Wall

November 6, 2009 von Juliane Catarina Rautenberg

zwischen den Meeren, die ungleich an Strömung sich barsten, am Beton der gnadenlosen Willkür der Geschichte,

bleiern das eine, mit Schlingpflanzen aus Lügen und Träumen, das karge Nachtquartier mit Obdachgarantie,

schimmernd das andere, mit unbekannter Tiefe, der ewige Sehnsuchtsretter für die Unentschiedenen,

die Ferne war meine Sicht, vom Scheitern bedroht, in den Strudeln der Überwachung und des grauen Verlebens,

nie eine Rückkehr war die Frucht meiner Angst, die sich durch meine verlassene Kindheit fraß,

unreif fiel sie mir vor die Füße und ich aß sie bitter, doch blendend süß war das andere Gewässer,

wie auf dem Schaukelpferd tanzten meine Sinne, erleichtert meiner Herkunft entflohen zu sein,

die schwerste Hürde glaubte ich genommen zu haben, so glühend im Innern und ohne schützende Hülle,

weit war das Gewesene, nur die Trauer umschlich mich, in den giftigen Nächten des Vergessenwollens,

als der Staudamm plötzlich hinweggejubelt wurde, verfolgten mich die Ahnungen der Friedlosigkeit,

zu gegensätzlich waren die Gewässer im Erwartungsdruck, eine rasche Verbindung würde so manchen in den Abgrund reißen,

ich wähnte mich in Sicherheit, hatte einen geringen Vorsprung, in einem Seerosenteich schwamm ich, voll von Blüten,

doch der Duft meiner neuen Heimat war flüchtig und bodenlos, mein Grübeln verfing sich in den krakenhaften Stielen,

es zog mich hinaus in das offene Meer jener Hoffnungen, die mit jedem Atemzug die eigene Zukunft verderben,

auf der Spur der Vergeblichkeit führte mein Pfad ins Nirgends, die Versunkene, ich, mein Denkmal aus Knochen und Wort.

Mein Jerusalem-Syndrom

April 22, 2009 von Juliane Catarina Rautenberg

In mir verschlingt mich ein Abgrund,
Berge von abgemagerten Leichen,
einst mit Baggern in den Gräben verscharrt,
die bleiben um mich herum liegen,
lassen mich auf jedem Weg stolpern.
Eines Tages wird es leicht sein.

Die Toten greifen nach meinen Gedanken,
zerren mich ziellos nach allen Seiten,
peitschen meinen Körper durch die Straßen,
ihre Augenhöhlen starren mich furchtlos an,
ihre Münder singen mir das Lied der Vergeblichkeit.
Eines Tages wird es leicht sein.

In den Öfen lodert noch immer das Feuer,
durch meinen Atem wandert die Glut,
aus den Lüften regnet die Asche hinab,
blendet meinen Blick für die Zukunft,
grau und bleischwer ist das Wasser.
Eines Tages wird es leicht sein.

Durch endlose Baracken muss ich ziehen,
die Räume voll von dunklen Haaren,
goldenen Zähnen, blitzenden Brillen,
wie Schlangen die Akten aus beschriebenen Papier,
der Abdruck des Sterbens aus Tinte so schwarz.
Eines Tages wird es leicht sein.

Ich will mein Kreuz nicht tragen können,
ich werde meine Adern aufschneiden,
das alte noch wirksame Gift schlucken,
ich werde mir den Strick um meinen Hals binden,
mir eine Kugel in meinen Kopf jagen.
Eines Tages wird es leicht sein.

„Sechs-Vier“

April 15, 2009 von Juliane Catarina Rautenberg

Über die 50 Tage des Rufes nach Freiheit in China lastet seit 20 Jahren offiziell noch immer ein eisiges Schweigen darüber.

In keinem Schulbuch und auch nicht in den Medien wird dieses Geschehen erwähnt, noch darf darüber straflos öffentlich diskutiert werden.

Auch wenn alle davon wissen, die Regierung will jegliche Erinnerung daran durch die Stummheit ihres Volkes zum Verschwinden bringen.

Doch das funktioniert ebenso wenig wie ein stählerner Mantel, der einen verunglückten Reaktor umklammert.

Der traumatische Inhalt strahlt fortwährend weiter, ohne Vergänglichkeit, mit der Ahnung einer Wiederkehr.

Wenn auch die Widerspenstigkeit der Jugend mit materiellen Zugeständnissen gedämpft wird, die Alten können die Jungen mit diesem Schreckgespenst nicht ewig töten.

Damals war die Statur der Göttin der Demokratie hoch genug, um einen langen Schatten über das Portrait von Mao zu werfen, wenn auch nur für drei Tage.

Der Schmerz über begrabenen Hoffnungen wuchert in die Seelen weiter, in den anklagenden Müttern, die ihre Kinder verloren haben.

In den Schwestern und Brüdern und auch in den jungen Soldaten, die befehlsgehorsam mit Waffengewalt gegen ihre gleichaltrigen Landsleute vorgingen.

Auszulöschen sind diese Bilder nicht, von den Tausenden, die zuversichtlich und friedlich ihre Zukunft selbst gestalten wollten.

Von der heranrückenden Armeeeinheiten, die diesen Protest gegen staatliche Willkür in ein Chaos verwandelten und es zu Ausschreitungen kam.

Von den Panzern, denen sich ein Einzelner todesmutig entgegenstellte, die jedoch nicht wichen und die Menschen überrollten.

Die vielen Toten und Verletzten, wie ein Schlachtfeld, die unfassbare Tragödie, die vor den abwartenden Augen der gesamten Welt geschah.

Der brennende Platz, der den himmlische Frieden besingt, aber auf dem der irdische Frieden aufs Grauenvollste missachtet wurde.

Alle Gedanken an dieses Massaker werden nie ein letztes Wort finden und die Sprache der Mutigen wird eines Tages die Flamme des Rechts entzünden.

Für Zhang Shijun

Abgetrennt

April 13, 2009 von Juliane Catarina Rautenberg

Ich kam in diese Welt, doch das Leben wirklich betreten durfte ich nie.

Nur sehen und hören konnte ich die Fülle und Vitalität der Geschöpfe.

Die Sehnsucht nach dem, was ich fühlte, brannte mich innerlich aus.

Gefangen im Zimmer hing ich in den Maschen der Vergeblichkeit.

Unter meinen wunden Füßen befand sich kein tragender Grund.

Sklavische Gedanken fesselten mich an meine unerreichbaren Eltern.

Der ständige Zwang in die Träume war meine Nahrung zum Überleben.

Meine gesamte Kraft reichte nicht aus, um eine Normalität zu erringen.

Heimat blieb ein Wort des Schreckens, weil es mich wie ein Messer traf.

Die Hoffnung zu glauben glitt mir wie das Wasser durch die Finger.

Kein fester Kern ließ mir auch nur einen Augenblick erlösender Ruhe.

Die Fremdheit mit allem und mir selbst war meine einzige Vertraute.

Schutz vor spurloser Vernichtung gab mir die Isolation einer Krankheit.

Trüb schien die Sonne auf meinen gepeinigten und unfähigen Körper.

In meinem Gehirn marterte das Siechtum in endlosen Schleifen.

Die Sprache verstand sich als Pakt der Vermeidung des frühen Todes.

Meine Anwesenheit schritt beständig durch den Vorraum des Wahns.

Die Anmut der Sterne nahm mir nicht die Angst vor der ewigen Nacht.

Allein durch meine Liebe wurde ich von jedem irdischen Ort vertrieben.

Mit tiefster Verzweiflung und Mutlosigkeit wurden meine Tage geflutet.

