Inflation dort zwei Millionen Prozent beträgt und täglich weiter steigt, ist das Geld in kürzester Zeit nichts mehr wert. Das bedeutet Hunger, Elend und Armut für die Bevölkerung in dem einst so reichen Land.

Mugabe hat es gründlich herabgewirtschaftet und sich selbst dabei maßlos bereichert. Auch seiner verschwendungssüchtigen Frau und seinen Getreuen dürfte es ziemlich gut gehen.

Und sie meinen, dass es ihnen zusteht, sie sind die Herrschenden, sie haben die Macht. Es ist ihnen egal, welches Leid das einfache Volk ertragen muss, dieses hat zu dienen und zu gehorchen.

Die Lektion der letzten Wahl will Mugabe nicht lernen, wozu auch, er hat jahrzehntelang das Zepter geschwungen und wird dies weiterhin tun, er kann nicht mehr anders, denn er hätte alles zu verlieren. Das Land gehört ihm, daran zweifelt er nicht, die letzte Wahl ist für ihn inakzeptabel, dieser Tsvangirai ein Aufrührer, der nur seinen Platz will, ein Zerstörer seiner Geltung und Autorität.

Und das Volk wagt es sogar noch, Tsvangirai zu wählen, also muss es zu seinem Schiedsspruch gezwungen werden. Mit Milizen wurden die Einwohner erneut zu den Urnen geprügelt, Banden gingen von Haus zu Haus und bedrohten diejenigen, die Mugabe nicht wählen wollten.

Angst und Schrecken hat Mugabe verbreiten lassen, nicht nur seine Militärs, auch von ihm bezahlte Jugendliche marodieren durch die Städte und Dörfer, misshandeln die Menschen, schikanieren und jagen sie, peinigen und vertreiben sie. Ihre Häuser werden zerstört und niedergebrannt, ein würdiges Leben ist unmöglich. Etliche wurden inhaftiert und in den auf die Schnelle errichteten Folterlagern gequält, auch vor Morden schreckt man nicht zurück. Zanu-Anhänger und MDC-Anhänger sind nun verfeindet und bekriegen sich. Auf allen Seiten wird es immer martialischer.

Verwüstet und kaputt sind die alten Seelen, zu lange haben sie gelitten und erduldet, enthemmt und hitzköpfig die jungen, sie kennen nichts anderes als Gewalt, Zwang und Rechtlosigkeit. Zudem haben die Leute im Land kaum Arbeit und auch Aids ist zu einem erheblichen Problem geworden.

Und jede Hoffnung auf Besserung und Frieden rückt in weite Ferne.

Welch ein Trauerspiel und die Welt schaut zu.

Die Afrikanische Union schafft es leider bisher nicht, sich gemeinsam dieser Verantwortung zu stellen. Sie wären in der Lage, die Tragödie in Simbabwe mit kluger Diplomatie zu beenden und einen unblutigen Kompromiss zu finden.

Der afrikanische Kontinent hat eine solche Energie und Kraft. Wenn sie nur wollten und alles endlich in eine konstruktive Richtung lenken würden. Aber sie legitimieren Mugabe immer noch als Staatschef. Anscheinend wollen sie seinen Wandel vom Freiheitskämpfer zum Diktator nicht wahrhaben, die Kolonialzeit steckt ihnen verständlicherweise immer noch in den Knochen.

Eine komplizierte Situation für den Westen und Sanktionen würden natürlich zum größten Teil die Bevölkerung treffen.

Aber dieser Schwierigkeit zum Trotz wurde für Mugabe pausenlos und zuverlässig frisches Geld nachgedruckt und geliefert, damit er seine Schergen für ihre repressiven Handlungen und den Terror entlohnen, sich Waffen besorgen und Loyalitäten erkaufen kann.

Und ausgerechnet aus dem beschaulichen München kommt das Geld.

Geschäftspartner dieser deutschen Firma genießen ein unbegrenztes Vertrauen und das Geschäft floriert zu allen Zeiten, mit jedem, der bezahlt. Außerdem druckt niemand so viele Euros wie dieser diskrete Banknotenhersteller.

Erstaunlich, dass es Mugabe überhaupt so willkommen war, hatte doch neulich einer seiner Regierungssprecher verlauten lassen, der Westen kann sich tausendmal aufhängen.

Oder sollen wir uns deshalb aufhängen?

Vor ein paar Tagen hat das Unternehmen Giesecke und Devrient die Lieferungen von Banknotenpapier nach Simbabwe gestoppt, auf Forderung der Bundesregierung, aber erst nachdem dieser Fall publik wurde.

Ein schaler Beigeschmack von Heuchelei bleibt.