Und niemand hatte mich je gesucht und keiner konnte mich finden.

Fern von jeder Zuversicht wurde mein Seelenschatten immer größer.

Vertrauen schuf vielleicht die lebenslange Haft nur für das, was ich bin.

Silikose-Jeans

April 12, 2009 von Juliane Catarina Rautenberg

Auch schon Jeans in der Türkei gekauft?

Vor allem die mit dem schicken Stonewashed-Look?

Sie können teuer oder billig sein, der Preis dafür ist dort Menschenleben.

Dutzende Tote, hunderte Leidende, erkrankt an Silikose, der Steinstaublunge.

Mit lärmenden Sandstrahlern werden diese Jeans von Arbeitern gebleicht.

Ohne Atemschutz stehen sie mitunter 15 Stunden am Tag an den Maschinen.

Schon nach ein paar Jahren setzt sich der feine quarzhaltige Staub in ihnen fest.

Jene mineralischen Partikel lagern sich in ihren Lungen ab und vernarben das Gewebe.

In den Männern haust der verhärtete Sand und am Sand werden sie auch sterben.

Ihr Husten ist schmerzvoll und blutig, die Luft kann kaum noch durch ihren Atem fließen.

Es gibt keine Chance dem Tod zu entrinnen, sie werden bald jämmerlich ersticken.

Die gedankenlose Mode der aufgehellten Jeans verdunkelt für immer ihre kostbaren Leben.

Vergewaltigungsbastard

April 6, 2009 von Juliane Catarina Rautenberg

Patrick ist 14 Jahre und inzwischen alt genug ist, um zu begreifen, welche Bürde er zu tragen hat. Er weiß, dass er aus einer Vergewaltigung eines Hutu-Mannes an einer Tutsi-Frau während des Völkermordes 1994 in Ruanda entstanden ist. Diese Last der Geschichte seines Heimatlandes wird ihn sein Leben lang begleiten. Er kann nichts dafür, wie tausende andere Kinder auch, es war eben das Schicksal. Doch es quält ihn, nicht zu wissen, wer sein Vater ist, und zu wissen, wer sein Vater ist. Ein Mörder, der vor den Augen der Mutter drei ihrer Kinder umgebracht hat, bevor er sie vergewaltigte, somit ihn zeugte und sie mit HIV angesteckt hat. Zwei andere Kinder konnten sich rechtzeitig verstecken. Seine Halbschwestern waren auch der Grund, warum seine Mutter ihn nicht abgetrieben hat, weil sie Angst hatte, dass sie dabei stirbt und ihre Töchter allein bleiben würden, denn auch ihr Mann und ihre gesamte Familie, ihre Geschwister, ihre Nichten und Neffen wurden an einem Tag getötet. Das alles hatte sie Patrick erzählt, nachdem er sie danach gefragt hat. Aber er ist froh und dankbar, dass er lebt. Seine Mutter liebt ihn trotzdem, auch wenn sie das Gesicht ihres Peinigers vor Augen hat. Sie versucht es zu verdrängen, aber an den Blicken mancher Nachbarn sieht sie die Vorwürfe, wie sie so ein Mörderkind auf die Welt bringen konnte. Es war und bleibt ein harter Kampf, sie beschützt ihren Sohn und auch ihre Töchter halten zu ihrem jüngeren Bruder. Viele andere haben das nicht geschafft und solche Kinder verstoßen. Patrick kann sogar zur Schule gehen, seine Mutter bezahlt das teure Schulgeld. Eigentlich müssen Kinder von Opfern kein Schulgeld bezahlen, aber Patrick ist der Sohn eines Täters. Das bekommt er auch oft von seinen Mitschülern zu spüren, einige meiden ihn oder nennen ihn Vergewaltigungsbastard.

In der Gemeinde sind viele verbittert, weil sie ihre Angehörigen, ihre Väter, Mütter, Kinder verloren haben und die Mörder nicht bestraft wurden, die Wunden heilen nicht wirklich. Aber Patrick hat auch Freunde gefunden, sie sprechen manchmal über das, was vor 15 Jahren geschah. In der Schule wird darüber nur selten geredet, aber die Kinder wissen Bescheid, denn er gibt einen weisen Mann, Théoneste, den sie alles fragen können und der keiner ihrer Fragen ausweicht. Théoneste war immer ein moderater Hutu und hatte sich damals entschieden gegen das Abschlachten der Tutsi gewehrt, jetzt setzt er sich für ein versöhnliches Miteinander ein. Aber nur unter einer Bedingung, die ganze grausame Wahrheit muss ausgesprochen werden und auch die Ursachen dafür sollen entlarvt und verstanden werden, damit sich so ein Verhängnis nicht wiederholt. Théoneste ist ein gebildeter Mann, er stammt aus dem Norden Ruandas und hatte mit seinem zehn Jahre jüngeren Namensvetter Théoneste Bagosora, ebenfalls Hutu, eine katholischen Missionsschule besucht. Bagosora ging zum Militär und machte dort Karriere, schon bald gehörte er zum inneren Zirkel der Macht. Und er war es, der mehr als zwei Jahre vor dem Genozid eine so genannte Denkschrift zur Feinderklärung ausarbeitete und diesen Völkermord minutiös plante. Die Tutsi sollten vollständig vernichtet werden, ebenso Hutu-Oppositionelle, dafür wurden Hutu-Milizen ausgebildet und monatelang umfangreiche Todeslisten erstellt. Die Ausbildung der Armee und die Waffenlieferungen kamen aus dem fernen Frankreich. Auch Théoneste hätte Karriere machen können, doch er sah, mit welcher vehementen Kaltblütigkeit seine Mitschüler in höhere Positionen strebten, er ahnte schon früh, dass Machtbesitz die Menschen korrumpiert und er wollte sich nicht die Finger schmutzig machen. Aber dass es einmal so weit kommen würde, das hätte er nie vermutet, zu sehr glaubte er an das Gute im Menschen, die Kirche hatte es immer gepredigt. Doch dann waren die Früchte auf ihre eigene Weise reif geworden und hatten sich von jeder Menschlichkeit entfernt.

Dieser Schock wütet weiter in seinen Gedanken, aber Théoneste setzt seine Hoffnung auf die Jugend und versucht ihnen immer wieder die Ereignisse und deren Zusammenhänge zu erklären. So erfuhren die Heranwachsenden, wie Horden von Männern über ihre Verwandten herfielen, sie mit Macheten und Keulen niedermetzelten, ihre Häuser plünderten und niederbrannten, sich die Frauen und Mädchen mit Gewalt nahmen und die Kinder zerstückelten. Als würden sie ganz normal zur Arbeit auf ihre Felder gehen, so gingen die Männer damals auf Menschenjagd, von früh bis abends, danach zu Bett, um am nächsten Tag weiter zu morden. Ihre Opfer waren für sie keine Menschen mehr, Tutsi waren nur noch Gewürm, Steckmücken, Kakerlaken und ähnliches Ungeziefer oder auch Buschwerk, das man schneiden, also töten muss. Die Kinder der Tutsi wurden als Unkraut bezeichnet, das es zu vernichten galt, das hatten die Hutu schon Monate vorher im Radio gehört. Und sie waren voller Hass, hatte sich doch die Minderheit der Tutsi lange als Herrenrasse gefühlt, nun waren es die Hutu, die überlegen waren.

Lange lebten die Völker auf diesem grünen Flecken Afrikas gut miteinander, bis die Kolonialmächte, erst Deutschland, dann Belgien rassistische Ideen in die Köpfe der Einwohner brannten, sogar in den Ausweisen war fortan die ethnische Zugehörigkeit vermerkt. Man misstraute einander immer mehr, bis sich diese explosive Mischung durch ständige gegenseitige Massaker verstärkte. Das Land war bald wie flüssiges Benzin, nur ein kleiner Funken genügte, um einen verheerenden Brand auszulösen. Das Schlimme daran war, so Théonestes Meinung, diese Katastrophe war eigentlich kein ethnisches Problem, auch wenn sie sich auf diese Art entlud, noch hatte dieses Unheil etwas mit Überbevölkerung oder Landknappheit zu tun. Es ging um die pure Macht und das Kalkül der extremen Hutu, hunderttausende Menschen zu opfern, um an der Regierung zu bleiben. Aber auch Teile der Tutsi waren nicht zimperlich, auch sie mordeten, auch sie beanspruchten die Staatsführung. Diese Besessen gieren immer nach einem Platz in der Geschichte auf Kosten der Bevölkerung, die sich als williges Werkzeug zur Verfügung stellt. Sie schicken ihre Truppen, die für sie die Drecksarbeit verrichten. Wie vor 15 Jahren, als Zehntausende ganz freiwillig zu ihren Macheten griffen und zu den furchtbarsten Dingen fähig waren. Ein Menschenleben zählt nichts beim Spiel der großen Männer, auch Millionen nicht. Was für ein Elend sich die Menschen gegenseitig nur antun können, was für eine absolute Sinnlosigkeit. Und jede Sprache wird versagen, weil es keine Worte für diese Tragödie gibt.

Aber Théoneste erzählt immer wieder davon, vielleicht auch, weil er hofft, seine nächtlichen Alpträume damit zu bezwingen. Da waren sie wieder, diese Bilder von den Leichenbergen, von Fliegenschwärmen bedeckt und an denen sie Vögel zerrten, die Knochen- und Kleiderreste, die den Wiesen die grüne Farbe nahmen. Überall lagen abgeschnittene Gliedmaßen herum, die Opfer sollten leiden, bevor sie starben. Manche bezahlten sogar Geld, damit man sie gleich erschoss und nicht erst die Hände und Füße abtrennte. Einige mussten ihre Ehepartner und Kinder selbst töten, bevor man sie erschlug, manche wurden zum Inzest gezwungen. Man trieb Menschenmengen in Schulen und Kirchen zusammen und zündete diese dann an. Es wurde gefoltert und gequält über jedes Maß hinaus, Menschen wurden zum Kannibalismus gezwungen, auch Kinder töteten Kinder. Die Flüsse und Seen waren voll von Blut und leblosen Körpern, der Gestank war unerträglich, aber wie im Rausch ging das Morden wochenlang weiter. Théoneste überlebte, weil man ihn achtete, doch er hatte sich oft den Tod gewünscht, weil er nicht ertrug, was er damals sehen musste und weil er nichts verhindern konnte. So viele seiner Freunde waren gestorben, aber ebenso viele waren plötzlich zu Mördern geworden. Sie leben immer noch hier und man spricht und arbeitet zusammen, aber diesen Abgrund würde er nie überwinden können. Er sieht in die traurigen Augen der Überlebenden, in die verdrängenden Mienen der damaligen Täter, doch nur die fragenden Gesichter der Kinder sind seine Kraftquelle und ihr Lachen, das über die Massengräber schallt.

Besonders kümmert er sich um Patrick, der ist wissbegierig und schon sehr erwachsen für sein Alter, viel Kummer und Demütigungen hat er in seinem kurzen Leben schon ertragen müssen. Er will alles besser machen und seiner Mutter zeigen, dass es gut und richtig war, ihn als Sohn zu akzeptieren. Natürlich fehlt ihm ein Vater, aber viele haben keine Väter und auch keine Mütter mehr, meist waren diese an AIDS gestorben. Aber wen interessiert das schon, die Welt schaut immer nur weg. Patrick hat gelernt, sich nur auf sich selbst zu verlassen und gut in der Schule zu sein, vielleicht hätte er dann eine Chance in der Stadt. Er fragt sich oft, ob sein Vater noch lebt und ob er nach Osten geflohen war, hat er in einem Flüchtlingslager weiter getötet und vergewaltigt oder wurde er, wie so viele, von den Tutsi-Rebellen ermordet. Patrick wird es nie erfahren, aber in ihm ist diese tief sitzende Angst, dass der Frieden derzeit nur die Oberfläche glättet. Er weiß, der Schrecken des Krieges hat sich nur verschoben, von Ruanda nach Ostkongo. 15 Jahre Völkermord und noch kein Ende in Sicht.

Adamas

Februar 16, 2009 von Juliane Catarina Rautenberg

In jedem Lebewesen wohnt die Sehnsucht, unbezwingbar sein zu können, keine Angst und keinen Tod zu erleiden. Und der Mensch glaubt, er könne diese Gesetze eines Tages aushebeln und das Unvermeidliche besiegen. Vielleicht schafft er das auch, indem er sich seines Körpers entledigt und sich selbst als eine Maschine aus metallenen Neuronen erzeugt, die ganz Geist ist und so die Erde verlässt, in eine Zukunft, die längst vergangen ist.

Doch wohin in diesem dunklen Weltall? Zu den Planeten aus Gold und Diamant?

Im Gepäck die Urknallverehrung und die Erkenntnis über die Beschaffenheit des Universums?

Die gigantische Schönheit des Kosmos macht seine Gleichgültigkeit nicht erträglicher. Hat die Natur uns unsere Existenz zwar ermöglicht, so bleibt sie jedoch ungerührt und herrisch unseren Kämpfen und Mühen gegenüber. Wir sind ihrer Willkür und ihren Launen ausgesetzt, dem planlosen Prozess, der kein Ziel zu kennen scheint, nur fortwährende neue Resultate.

Auch in uns weilt kein festes Wesen, keine wirkliche Identität, wir sind vielleicht nur das Ergebnis unserer uns hetzenden Dämonen, die uns sehend blind für das Kommende machen. Unser menschliches Auge hat die Welt durch unsere Beobachtung und Interpretation in ihrer Ordnung erst festgelegt. Eigentlich hat sie nichts Böses in sich, das Böse ist nur ein Phantom unserer Projektion und dadurch wird es zur Realität. Unser Denken hat es erweckt, als wir merkten, dass niemand schuldlos bleiben kann, denn jedes Tun hat immer unabsehbare Folgen.

In guter Absicht einem anderen zu schaden, bleibt ein Dilemma, welches nicht aufzulösen ist. Wir benutzen diese fatale Schwierigkeit, um unsere Kriege zu rechtfertigen. Und unsere Ohnmacht über unser Schicksal brütet den Hass aus, der uns in seiner Dynamik ständig elektrisiert. Angetrieben von Furcht hängen wir der Idee der Bekämpfung des absolut Bösen an und werden automatisch genau dazu verleitet.

Das Böse zu postulieren beraubt uns aber der Verantwortung, ein wahrhafter Mensch zu bleiben. Es macht den Krieg zum Erzeuger der Dinge, entlässt die eigene Vorstellung von einer Hölle in die Wirklichkeit und entfesselt die zerstörerischen Ideen, unbesiegbar zu sein. Den Zufall können wir im Zeitalter des alles vernichtenden Unfalls nicht als Freund begreifen, nichts lindert den Schrecken über die eigene Sterblichkeit. Um eine Auslöschung zu verhindern, codieren wir krankhaft unsere Realität in die Form der Mathematik, die den Schmerz nicht kennt und die alle Brücken in die Lebendigkeit abbricht.