42.Geburtstag

Juli 2, 2008

Ich merke nicht, dass es schon 0.00 Uhr ist, weil ich so mit einer Mail beschäftigt bin mit der Frage, warum es Stalin schaffen konnte, eines natürlichen Todes zu sterben. Es erscheint mir unglaublich, einen solchen Terror zu verbreiten und dennoch oder gerade deswegen, mit der Hörigkeit seiner Mitmenschen bis zu deren Selbstaufgabe zu rechnen. Eine Loyalität bis zur Leichenstarre.

Nun schleicht sich mein Geburtstag in mein Denken und auch die Tatsache, dass ich diese Mail an jemanden schreibe, in den ich mich vor guten fünf Jahren sehr verliebt hatte.

Vor fünf Jahren war mein Geburtstag auch ein Mittwoch, als ich diesen Mann vor einem gemeinsamen Seminar auf dem Weg dorthin traf. Und ich bat ihn, auf meinen kurz vorher geschriebenen Brief, in dem ich ihm meine Gefühle offenbarte, zu reagieren. Er wich mir damals uninteressiert mit Nebensächlichkeiten aus. Das war der Beginn einer der vielen Katastrophen meines Lebens.

Aber ich schreibe jetzt eine ganz sachliche Frage an ihn und so ist sie auch gemeint. Mich interessiert Stalin und die Magie eines Menschenfeindes, dessen Schicksal es war, alles Erdenkliche herauszufordern und Gott nur als seinen Gehilfen anzusehen. Rache war die Essenz seines Lebens und er hatte die Macht und Gewalt, dies ausgiebig tun zu können und wahrscheinlich auch tun zu müssen.

Eine erste Geburtstagsglückwunsch-Mail erreicht mich, ausgerechnet von dem Support eines Politik-Forums, aus dem man mich hinausgeworfen hatte, weil ich darin auf einen Text von mir über Putin hingewiesen habe, den die meisten der dortigen Community heillos zerrissen hatten.

Fast könnte man meinen, Putin hätte überall seine Agenten. Mein Text heißt Anti Putin und genau so war er auch gemeint, keine freundliche Analyse seines Daseins, wozu auch.

Heute amüsiert mich diese Mail doch etwas.

Die Tage vor meinem Geburtstag haben mich wieder mal an den Rand gebracht, Zahnschmerzen und Trübsinn, meine Nerven sind sowieso nicht strapazierfähig.

Dann lese ich zwei gestern angekommene Glückwunschkarten. Das wollte ich eigentlich zuerst tun, um mich aufzuheitern. Ich hole mir noch drei Zigaretten. Ich will wie immer aufhören, deshalb kaufe ich sie einzeln, aber mit dem gestrigen Verbot macht das Rauchen leider wieder Spaß.

Ich sehe mir den Film „Knallhart“ noch einmal an, ein düster gefährliches Requiem auf unsere verlorene jugendliche Welt, deprimierend und ausweglos. Ein gelungener Film mit einer hohen Musikalität und Stringenz, wirklich faszinierend.

Beim Schließen der Balkontür sehe ich das beruhigende goldene Licht des Jupiters.

Ich gehe ins Bett, da liege ich hellwach und verstehe nicht, warum. Meine allabendlichen Medikamente, die mich psychisch stabil halten sollen, habe ich schon vor Stunden genommen, eigentlich machen sie mich nach einer Stunde müde. Mein Körper will keinen Schlaf, gar nicht, also denke ich nüchtern über mein bisheriges Leben nach.

Anfangs sind meine Denkschleifen harmlos. Meine Mutter kommt mir in den Sinn, mit der ich nicht reden will, weil sie mich mit ihrer Lieblosigkeit zerstört. Mit meinem Vater verhält es sich genauso, mit ihm kann ich auch nicht reden, seine Gefühlskälte halte ich überhaupt nicht aus. Meine Schwester finde ich unangenehm, zu ihr möchte ich ebenfalls keinen Kontakt, ebenso zu ihrem Vater, weil beide mich im Grunde ihres Herzens verachten.

Aber die Schlinge zieht sich wieder zu, wenn ich an die Männer denke, die ich geliebt habe, aber die mich nicht wollten und die anderen, mit denen ich geschlafen habe, die ich aber nicht wollte, grauenhafter Sex.

Dazwischen gab es nichts und das Vakuum tut sich auf, diese pechschwarze Leere.

Solche Löcher sind meine ständigen Begleiter, riesige Mäuler, die keine Zähne nötig haben, weil sie jede Hoffnung verschlingen und der Selbstmordgedanke hämmert mal wieder an meine Schädeldecke.

Mir wird wieder bewusst, dass ich für meine Familie und für fast alle Menschen, die mir begegnet sind, nicht wirklich wichtig war. Es machte ihnen nichts aus, mich zu ignorieren, mich auszutauschen oder zu verraten. Meine letzte Verliebtheit kriecht in mir hoch. Nachdem ich ihm einen schüchternen Zettel schrieb, hatte er mich nicht einmal mehr gegrüßt. Immer diese Strafe, sich zu verlieben.