Wenn wir das Leben auf diese Weise verlieren, nur noch aus Geist bestehen und auch der Tod nicht mehr leibhaftig sein will, wir uns durch uns selbst verlassen haben, sind wir dann erlöst oder in der endgültigen Katastrophe?

Das Echo aus unserem Gedächtnis zeigt uns den Weg zu den Elementen, in die letzte Energie der kleinsten Zeit. Eine Zahl, die nie nichts sein kann, denn auch die kleinste Zeit ist endlich.

Es bleibt ein Unbezwingbares, etwas Gutes?

Schrei, wenn Du nicht kannst

Februar 13, 2009 von Juliane Catarina Rautenberg

Wie wäre es, wenn Dir jemand von hinten eine Decke über den Kopf wirft, Dich schnell fesselt und Dich in einer fremden Sprache anschreit und Dich in einen dunklen LKW verfrachtet, in dem Du dann ganz allein sitzt und nur spürst, dass gerade etwas Schreckliches passiert, nur Du hast keine Erklärung dafür. Du kniest auf dem staubigen Boden des fahrenden Autos, es ist absolut dunkel und Du begreifst nicht, welchen Sinn das Ganze hat und Du hoffst, dass es nur ein böser Alptraum ist. Und während Du Dich andauernd fragst, was jetzt mit Dir geschieht, merkst Du, wie in Dir die Angst hochkriecht, ganz langsam und bedrohlich. Du versuchst Dich zu beruhigen und denkst, dass es sich nur um eine Verwechslung handeln kann. Dann hält der Wagen, jemand öffnet die Tür und gleißendes Sonnenlicht fällt herein. Zwei maskierte Männer zerren Dich heraus und wieder bedecken sie Dich sehr schnell, dass Du nichts sehen kannst, aber Du hörst ihre aggressiven Stimmen. Sie packen Dich so derb an den Armen, dass Du aufschreien musst, in dem Moment schlägt Dir jemand auf den Hinterkopf und vor Deinen Augen wird es noch schwärzer, nur ein paar Lichtpunkte tanzen herum, dann sackst Du zusammen.

Wie viel Zeit vergangen ist, weißt Du nicht, als Du wieder zu Dir kommst, Du versuchst Dich zu bewegen, aber Dein Körper will Dir nicht gehorchen, jeder Knochen tut Dir weh. Deine Augen wagst Du kaum zu öffnen, nur langsam schaust Du durch einen Schlitz, ein grelles weißes Neonlicht an der Decke blendet Dich und Du liegst zusammengerollt auf einer dreckigen Matratze, um Dich herum kahle dumpfe Wände. Es ist ein kleiner Raum, kein Fenster, in einer Ecke steht ein Eimer und Du bist völlig allein. Es ist still, doch Du kannst Dein Herz pochen hören, sogar wie Dein Blut durch Deine Adern fließt, Du hast noch nie so schwer geatmet und Dein Atem wird immer schneller, je länger Du Dir vorstellst, dass Du vielleicht verloren bist, weil niemand weiß, was mit Dir geschieht. Einen klaren Gedanken kannst Du nicht fassen, Deine innere Stimme scheint sich andauernd selbst zu wiederholen mit der Frage nach dem Warum, es hämmert in Deinem Kopf, dass Du glaubst, er würde fast zerspringen. Du bist unendlich müde, doch so sehr Du Dir auch wünschst einschlafen zu können und die Augen schließt, Dein Hirn ist hellwach, nur Dein Körper liegt bleiern da, als würde er nicht zu Dir gehören, die Stunden scheinen aus unendlichen Sekunden zu bestehen.

Plötzlich kommen Schritte näher, es keimt ein bisschen Hoffnung in Dir auf, dass man Dich hier herausholen würde. Zwei Männer kommen herein, sie sagen nichts, sie heben Dich hoch, der eine brüllt Dich an, dass Du gefälligst laufen solltest. Also läufst Du in ihrer Mitte durch einen schmalen dunklen Gang an vielen Türen vorbei, aus denen Du unverständlich Laute wahrnimmst. Dir wird klar, dass Du in einem Gefängnis bist und hinter diesen Türen auch andere Menschen eingesperrt sind. Du wirst in einen grell beleuchteten Raum geführt, in dem nichts als ein unbequemer Stuhl steht. Du sollst Dich setzen, die beiden Männer stehen neben Dir, sie fragen Dich in einem Befehlston abwechselnd nach Namen, die Du noch nie gehört hast, immer und immer wieder. Sie wollen weder wissen, wie Du heißt, noch irgendetwas anderes über Dich und Du versuchst, ihnen zu erklären, dass das alles nur ein Irrtum sei. Sie wiederholen diese fremden Namen ohne Pause, es will kein Ende nehmen. Du kannst nur sagen, dass Du diese Personen nicht kennst, Du rutschst fast vom Stuhl vor Erschöpfung. Dann führen sie Dich wieder in die Zelle, die Du jetzt aufmerksam betrachtest. Aber es gibt nur diese Matratze und den Eimer, der das Klo ersetzen soll, kein Wasser. Deine Kleidung ist dreckig, Du möchtest eine warme Dusche nehmen oder Dir wenigstens die Hände waschen, Du fühlst Dich schmutzig wie ein Tier und hast einen unbeschreiblichen Durst und Hunger. Du versuchst Dich zu erinnern, was Du gemacht hast, bevor sie Dich verschleppt haben, es war ein ganz normaler Tag, wie die Tage zuvor. Dein Leben war bisher in einfachen Bahnen verlaufen, Du kannst eine Schuld nicht finden und noch glaubst Du, dass die anderen das auch erkennen werden. Dieser Gedanke beruhigt Dich und Du beginnst Dich nach dem Sonnenlicht zu sehnen, nach Straßen und Wiesen, nach Deiner Familie und nach dem Geruch von Benzin.

Deine Tagträumerei wird unterbrochen, jemand bringt Dir wortlos Brot und Wasser. Du überlegst, ob Du es trinken oder Dich damit waschen sollst, aber es ist zu wenig und Du entscheidest Dich, es lieber zu trinken, das Brot ist nicht frisch, aber es schmeckt. Du sitzt auf der Matratze und beobachtest die rissigen Wände, die Zelle ist klein, nur sechs Schritte lang und vier Schritte breit. Also wartest Du, nichts passiert, Ewigkeiten lang, dann legst Du Dich wieder hin, für einen Moment schläfst Du ein, dann kommen wieder die beiden Männer und die selbe Prozedur beginnt von vorn, der gleiche Raum, die gleichen Namen, die Du nicht kennst, die Männer werden ungeduldiger und brüllen Dich an, aber sie schlagen Dich nicht. Nach Stunden bringen sie Dich zurück, Du bist innerlich so aufgeputscht, dass Du ein paar Schritte hin und her läufst, Du wirst wütend, im nächsten Moment aber wieder gleichgültig. Du verlierst jedes Zeitgefühl, die Männer holen Dich immer wieder, reißen Dich aus dem Schlaf oder aus Deinem Dämmerzustand. Wie viele Tage oder Wochen Du schon hier bist, weißt Du nicht, nur eines weißt Du, Du kannst Dir niemals sicher sein, wann sie kommen und ob es Tag oder Nacht ist. Deine Furcht kannst Du nicht bändigen und Du verstehst nicht, warum diese Männer Dir nicht zuhören wollen, wenn Du ihnen erzählst, was Du in Deinem Leben bisher gemacht hast. Immer wieder grübelst Du vor Dich hin, denkst an Deine Kindheit, an Deine Eltern und Geschwister, den Fehler, den Du gemacht hast, als Du Dein Heimatdorf verlassen hast. Und Du fühlst Dich schuldig, Du hättest nicht gehen sollen, dann wäre das alles hier nicht passiert. Deine Einsamkeit bringt Dich langsam an den Rand. Wenn Du schläfst, träumst nicht mehr, die Welt da draußen scheint ohne Dich einfach weiterzugehen.

Dann geschieht etwas Unerwartetes, ein freundlicher Mann besucht Dich, gibt Dir endlich saubere neue Kleidung, lässt Dich duschen gehen und erwartet Dich in seinem Büro. Du spürst das erste Mal ein Art von Erleichterung, da ist einer, der Dich ernst nimmt, sein Büro ist ordentlich, dieser Mann hat ein sicheres und ruhiges Auftreten. Er sitzt an einem einfachen Tisch, eine Akte vor sich liegend, an den Wänden hängen zwei unauffällige Bilder, alles ist in Grau gehalten, das Licht ist warm und der Sessel, auf den Du Dich setzen sollst, ist außerordentlich bequem. Du bist allein mit ihm und er sagt in einem väterlichen Ton, dass ihm die Unannehmlichkeiten Leid tun, aber er müsse jetzt wirklich genau wissen, welche der schon genannten Personen Du kennst, deren Namen Du inzwischen auswendig weißt. Du verneinst erneut, dieser Mann wird strenger und stellt Dir die selbe Frage noch einmal. Plötzlich fängst Du an zu weinen, hemmungslos wie ein Kind und bittest ihn um Gnade und dass Du nichts getan hättest und gar nicht wüsstest, warum Du hier bist. Seine Antwort ist eindeutig, er wisse die Wahrheit, wolle sie aber von Dir hören. Du hattest gehofft, er würde den Irrtum einsehen, aber nun begreifst Du, dass niemand Dich für den hält, der Du bist. Der Mann schaut in die Akte und erklärt, dass Du aus Deinem Dorf gegangen bist, weil Du Dich einer terroristischen Organisation angeschlossen hättest, Du schüttelst nur mit dem Kopf, sprechen kannst Du nicht mehr, nur noch schluchzen, zusammengekauert klebst Du in dem Sessel. Der Mann schweigt bis Du Dich beruhigt hast und meint, er gäbe Dir eine zweite Chance, Du sollst ihm nochmal genau erklären, was Du in den letzten Monaten gemacht hast. Du fängst an zu erzählen, er notiert sich alles, ohne Dich dabei anzuschauen. Als Du fertig bist, will er wieder wissen, ob Du die besagten Personen kennst. Dir fällt nichts mehr ein, es ist eine absolute Leere in Dir, der Mann weist Dich darauf hin, dass er noch viel Zeit für Dich haben würde, bis Du Dich endlich erinnerst. Aber, so fügt er hinzu, gäbe es noch ganz andere Wege dafür, bis die ganze Wahrheit ans Licht kommt, schließlich habe man Dich bisher noch gut behandelt, das würde ich nun ändern.

Du wirst in Deine Zelle geführt, man befiehlt Dir, stehen zu bleiben, Du tust es. Nach einer Weile hältst Du das nicht mehr aus und setzt Dich, in dem Moment geht die Tür auf, jemand tritt Dir gegen Deine Beine, Du stellst Dich wieder hin. Irgendwann verlassen Dich Deine Kräfte, Du fällst zu Boden, dann ertönt laute Musik, immer das selbe grauenvolle Lied, stundenlang. Du schreist und schlägst um Dich, hämmerst an die Wände, schlägst mit Deinem Kopf auf die Matratze, doch es hört nicht auf. Es ist das erste Mal, dass Du daran denkst, sterben zu wollen. Dann wieder Stille, jemand kommt in Deine Zelle, nimmt den vollen Eimer aus der Ecke und gießt Dir den Inhalt über Dich und die Matratze. Diesen Geruch wirst Du fortan ertragen müssen, Dir ist übel, aber übergeben kannst Du Dich nicht, zu wenig hast Du in der letzten Zeit gegessen. Als die Tür sich wieder öffnet, flehst Du den Mann an, Dich waschen zu dürfen, er lacht und erwidert, dass Du das haben kannst. Du wirst in einen Raum mit weißen Kacheln gebracht, eiskaltes Wasser kommt aus einer Brause von oben, das den Boden bald knietief bedeckt. Du zitterst und heulst, von draußen schreit der Mann, dass Du wie ein Schwein stinkst und ein Schwein muss wie ein Schwein behandelt werden. Deine Lippen sind blau, Deine Hände und Dein Gesicht rot angelaufen, erst dann lassen sie Dich heraus, Du darfst in Deine Zelle gehen, in der es immer noch voll von Kot und Urin ist. Du hast keine Kraft, Dich aufzulehnen, Du lässt es einfach geschehen und betest für Deinen Tod.

Wieder kommt der Mann und befiehlt, dass Du Dich ausziehen sollst, Du tust es widerstandslos. Nackt führt man Dich durch die Gänge, Du siehst nach der langen Isolationshaft andere Häftlinge, die auffällige Anzüge tragen. Einige starren Dich mit resignierenden Augen an, Du fühlst Dich gedemütigt, weil Du nackt bist, kalter Schweiß rinnt an Dir herunter, noch nie hast Du Dich so ausgeliefert gefühlt, lieber sollen sie Dich schlagen, denkst Du und Du weichst den Blicken aus. Sie bringen Dich wieder in das Büro mit dem bequemen Sessel, aber Du musst so wie Du bist stehen bleiben. Der Mann, der freundlich und streng sein konnte, mustert Dich von oben bin unten, was Dir absolut unangenehm ist. Er sagt zu einem anderen, dass man Dir einen neuen Anzug bringen soll, Du ziehst ihn schnell an, dann darfst Du Dich setzen. Wieder fragt der gut gekleidete Mann nach den Personen oder nach Freunden, die mit ihnen arbeiten. Diesmal musst Du unwillkürlich lachen, es ist nicht komisch, aber Du kannst nicht anders und Du erwiderst, dass das absurd sei. Der Mann antwortet, dass er entscheide, was absurd ist und Du solltest endlich kooperieren, jede Böswilligkeit lässt sich kurieren und jede Lüge entlarven, er wolle Dir doch nur helfen, es sei das Beste für Dich, wenn Du zugibst, was Du vorhattest. Ein Fremder kommt herein, er ist aufgebracht und schreit, dass Du bald fällig bist, Dein Tod würde sowieso niemand bemerken. Dein Mund wird trocken, Deine Hände klammern sich aneinander, angsterfüllt und bittend schaust Du herum. Freundlich und bestimmt schickt der Mann den Fremden heraus und fragt Dich noch einmal sehr ernst, ob Du nun die Wahrheit preisgeben würdest, sonst könne er nicht mehr für Dich garantieren. In Deinem Gehirn rasen die Gedanken, was das wohl heißen könne, nicht mehr garantieren. Du hattest immer an eine höhere Gerechtigkeit geglaubt, an einen Gott, der schützende seine Hand über Dein Schicksal hält und nun bist Du verlassen worden. Auch der freundliche Mann würde Dich verlassen, er war eine Art Anker geworden, aber er meinte nun, dass er nichts mehr für Dich tun könnte.