Nun wird es brenzlig für mich, ich empfinde einen solchen stechenden Schmerz, dass ich fast schreien muss. Ich hätte das Denken sein lassen sollen oder mir klar machen, dass ich fast meine gesamte Lebenszeit im Kopf verbringe und dort sicher eines der besten Leben habe. Aber mein Körper lässt sich nicht täuschen. Ich benutze ihn nur, er wehrt sich und macht sich krank.

Dann frage ich mich, warum ich mich nicht schon längst umgebracht habe. Mir fällt natürlich meine Oma ein. Als sie noch lebte, habe ich es ihretwegen nicht fertig gebracht, sie hätte es nicht verstanden, sie hätte maßlos gelitten. Seit mehr als drei Jahren ist sie tot und mir wird klar, sie war der einzige Mensch, der mich unerschütterlich und bedingungslos geliebt hat.

Ich bin nicht verloren. Meine Oma bleibt der Verschluss der bösen Flasche, in der meine endgültige Selbstzerstörung wartet. Es hätte schlimmer sein können, wenn es niemanden gegeben hätte, mir wäre jeder Boden entzogen, das begreife ich heute. Meine Liebe ist nicht umsonst gewesen und wird es nicht sein.

Trotzdem werde ich todtraurig, weil ich meine Oma nicht mehr sehen kann, nicht mehr riechen, sie nicht aufmuntern kann. Die ersten Tränen um sie bringen mir eine Flutwelle von Tränen und ich weine auch den unerfüllten Lieben wieder hinterher, als wäre alles erst gestern gewesen.

Dann wandert mein Gehirn ist eine andere, längst vergangene düstere Ecke, die des Wahns, der mich einige Jahre innehatte. Mein Selbst war zerbrochen, ich war bis zur Unkenntlichkeit entstellt und unfähig, irgendetwas zu tun. Meinen eigenen Tod hatte ich vor Augen und dachte, ich hätte zu Ende gelebt. Und ich wollte mich rächen an denen, die mich so tief verletzt hatten. Rache und Hass hatten mich in der Gewalt, sie alle schlagen, sie treten, sie vernichten, nur tun konnte ich nichts, außer ununterbrochen zu rauchen.

Meine Brücke zur Welt war zerbrochen in dem Moment, als ich das Theater verließ, das ich nie verlassen wollte. Theater zu spielen war nicht nur mein Traum, es war meine Notwendigkeit, meine Unentbehrlichkeit. Der Verlust des Theaterbodens entzog mir jeglichen Überlebenssinn, auch die Fähigkeit nach vorn zu schauen und überhaupt eine Zukunft haben zu können.

Diese Tür schlug zu, als ich mit Anfang zwanzig meine unerfüllte große Liebe traf, den ich nie hassen konnte, auch nicht die anderen, die ich einst liebte, obwohl danach alles nur bergab ging, meine Urkatastrophe. Dazu kam die Wende, ich hatte die DDR vorher verlassen und viel zu schnell holte mich mein früheres Leben wieder ein, vor allem der Gedanke an eine entsetzlich schlimme Beziehung, wegen der ich damals in den Westen ging.

Auf Straßen übernachtete ich damals und in Kellern, betrunken oder nüchtern. Wie ein Köter schlich ich kraftlos und erniedrigt umher, landete in Kliniken, ohne Schlaf. Ganze Monate verbrachte ich im Bett, war nicht einmal imstande, mich zu ernähren. Ich wollte von überall flüchten, weg aus dieser feindlichen Umgebung, die sich gegen mich verschworen zu haben schien.

Oder wenigstens die ganze Menschheit retten und dafür sterben dürfen, mich wahnsinnig opfern.

Aber auch mein Leben wollte ich retten, in ein Kloster gehen oder vielleicht ins Gefängnis, nur aufgehoben sein. Vielleicht dafür töten, einen Fremden vor den Zug stoßen, aber überleben.

Es wird wieder kalt in meinem Kopf und ich fühle mich schuldig und unverstanden. Weit, sehr weit wäre ich gegangen, hätte ich gehen können, aber ich hing in meinem Kopf fest und hänge immer noch fest. Ich wusste nicht, wie zerbrechlich ich bin und ich musste mich aus dieser Panik heraus fast völlig in meine Gedankenwelt zurückziehen.

Es ist hell geworden, die Vögel machen Krach, schlafen werde ich heute nicht mehr.

Und umbringen könnte ich mich immer noch, diese Option bleibt. Ich verschiebe es ständig, das habe ich von einem Arzt gelernt, einfach aufschieben und abwarten, bis es besser wird.