Man führt Dich eine neue Zelle mit einem kleinen Fenster, kettet Dich aber an, das Neonlicht an der Decke flackert ununterbrochen, die Wände sind so dünn, dass Du Deinen Nachbarn hören kannst. Er fragt Dich, wie lange Du schon hier bist, aber das weißt Du nicht, Monate vielleicht, es könnte Sommer oder Herbst sein, Du hast Deine Orientierung verloren. Du erfährst, dass es viele wie Dich hier gibt, dass einige schon gestorben sind oder sie haben sich umgebracht. Auch für Dich ist Selbstmord eine Alternative geworden, nie hättest Du gedacht, dass es soweit mit Dir kommen könnte, Deinem Leben ein Ende setzen zu wollen. Noch aber atmest Du und die Frage ist auch, wie stellt man das am besten an, Du hast nichts außer Deinem Anzug, einer Isomatte und einen Eimer gibt es auch nicht mehr, dafür ein Loch mit einer Spüle. Das Essen ist etwas besser geworden, aber was Du von Deinem Nachbarn erfährst, übersteigt jede Vorstellungskraft. Er erzählt, dass man hier auf jede erdenkliche Weise versucht, den Willen der Gefangenen zu brechen, dass sie Dich foltern werden, Dich mit Stromstößen behandeln, Dich stundenlang in Ketten von der Decke hängen lassen, Dir Drogen verabreichen, Dir die Finger brechen oder sogar amputieren. Manchen wurden Infusionen und Einläufe verabreicht, andere vergewaltigt, besonders oft kommt es vor, dass sie gesunde Zähne ausziehen oder einen in die berüchtigte Blackbox sperren, wo Du nichts siehst, hörst, schmeckst, riechst und nichts berührst, weil sie Dich in einen festen Käfig stecken, in dem Du Dich nicht mehr bewegen kannst. Einige seien daraufhin verrückt geworden, sie würden sich einbilden, bald zu Gott zu kommen oder Gott zu sein. Manche singen nur noch Lieder aus der Kindheit, aber die würden dann auch bald verschwinden und niemand weiß, wohin.

Du bist so schockiert, dass Du Dir wünschst, dies alles nie erfahren zu haben und fragst, wieso sie das tun können und ob es hier keine Ärzte gibt. Dein Nachbar findet Dich naiv und belehrt Dich, dass es etliche Ärzte gibt, die hier arbeiten und die Folter überwachen, damit Du nicht stirbst, schließlich wollen Dich lebendig haben, um an Informationen heranzukommen. Du sagst, dass Du keine hättest, Dein Mitgefangener meint nur, dass es letztendlich egal sei, sie würden aus jedem das herauskriegen, was sie hören wollen. Das Licht flackert weiter und Deine angeketteten Füße schmerzen, Du bist entsetzt und schweigst, da tönt es von nebenan, dass das hier die Hölle sei, man kann sich nur daran gewöhnen oder sterben. Das kalte Grausen holt Dich nun in den Nächten ein, Du bist in endlosen Gedankenschleifen aus blankem Horror gefangen.

Am nächsten Tag wirst Du abgekettet und darfst Du das erste Mal einen Rundgang machen, das blendende Sonnenlicht verträgst Du kaum, Dir wird so schwindelig, dass Du wieder in Deine Zelle möchtest, doch sie lassen Dich nicht. Nach einer Weile nimmt Deine Blindheit ab und Du siehst hagere Gestalten, manche haben schiefe Arme und Beine, jemand flüstert Dir ins Ohr, dass sie gebrochen und nicht behandelt wurden und nun humpeln sie armselig über den Beton. Manchen hätten sie auch Beine abgenommen unter dem Vorwand, dass diese nicht gesund sind. Du hältst diesen Anblick kaum aus und denkst, wenn Du so tust, als ob Du verrückt wärst, vielleicht würden sie Dich gehen lassen und Du ersinnst einen Plan, schlimmer kann es nicht werden, es muss einen Ausweg geben. Du fängst an zu singen und zu lachen, ein Aufseher ist irritiert und sperrt Dich ein. Auf die Frage, was das soll, jubelst Du, dass es Dir so gut gehe und dass alle Menschen Deine Brüder sind und Du versuchst, den wütenden Aufseher zu umarmen. Der wirft Dich in die Ecke und prügelt Dich solange, bis Deine Zähne wackeln und das Blut aus Deinem Mund strömt. Bald darauf kommt ein Fremder, der sich als Arzt vorstellt, er hat eine Akte in der Hand und zeigt sich besorgt über Deinen Zustand. Er möchte von Dir wissen, ob Du einverstanden bist, wenn Du Dich wirklich psychisch krank fühlst, dass er eine Elektroschocktherapie oder auch einen gehirnchirurgischen Eingriff bei Dir vornehmen kann. Du bist plötzlich hellwach und beteuerst, dass das nur ein Spiel war, Du wolltest nur einen Test machen, aber Du seist vollkommen in Ordnung. Der Arzt nickt und sagt, dass es ja dann gut sei und geht. Du bist total aufgewühlt und Deine Nerven liegen so blank, dass Du die Schmerzen von den Schlägen nicht mehr spürst und Du versprichst Dir selbst, Dich fortan wieder zu benehmen.

Dein Zellennachbar macht sich bemerkbar und meint nur, dass Du Dich sehr dumm angestellt hättest, dass die genau wissen, wie man Menschen einschätzt und sie in Typen kategorisiert, dass es genug psychologische Studien darüber gibt und die dafür ausgebildet sind, Häftlinge auszuhorchen, zu misshandeln und sie dahin zu bringen, wo sie sie haben wollen. Du fragst ihn, woher er das weiß und er sagt, dass er früher Psychologie studiert hat, außerdem sei er in einem Camp ausgebildet worden, dort hätte er gelernt, was man von einem Feind zu erwarten hat. Du hakst nach, ob er denn ein Terrorist sei, er verneint es nicht, Du unterbrichst ihn und versuchst ihm zu erklären, dass Du unschuldig bist, aber er meint lapidar, dass hier jeder ein Terrorist wird. Das macht Dich sprachlos, Du willst immer noch auf Dein Recht pochen, aber an dem Ort, wo Du bist, gibt es kein Recht mehr, doch das kannst Du nicht wahrhaben wollen, weil Du Angst hättest, Deinen Verstand zu verlieren. Ohnmacht und Hilflosigkeit bestimmen Dein Denken, Du überlegst, ob es nicht klüger ist, einfach zuzugeben, dass Du die Namen, die sie Dir ständig gesagt haben, kennst, vielleicht würden sie Dich dann besser behandeln. Mit Deinem Nachbarn willst Du vorerst nicht mehr reden, er ist Dir unheimlich, aber mit irgendjemandem musst Du sprechen, er ist durch diese Situation ein Verbündeter geworden.

Ein paar Tage hast Du Ruhe, nur Deine Zähne tun Dir unbeschreiblich weh. Dann wirst Du abgeführt, diesmal in einen neuen Raum, in dem eine Liege steht, dort schnallt man Dich fest. Sie legen Dir ein Tuch über das Gesicht, dann gießen sie Dir Wasser über den Mund, Du bekommst keine Luft mehr und Dein Atem stockt, die blanke Panik macht sich in Dir breit, es ist, als würdest Du ertrinken. Dann eine Pause und wieder das Wasser, Dein Körper krampft sich zusammen, Du spürst, wie sich die Riemen in Deinen Leib schnüren. Sie wiederholen dies mehrere Male, dann nimmt Dir ein Mann das Tuch weg. Atemlos und ermattet blickst Du ihn an, er guckt nur, wie Du Dich windest, seinen scharfen Tonfall hörst Du wie von weitem, in Deinen Ohren ist noch Wasser, aber Du verstehst, dass Du ihm Namen von Hintermännern geben sollst, also nennst Du die, die sie Dir die ganzen Monate eingbleut haben, damit sie zufrieden sind und das Ertrinken aufhört. Doch der neue Vernehmer unterstellt Dir zu lügen, Du nickst und wieder legen sie Dir das Tuch auf Dein Gesicht. Du kreischst verzweifelt, dass Du alles sagen würdest, was sie wollen und sie nennen Dir neue Namen, Du hörst Dich immer nur Ja sagen. Sie glauben Dir nicht, aber sie sind fertig für heute und Du darfst zurück in Deine Zelle. Völlig erschöpft liegst Du auf der Matte, wimmernd und zusammengeringelt wie ein kleines Kind. Du kannst nicht mehr, Du willst nicht mehr, Du fragst Dich, was sie noch wollen, das nächste Mal wirst Du sie bitten, Dich zu töten.

Dein Nachbar klopft an die Wand, er ruft nach Dir, aber Du schweigst. Du bist nicht mehr in der Lage, Dir einen Baum oder eine Blume vorzustellen, in Dir ist es dumpf geworden, Du weißt nicht mehr wie Deine Eltern aussehen und Deine Geschwister, Du weißt nicht mehr, wie Du selbst aussiehst. In den folgenden Wochen holen sie Dich immer wieder zum Wasserschlucken, seitdem kannst Du überhaupt nicht mehr schlafen, Du schreckt jede halbe Stunde auf, weil Du glaubst ertrinken zu müssen, das Wasser ist ein Feind geworden, noch nicht einmal die Spülung am Klo willst Du benutzen, weil Du das Geräusch nicht mehr erträgst. Und Du willst Deine kleine Zelle nicht mehr verlassen, auch nicht mit Deinem Nachbarn sprechen und immer wenn die Tür aufgeht, fängst Du unwillkürlich an zu zittern.

Doch dann beginnt die nächste Etappe, ein anderer Raum mit einem Tisch und einem Stuhl in der Mitte, sie setzen Dich auf den Stuhl. Auf dem Tisch sind Lederbänder festgenagelt, in die Deine Finger passen. Deine linke Hand wird befestigt, dann holt ein Mann einen Hammer aus seiner Tasche und schlägt damit, ohne Dich etwas zu fragen, erst auf Deinen Zeigefinger, dann auf den Ringfinger, Du schreist auf vor Schmerzen. Der Mann mit dem Hammer höhnt, Du hättest Deinem Nachbarn erzählt, dass Du unschuldig bist und hält den Hammer wieder hoch, Du bettelst um Gnade und keuchst, dass Du ein Terrorist bist und alles erzählen wirst. Der Mann schnallt Deine blutende Hand ab, Du hältst sie mit der anderen fest und schaffst es gerade so zu laufen, ein Aufseher stützt Dich und bringt Dich auf Deine Matte. Wie betäubt bist Du hingestreckt, den Schmerz spürst Du vorerst nicht, nur langsam schleicht er sich in Deinen Körper, Deine Finger kannst Du nicht mehr bewegen, sie sind unförmig geworden. Dir geht durch den Kopf, ob sie wohl noch die andere Hand verstümmeln werden, es ist nur noch düster in Deinem Kopf.

Aber es kommen ruhige Wochen, niemand fragt Dich etwas, keiner holt Dich ab, bis zu dem Tag als ein Arzt und ein Vernehmer gemeinsam Deine Zelle betreten. Sie sagen, heute sei Deine letzte Chance, Du befürchtest das Schlimmste und Du solltest Recht behalten. Du betrittst einen Raum, in dem einige Aufseher mit Peitschen stehen und schon andere Gefangene nackt übereinander auf dem Boden liegen, umringt von kläffenden Hunden. Du wirst gefragt, ob Du Dich dazulegen willst, aber Du schüttelst den Kopf. Einer lacht Dich aus und stellt Dich auf eine Kiste, zieht Dir eine Kapuze über den Kopf und befestigt Drähte an Deinen Armen und zwischen Deine Beine. Dann sagen sie Dir, dass Du stehen bleiben sollst, sie würden Dir kleine Stromstöße verpassen, falls Du aber von der Kiste fällst, wird es für Dich tödlich ausgehen. Du spürst ruckartige dumpfe Schmerzen durch Deinen Körper fließen, die Stellen, an denen die Drähte befestigt sind, stechen wie heiße Nadeln, bis sich Dein ganzer Leib anfühlt, als würden heiße scharfe Gegenstände blitzschnell durch ihn hindurch gezogen. Schon nach wenigen endlosen Sekunden bist Du für den Tod bereit und lässt Dich kopfüber fallen. Die Stromstöße hören auf, Du lebst noch und die Aufseher amüsieren sich darüber. Einer nimmt Dir die Kapuze vom Kopf, Du siehst die anderen Häftlinge immer noch nackt übereinander liegen, mit den Blicken schamhaft auf den Boden gerichtet. Dir ist alles egal, auch wenn sie Dich mit dazulegten, Du würdest es klaglos geschehen lassen, aber Du wirst in Deine Zelle gebracht. In Dir ist kein Lebenswille mehr, in Dir ist kein Hass, keine Sehnsucht, keine Wut, keine Liebe, gar nichts. Du dämmerst nur noch vor Dich hin, isst und trinkst, wenn sie Dir etwas bringen, gehst auf Dein Klo und auch eine Runde auf den Betonhof, Du sprichst nicht mehr, Du wüsstest auch nicht worüber, Deine Sprache vergisst Dich.

Nach einer Weile besucht Dich der freundlich strenge Mann von damals, als Du hier ankamst. Er fragt Dich, ob Du noch verstehen kannst, was er jetzt zu sagen hätte, Du gibst ein leises Ja von Dir. Und er fährt fort, dass er zu der Überzeugung gekommen sei, dass Du unschuldig bist, man Dich aber nicht entlassen kann, weil Du eine Gefahr für andere darstellen könntest, es wäre wohl auch kein Land bereit, jemanden wie Dich aufzunehmen und es täte ihm unendlich Leid. Er ergänzte, dass Menschen Fehler begehen, das läge in ihrer Natur und schließlich ist die Sicherheit seines Heimatlandes bedroht, so dass man lieber einen zu viel verhaftet, als einen zu wenig, denn dieser könnte ein Mörder sein. Die gegenwärtigen Zeiten sind schwer für alle und auch die Arbeit hier im Gefängnis ist für alle Beteiligten nicht einfach. Dann geht er und Du bleibst.

Vernichtungsschmerz

Februar 9, 2009 von Juliane Catarina Rautenberg

Wie ein harter Schatten streift mich das Leben täglich und seine Kälte sehe ich an meinem rauchigem Atem. An den inneren Wänden meines Schädels hängen die Skelette meiner Vorfahren, aus ihren leeren zahnlosen Mäulern schreit es:

Was ich mir etwa eingebildet hätte, ein schönes Leben haben zu wollen!

Der innere Krieg hört nie auf und das alte Elend schiebt sich ständig durch meine Gedanken.

Ich habe ein Recht auf den Nachklang meiner einsamen Kindheit. Die fröhlichen Fotos in meinem Album sprechen eine andere Sprache, die Rolle der fotogenen Mama als ewiges Beweisstück. Wenn die Kamera anwesend war, wurde mir eine Zuwendung zuteil, die ich sonst nicht kannte.

Im Haupt meiner lächelnden Mutter hingen keine abgelebten Knochen und sie nahm sich das gute Dasein mit einer Welle aus physischer Bestätigung und dem stundenlangen blonden Spiegelbild. Ihre Schritte waren immer so schnell, dass ich neben ihr rennen musste, meine Worte konnten ihre zurechtweisenden Sätze nicht überstimmen. Kalt war ihre Hand und knochig, nicht für mich geschaffen. So hing ich über der Erde fest, in einem Käfig voll von Gespenstern. Die Folgezeit meiner Geburt war reine Nebensache.