Ich will unbedingt eine Zigarette rauchen, ich gehe um die Ecke zu dem Laden, in dem ich sie einzeln kaufen kann, aber der ist noch zu. Ich finde einen Bäcker mit einem Automaten, aber der will nicht. Natürlich sollte ich nicht rauchen, aber ich lasse mich nicht davon abbringen. Mir fällt ein, dass es gegenüber eine Kneipe namens „Gun Club“ gibt, die hat nur nachts auf.

Von außen sieht sie dunkel aus und als ich eintrete, ist es auch dunkel, verraucht und verdreckt. Dumpfe ältere Männer sitzen am Tresen, einer auf einem ranzigen Sofa. Ich bitte um eine Karte für den Automaten und kann endlich Zigaretten kaufen. Mit viel Kaffee schmecken sie auch um diese Uhrzeit, ich beruhige mich ein wenig.

Das Morgenlicht tut mir gut, es sind mir die liebsten Stunden, bevor die Stadt anfängt zu pulsieren. Leider erlebe ich das selten, nur wenn ich die Nacht lang schreibe, ansonsten stehe ich spät auf.

Nie wollte ich schreiben müssen, eine seltsame Furcht vor dem Schreiben befällt mich regelmäßig. Nun ist das Schreiben meine einzige Stütze und Krücke geworden, um durchzuhalten. Und in den Geschichten kann man umbringen, wen und was man will. Albert, mein zuverlässiges Notebook, ist mein treuer und stummer Diener.

Mir geht das Bild dieser abgelebten Männer in der Kneipe nicht mehr aus dem Kopf. Ich glaube, es reflektiert meinen Seelenzustand. Verbraucht, kaputt und unerlöst, eingesperrt in eine Düsternis aus verlorenen Träumen. Das Warten auf das Ende, mehr bleibt nicht, nur das Hirn martert jeden Einzelnen auf einer täglichen Streckbank, meine vielen Ichs, die alle gescheitert sind.

Eine Melodie im Hirn spielt mir den Satz „Mama, help me to live“ im Staccato vor.

Ich sehe im Spiegel wieder mal ein Gespenst. Mein Gesicht ist nie dasselbe, diese vielen Facetten machen mir immer noch Angst. Die kleinen Narben zeigen sich heute sehr deutlich. Bleich ist mein Antlitz und meine Augen schauen mich das Schicksal hinnehmend an.

Ich will es aber nicht hinnehmen, ich will nicht ewig in diese Einsamkeit eingesperrt sein.

Also schminke ich mir eine erträgliche Maske, das geht relativ schnell.

Eine Spam-Mail ist eingetroffen, „Man lebt nur einmal, probier´s aus“. Ich bin vielleicht froh, dass ich nur einmal lebe, der Geschmack ist jedenfalls bitter. Und ich rauche zu viel.

Heute nehme ich keine Anrufe entgegen, ich möchte keine Glückwünsche hören, ich werde außerdem nicht da sein. Gleich gehe ich in die Sauna, aus Vernunftsgründen natürlich. Danach treffe ich einen Freund, eine exzentrische Pizza essen. Er ist leider auch immer unglücklich.

Im Anschluss widme ich mich wieder den Dingen, auch aus Vernunftsgründen, die mich zu einem nützlichen Menschen umfunktionieren sollen. Ein Vortrag „Die Umsetzung internationaler Menschenrechtsnormen“. Ich lerne unentwegt, bin nachrichtensüchtig und kann und muss mich mit dem Elend der Welt beschäftigen. Helfen und Briefe schreiben für Leute in Gefängnissen, die gefoltert werden, denen es also noch schlechter geht, das halte ich unbedingt für sinnvoll.

Später gibt es noch einen Vortrag „Zum transgenerationellen Gedächtnis im heutigen Russland“. Es geht um die Verdrängung von Schuld- und Verantwortungsfragen. Danach werde ich nach Hause gehen, der Tag wird fast vorüber sein.

Ich bin wieder alltagstauglich geworden, die Sonne scheint gleißend in mein Zimmer.

Das Telefon klinget, sehr früh, mein Vater ist am Apperat, ich nehme doch ab, er sagt mir Glückwünsche und betont, dass er extra aus Polen anruft. Sein Geiz lässt aber nur eine halbe Minute zu, dann legt er auf.

Wie jeden Tag schaue ich nach dem „Astronomy Picture of the Day“ der NASA. Heute gibt es meinen Lieblingsmond zu sehen, wenn ein Teil hell, der andere dunkle jedoch noch zu erahnen ist. Dazu schweben Geisterwolken den Himmel entlang. Alles in betörendem Blau, wie bezaubernd.

Einen Satz habe ich gestern Nacht mit auf den Weg bekommen, er stammt von Kafka.

„Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg.“

Ich wünsche mir Glück.