Mein Vater jagte von Frau zu Frau, mit diesen Trophäen tapezierte er Schicht um Schicht sein Stammhirn. In den anderen Bereichen seines Kopfes fraß die Sucht nach Anerkennung jedes andere Gefühl. Meine Eltern waren jung, in Armut geboren und fest entschlossen, sich nach oben zu treten, ich war ein immer verfügbarer Teppich. In diesem Drama hatte jeder Recht und so war die Freiheit der Selbstverwirklichung mein eisiger Feind.

Mit Angst wurden meine Gedanken aufgeladen und das Leben, das vor mir lag, war ein abschüssiger dunkler Pfad und führte in ein böses Erwachen. In meinen kindlichen Augen taten die Großen so geheimnisvoll, als wüssten sie immer, was zu tun sei, gaben Befehle und diktierten ihre Überlegenheit. Wie Würmer schrumpften sie entsetzlich für mich zusammen, als ich ihr Tun später durchschaute, den Selbstbetrug in ihrer wohligen, abgestandenen Existenz.

Der Ekel befiel meinen gezeugten Leib. Ich, halb Mutter, halb Vater, eine Hure und den dazu gehörenden Bock, beide wie ich ein noch pulsierendes Fleisch. Mein Blut bestand aus Feindseligkeit, das mit Abscheu seine kreisförmigen Bahnen durch meine Adern pumpt.

Längst waren meine Wünsche ausgewandert und jeder Herzschlag schlägt mich weiter durch eine Welt, die mich nicht kennen will.

Ich war schon eine dem Tod Geweihte vor meiner Jugend, die mich verstoßen hat wie überflüssiger Schutt. In ein Gefängnis aus Finsternis gelegt bleibt alles Menschliche von mir fern. Meine Sehnsucht lässt mich mechanisch Amok laufen gegen jede Art von Hoffnung.

Sanft ruht der Hass auf meinen Schultern und die Verachtung für das, was mich gebar. Die Mutter, die endlich das Gesicht bekommt, das sie verdient, der Vater, den der Krebs gepackt hat. Unerträglich sind mir die jungen Mütter auf den Straßen, mit ihren sinnreichen Blicken auf ihre Brut.

Aber nichts will mir die Lebensenergie wirklich rauben, die nicht versiegen will, ich esse und trinke noch, doch ich wünschte, ein kleines schwarzes Loch würde mich lautlos verschlingen. Süchtig inhaliere ich den Rauch von Zigaretten, eine schlimme Krankheit erwartend. Rauchen kann tödlich sein, lese ich, immer diese leeren Versprechungen.

Meine Erinnerungen sind der Schrecken, der mich nicht auslöschen will. Auf das Vergessen kann ich nichts als warten und den Tod fürchte ich, weil er mich nicht beenden würde.

Schreiben ist das, was mich am langsamsten umbringt.

Siegel

Februar 4, 2009 von Juliane Catarina Rautenberg

Ein Siegel bedeutet ein Ende, aber der Inhalt dessen, wird wohl nie enden. So war der letzte Prophet ein Beglaubiger aller seiner Vorgänger, aber sein Wort im Sinn ein ewig wandelbares, ein unergründliches. Das Wissen, so die Schrift, liegt allein bei Gott, und welche Anmaßung, zu denken, wir Menschen könnten mit dem Verständnis der geschriebenen Sätze über andere richten.

Mohammed empfing den Koran mit dem Willen, eine in die arabische Sprache gegossene Form mitzuteilen, als einen Abschluss der anderen Heiligen Schriften gedacht, als ein Angebot, das einen Lernprozess vorschlägt, der die Jahrhunderte zuvor wenig Früchte getragen hatte. Die Worte der früheren Propheten fanden nicht die Kraft, die sich durch Taten in die gemeinte Richtung bewegen sollte.

Liebe für alle, Hass für keinen. So die Quintessenz, die Grundlage des Koran. Diese klare Botschaft, die schon längst verkündet war, sollte uns wieder in Erinnerung gerufen werden. Nichts ist stärker als die Liebe Gottes und keine menschliche Macht steht über der Göttlichen, die reine Gnade und Vergebung ist. Ein großzügiges Verstehen des Fremden, geborgen im Einverständnis der Gültigkeit von gleichen Rechten für jedermann.

Stattdessen hören wir noch immer den Schrei der Unterdrückung, der Vernachlässigung und die Bereitschaft, das Gefühl am Rande zu stehen mit Gewalt zu überwinden. So tief sitzt der Schmerz, dass Menschenopfer nicht nur gepredigt, sondern geschaffen werden. Junge Geschöpfe, die sich den leidvollen Einflüssen und der Hoffnung auf ein jenseitiges Paradies nicht entziehen können, die sich selbst als entrechtet sehen und die Schuld dafür denen geben, von denen sie sich verraten und beherrscht fühlen. Geschürt wird ein im Opferstatus steckengebliebenes kollektives Selbstmitleid, das in Brutalität mündet, weil es nur sich allein kennt.

Wenn die frühe Selbstmordstunde anbricht, lodert das Fegefeuer des blinden Glaubens, der sich nicht zu rechtfertigen weiß. Wer darf dann noch wem für seinen Glauben danken und soll der Tod wirklich ein Schutz gegen den Zweifel sein. Terror ist die pure Verzweiflung, doch der Krieg dagegen ist die pure Dummheit, die uns alle in den Abgrund führt und doch scheinen wir uns wie fremdgesteuert genau dahin lotsen zu lassen.

Statt sich der Zukunft zu verweigern, sollten sie doch heilen, unsere gemeinsamen Wunden und wir gegen das Trauerspiel den Schritt der Freiheit vollziehen und uns an das Gute binden. Nicht die Gottesfurcht engt unser Wissen ein, es ist die Furcht vor uns selbst. Durch unser Handeln glauben wir Strafe auf uns zu ziehen, dabei sind wir es selbst, die uns strafen. Die Welt ist kein Gefängnis, kein Haus des Krieges und das Leben nicht nur eine Vorstufe zu höheren Dingen. Nicht der Gehorsam, sondern die Hingabe, die auf die Vernunft gegründet ist, das ist der Weg, der uns einen kann und der nur gleichberechtigt gemeinsam zu schaffen ist.

So wertvoll ist das einzige Leben, das wir besitzen, das wir verlieren. Doch um es auch leben zu können, müssen wir das Geschenk der Vielfalt von Religionen nutzen, die in ihrer Komplexität so reich an Schätzen der Menschlichkeit sind. Aber auch die Berufung auf die düsteren Seiten bleiben ein Teil unserer Identität, wie ein böser Fluch. Die Auskünfte der Schriften, die unsere grausamen Möglichkeiten unerbittlich ausloten, verdunkeln unsere Seelen, die schwer belastet bleiben mit der traurigen Geschichte unserer Verbrechen und Irrtümer. Und das Konkurrenzdenken in den Kategorien unterschiedlicher Glaubensrichtungen ist eine Folge des Missbrauchs von Macht, jegliche Geringschätzung eine Respektlosigkeit auch gegen die eigene Person.

Aber wir sind in der Lage im Vertrauen so zu reifen, dass sich die quälenden Widersprüche auflösen können. Alles ist besiegelt, alles in Sprache vollendet, unser gefährlichstes Gut, die prophetischen Worte funktionieren wie ein diesseitiger Spiegel. Wirklich zu verstehen und danach zu lieben, das lässt uns werden, was wir sind. Liebe für alle, Hass für keinen. So einfach ist das Gebot und so schwer zu leben.